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Bewerbung Ein Job für einen Tag

24.07.2005 ·  Arbeit auf Probe: Immer mehr Unternehmen wollen Bewerber vor einer Anstellung näher kennenlernen. So wollen sie feststellen, ob ein Kandidat ins Team passt. Arbeitsrechtler halten unbezahlte Testphasen jedoch für „rechtlich hoch problematisch“.

Von Henrike Roßbach
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Einigen Unternehmen genügen Bewerbungsmappen, Vorstellungsgespräche und Assessment-Center offenbar nicht länger. International sprachen sich in einer Studie 58 Prozent der befragten Personal- und Finanzmanager dafür aus, Stellenanwärter - vor allem auf Jobs im Finanz-, Rechnungs- und Bankwesen - einen Tag lang zur Probe arbeiten zu lassen.

In Deutschland waren es sogar 72 Prozent. Das geht aus einer Umfrage des internationalen Personalvermittlers Robert Half Finance & Accounting hervor. Befragt wurden 1561 Finanzmanager aus Unternehmen verschiedenster Branchen und Größen in neun Ländern. Die überdurchschnittlich große Liebe der deutschen Personalchefs zum Schnupperarbeiten gibt dem Begriff Minijob eine ganz neue Prägung.

Volker Rieble, Arbeitsrechtler an der Universität München, hält unentgeltliches Probearbeiten allerdings für „rechtlich hoch problematisch“. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts gelte das Prinzip des Lohnwuchers auch, wenn jemand nur eine Stunde ohne Bezahlung arbeite. In Ordnung gingen unbezahlte Schnupperpraktika für junge Bewerber, die noch nicht ausgebildet seien. Wenn jemand aber studiert oder einen Beruf gelernt habe, sei es fraglich, ob „Erprobungen“ zulässig seien. Zusätzlich folge der Entgeltpflicht die Sozialversicherungspflicht. Arbeitgeber, die für ihre eigentlich entgeltpflichtigen Probearbeiter keine Sozialabgaben abführten, könnten sich strafbar machen.

Es kommt nicht nur auf das fachliche Können an

Zumindest die Personalverantwortlichen bei der Commerzbank halten sowieso nichts von Probetagen. „Wir verfügen über gute Auswahlverfahren“, sagt Folke Werner vom zentralen Stab Personal. Bewerber würden zunächst anhand ihrer schriftlichen Unterlagen bewertet, dann werde mit einigen ein „strukturiertes Telefoninterview“ geführt. Wer in die engere Auswahl kommt, muß ein zweitägiges Assessment-Center bestehen. „Danach haben wir eine sehr hohe Trefferquote.“ Ein bis drei Tage zur Probe arbeiten, das sei eine „klinische Situation“, meint Werner. „Wir empfinden das als viel zu kurz.“ Sechswöchige Praktika seien da schon besser.

Und um festzustellen, ob Bewerber und Unternehmen wirklich zusammenpassen, nutzt die Commerzbank lieber die gesetzliche Probezeit von einem halben Jahr. Auch in der Medienbranche werden Bewerber zum Praxistest gebeten. Der Nachrichtensender n-tv zum Beispiel testet Bewerber durchaus ein oder zwei Wochen lang und hat nach eigenen Angabe gute Erfahrungen damit gemacht. „Das ist ein vernünftiges Kennenlernen beiderseits“, sagt der Sprecher des Senders, Philip Hiersemenzel, „ein gegenseitiges Beschnuppern.“ So könne man herausfinden, ob jemand in das Team passe und wie ein Bewerber mit Stresssituationen umgehen kann.

Bewährt haben sich Probearbeitstage scheinbar in der Hotellerie - zumindest für junge Bewerber. Im Fünf-Sterne-Haus „Frankfurter Hof“, das zur Steigenberger Hotel-Gruppe gehört, ist es schon lange üblich, junge Leute, die sich für eine Ausbildung interessieren, drei Tage lang zu testen. Angehende Köche, Hotelfach- oder Hotelkaufleute lernen die Küche kennen, werden im Service, also „am Gast“, eingesetzt - inklusive Zimmer reinigen - oder schauen sich in der Buchhaltung um. Die kurze Zeit würde reichen, sagt Personaldirektorin Anja Dieken. Es käme schließlich weniger auf fachliches Können an als darauf, zu sehen, ob die jungen Leute ins Hotel paßten, ob sie Fragen stellten, interessiert seien. „Die großen Fünf-Sterne-Häuser machen das alle.“

Personalberater: Nicht gleich nein sagen

Internetforen jedenfalls sind voll von Beiträgen, in denen verunsicherte Jobsuchende auf Ratschläge hoffen. Eine junge Bewerberin, die als Mediengestalterin arbeiten will, fragt, was sie bei dem verlangten Probearbeitstag in einer Werbeagentur so alles erwartet. Viele antworten, weil viele in dieser Branche die gleiche Erfahrung schon gemacht haben. Ein junger Mann hat eine Nacht lang auf Probe und ohne Bezahlung hinter dem Tresen einer Kneipe gestanden. Alles lief ganz wunderbar - den Job bekam er aber trotzdem nicht.

Nun fühlt er sich als billige Aushilfe und fragt, ob das Rechtens sein könne. Eine Pflegerin soll ausgerechnet in der Nachtschicht probearbeiten - obwohl dann nur wenige andere Pfleger anwesend sind. Ein Restaurant sucht einen „Demi Chef de Partie“ und fordert eine Woche Probearbeit. Ein junger Assistenzarzt sucht im Netz eine Möglichkeit, sich durch Arbeiten auf Probe bei einem möglichen Arbeitgeber vorzustellen. Der Minijob ganz neuer Prägung scheint in den unterschiedlichsten Berufsbildern Einzug zu halten, scheint Akademiker ebenso zu betreffen wie junge Leute auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Bei der Bundesagentur für Arbeit ist zu hören, im Zweifelsfall sollten Bewerber auf das Probearbeiten eingehen. Vor allem, wer sich länger als nur einen Tag bewähren soll, kann sogenannte Trainingsmaßnahmen der Arbeitsagenturen annehmen. Dann zahlt die BA auch während der Testphase in einem Unternehmen die bisherigen Leistungen weiter, auch Fahrtkosten können übernommen werden.

Selbst Arbeitsrechtler Rieble rät Bewerbern, nicht gleich nein zu sagen, wenn ihnen ein Unternehmen Probearbeitstage vorschlägt. „Ich würde 'ja' sagen, und wenn ich den Job bekomme, den Ärger herunterschlucken.“ Falls aus der Stelle nichts werde, könne der Bewerber auch im nachhinein eine Bezahlung verlangen Ein bis zwei Tage ohne Lohn zu arbeiten sei „kein himmelschreiendes Unrecht“. Wenn die Probearbeit aber länger angelegt sei, dann gehe das über eine „Beschnupperung“ hinaus.

Quelle: F.A.Z., 23.07.2005, Nr. 169 / Seite 56
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Jahrgang 1979, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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