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Bespitzelung in Großbritannien British Angst

Im Gegensatz zu den Deutschen haben die Briten gelassen reagiert, als sie erfuhren, dass ihr Geheimdienst milliardenfach E-Mails und Telefone anzapft. Sie akzeptieren das für ihre Sicherheit.

© dpa Vergrößern Diese Überwachung ist sichtbar: Auf einem Bahnhof von London

Man wundert sich über Großbritannien, das nach einem alten Lied nicht nur „hope and glory“ eine Heimat bieten will, sondern auch „the free“ - den freien Bürgern. Viel mehr als Achselzucken war den Briten nicht zu entlocken, als sie erfuhren, dass ihr Geheimdienst täglich Milliarden von E-Mails und Telefongesprächen anzapft. Ist die Nation, die George Orwell („1984“) und Aldous Huxley („Brave New World“) hervorgebracht hat, arglos geworden? Bedeutet dem einstigen Volk der Nonkonformisten die Privatsphäre nichts mehr? Was ist los auf der Insel?

Jochen Buchsteiner Folgen:    

Womöglich hätte die Reaktion anders ausgesehen, wären die Ausspäher und Speicherer - in Einzelfällen wohl auch die Mitleser und Zuhörer - keine Briten, sondern, sagen wir, Deutsche. Es sind aber die eigenen Behörden, und denen wird ein Kredit eingeräumt, der von Jahrhunderten vergleichsweise guter Erfahrung unterfüttert ist. Der britische Staat hat sich nie fundamental gegen seine Bürger gewendet, und dort, wo Fehlverhalten sichtbar wurde, gelang die Korrektur im Rahmen des Systems. Schon Charles I. (1600 bis 1649) wurde, als er sich über das Recht erhob, von den eigenen Untertanen enthauptet, bevor sie dann (nach dem Cromwell-Interregnum) im Jahr 1660 Charles II. einsetzten.

Der staatliche Alltag stellt dieses Grundvertrauen oft auf die Probe, erschüttern kann er es nicht. Erst dieser Tage lernten die Briten, dass V-Männer in den neunziger Jahren Angehörige, Freunde und Anwälte des von Rassisten ermordeten Stephen Lawrence ausspionierten, um die Glaubwürdigkeit der Opferfamilie zu unterminieren. Das wird zu Recht als skandalös empfunden, aber die meisten Briten vertrauen darauf, dass Untersuchungen den Sachverhalt klären und einem Amtsmissbrauch die Ahndung folgt.

Ein umfassenderes Schutzbedürfnis als früher

Der Glaube an den dienstältesten Rechtsstaat, der die Briten andere Gebilde - nicht zuletzt das europäische - als unterlegen wahrnehmen lässt, ist eine Quelle britischen Selbstbewusstseins. In Zeiten allgemeiner Verunsicherung und postmoderner Befindlichkeiten wird er auch zu einem Ort der Geborgenheit. Auf einigen Feldern pochen die Briten noch immer stärker als andere Völker auf ihre Rechte gegenüber dem Staat, etwa wenn es um Haus- und Grundbesitz geht oder um die Steuern; auch ein Personalausweis ließ sich bisher nicht durchsetzen. Doch eingeschlichen hat sich eine neue Ängstlichkeit, für die man Teile der persönlichen Freiheit zu opfern bereit ist.

Die hat nicht nur mit dem islamistischen Terror zu tun, der Britannien stärker bedroht als andere Staaten Europas. Das grausige Attentat von Woolwich, bei dem im Mai ein Soldat von zwei fanatisierten Islamisten massakriert wurde, führte den Briten gerade einmal mehr vor Augen, dass die Gefahren nicht von außen kommen, sondern aus der Mitte der Einwanderungsgesellschaft. Das stärkt das Verlangen nach mehr staatlicher Kontrolle und schwächt die Sorge vor einem Daten-Leviathan.

Doch die „Angst“ - eines der wenigen deutschen Wörter, die Eingang in die britische Sprache gefunden haben - reicht tiefer und nährt sich nicht nur aus der Furcht vor Terror. Die Gewöhnung an insgesamt relativ friedliche Zeiten, eine (trotz Rezession) anhaltende Saturiertheit und nicht zuletzt kulturelle Einflüsse aus den Vereinigten Staaten haben Wahrnehmungen und Prioritäten verschoben und haben ein umfassenderes Schutzbedürfnis gedeihen lassen. Die „stiff upper lip“, mit der die Briten früher souverän über Unannehmlichkeiten, Widrigkeiten, auch über Gefahren hinweggingen, ist zittrig geworden. Mehr als früher werden heute Unheil, Risiko oder zumindest eine Störung der Ordnung gewittert.

Der großen staatlichen Nanny an die Brust

Das schlägt bis auf die Freie Rede durch, den Grundpfeiler der Westminster-Demokratie. Die „politische Korrektheit“ hat den Korridor, in dem Meinungen über Kulturen, Religionen oder Geschlechterfragen ausgetauscht werden dürfen, spürbar verengt. In der vergangenen Woche wurde der amerikanischen Aktivistin Pamela Geller, die sich gegen eine muslimische Begegnungsstätte am „Ground Zero“ einsetzt, die Einreise ins Königreich verwehrt, weil sie dem „öffentlichen Wohl nicht zuträglich“ sei. Die Nation, die den „speakers‘ corner“ erfand, fürchtet inzwischen die scharfe politische Auseinandersetzung.

Gefahren ziehen die Briten in ihren Bann. Morde, Entführungen oder Einbrüche, die andernorts lediglich als traurige gesellschaftliche Begleiterscheinungen abgehandelt werden, schieben sich auf der Insel oft vor die politischen Nachrichten. Hausbesitzer, selbst junge, sprechen über nichts so gerne wie über ihre privaten Überwachungssysteme. Kein Vergnügungsort kommt ohne breitschultrige Türsteher mit Knopf im Ohr aus. Mehr als vier Millionen Kameras montierte der Staat in den vergangenen Jahren an öffentlichen Plätzen; die meisten Briten fühlen sich wohler mit ihnen, nicht unwohler.

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Auf alles und jedes wird man im Königreich hingewiesen, auf Schildern, in Behördenschreiben, von Aufpassern - und meistens geschieht dies „zur eigenen Sicherheit“. Selbst die Gesundheit ist zu einem sensiblen Schutzgut geworden, das man am liebsten unter öffentliche Aufsicht stellt. Dirigistische Vorstöße ehrgeiziger Gesundheitspolitiker dürfen sich stets breiten Beifalls sicher sein. Plakatkampagnen zwingen die Bürger dazu, sich täglich der Verantwortung dem eigenen Körper gegenüber zu stellen, von der Früherkennung bis zur Impfung. Das strenge Nichtrauchergesetz wird eingehalten und nicht einmal in jenen Hinterhofclubs verletzt, wo der politischen Rebellion gefrönt wird. Im Mutterland der Freien werfen sich immer mehr Bürger der großen staatlichen Nanny an die Brust.

Quelle: F.A.Z.

 
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