15.02.2012 · Seit Jahren versucht die Gesellschaft Frauen in den Naturwissenschaften zu fördern. Jetzt haben sie es selbst in der Hand. Zwei Fachgesellschaften bekommen ihre ersten Präsidentinnen.
Von UTA BILOWDie wissenschaftlichen Fachgesellschaften gelten eher als Hort der Tradition denn als Felder neuer Entwicklungen. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), deren Geschichte bis in das Jahr 1845 zurückreicht, ist die älteste nationale und mit fast 60 000 Mitgliedern auch größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Auf immerhin einhundertvierzig Jahre Historie blickt die etwa halb so große Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) zurück.
Die Geschicke beider Vereinigungen wurden all diese Jahre stets von Männern gelenkt. Nun aber erhalten beide Fachgesellschaften, GDCh und DPG, erstmals eine weibliche Spitze. Bei den Chemikern hat Barbara Albert von der TU Darmstadt das Amt zum Jahresbeginn angetreten. Und bei der DPG übernimmt die Heidelbergerin Johanna Stachel im April 2012 die Präsidentschaft.
Diese beiden gewählten Präsidentinnen sind zunächst einmal ein eindeutiges Signal, dass es mit der Chancengleichheit vorangeht. Frauen stehen heutzutage vielfältige Karrieren offen. Kein ernstzunehmender Mensch würde heute ihre naturwissenschaftliche Kompetenz anzweifeln. Bei Marie Curie und ihren vielen unbekannten Zeitgenossinnen war dies noch ganz anders. Dennoch wissen auch Frau Stachel und Frau Albert, dass der akademische Erfolg und die damit verbundene Anerkennung immer noch ungleich auf beide Geschlechter verteilt sind.
Davon zeugt die niedrige Quote unter den Hochschullehrern - gerade einmal jeder zehnte Chemie-Lehrstuhl wird mit einer Frau besetzt, dabei sind inzwischen fast vierzig Prozent der Studienanfänger weiblich. Die Situation ähnelt der in Wirtschaft und Politik, wo nach wie vor zu wenige Frauen in Führungspositionen zu finden sind. Von beiden Präsidentinnen wird daher erwartet, dass sie sich während ihrer zweijährigen Amtszeit auch dafür einsetzen werden, die Positionen von Wissenschaftlerinnen zu stärken.
Es muss zudem gelingen, mehr junge Frauen für ein naturwissenschaftliches Studium zu begeistern - in Zeiten von Fachkräftemangel und demographischem Wandel ein dringend notwendiges Vorhaben. Was aber brauchen fachlich kompetente und leistungsstarke Kandidatinnen außer Ehrgeiz und Entschlossenheit, um in der Industrie und an der Hochschule aufzusteigen?
Sicher ist, dass weibliche Vorbilder bei der Orientierung einen wichtigen Beitrag leisten. Sie machen vor, was man mit dem Studium anfangen kann und wie man bei der Karriereplanung Privatleben und Beruf unter einen Hut kriegt. "Durch meine Anwesenheit als DPG-Präsidentin wird für junge Frauen sichtbar, dass sie es in der Physik genauso zu etwas bringen können wie ihre männlichen Kollegen", meint Johanna Stachel.
Barbara Albert möchte keinesfalls als exotisches "role model" wahrgenommen werden. "Ich mache gar nichts Revolutionäres", kommentiert die 45 Jahre alte Wissenschaftlerin ihre Karriere. Sie versuche, Vereinbarkeit von Beruf und Familie vorzuleben. Dazu gehöre auch, dass sie Kernarbeitszeiten einhalte, aber ausufernde Sitzungen pünktlich verlasse, um ihr Kind vom Hort abzuholen. Inzwischen erlebt sie, dass mitunter auch die Männer darauf pochen, ein Privatleben zu haben.
Während ihrer Amtszeit will die neue Chemiker-Präsidentin das Thema Geschlechtergerechtigkeit ansprechen, wann immer es passt. "Auf vielen Ebenen und in kleinen Schritten sehe ich Erfolgschancen", sagt Frau Albert. Beispielsweise könnten neue Wissenschaftspreise den Namen von erfolgreichen Forscherinnen erhalten, was bisher viel zu selten geschehen ist. "Die Mathematikerin Emmy Noether", sagt Barbara Albert, "kannte doch auch fast niemand, bevor die DFG ein Förderprogramm nach ihr benannte."
Innerhalb der Gesellschaft Deutscher Chemiker gibt es seit zehn Jahren einen Arbeitskreis, der sich für Chancengleichheit in der Chemie (AKCC) engagiert. Passend zum Amtsantritt der Präsidentin gestaltet der AKCC in diesem Jahr die "Chemische Wochenschau" auf der Website der Gesellschaft mit regelmäßigen Berichten von Frauen und auch Männern über deren vielfältige Karrierewege, außerdem will man auf Unternehmen hinweisen, die Chancengleichheit erfolgreich umsetzen.
Übrigens: Auch andernorts scheint kein Weg mehr an den Frauen vorbeizuführen: In der ehrwürdigen britischen Royal Society of Chemistry wird zur Jahresmitte eine schottische Chemikerin die Präsidentschaft übernehmen, und auch in der American Chemical Society bekleidet demnächst eine Frau das höchste Amt.
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