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Gerald Hüther Hinaus ins Weite

Erst floh Gerald Hüther aus der DDR, dann aus der Wissenschaft. Wann immer dem Hirnforscher eine Sache zu eng wurde, ließ er sie sein.

© Pilar, Daniel Vergrößern Raus aus dem Schafstall: Gerald Hüther ließ seine Familie in der DDR zurück.

Gerald Hüther steht noch einen Moment allein draußen vor dem Hörsaal im Schnee. Er zieht an einem Zigarillo, der Rauch fliegt vor die Sonne. Hüther will scheinbar gern in Ruhe gelassen werden von den Leuten, die aus dem Saal strömen, er tut so, als bemerke er sie nicht, und dreht den Kopf ins Licht.

Diesmal hat er in Bonn geredet, an der anthroposophischen Alanus-Hochschule. Das war einer von Hunderten Vorträgen. Er ist ein gefragter Redner. Er spricht frei, eine Stunde lang, und der Zuhörer merkt: Da ist nicht so viel Eitelkeit wie sonst. Der ist echt. Also gibt es auch hier, wie so oft, wenn Hüther spricht, stehende Ovationen. Von der Waldorflehrerin, vom Bundeswehroffizier. Man muss ihn wohl mögen. Seine freundliche Stimme, seine Bescheidenheit, seine Geschichten.

Der Spürsinn der Lachse

Hüther hat erzählt von den jungen Lachsen, die als alte Fische an den Ort ihrer Geburt zurückziehen: Sie finden diesen Ort, weil sie sich an seinen Geruch aus der Kindheit erinnern. Wenn sie ihn dann wieder erreicht haben, laichen sie und sterben. Auf die Idee, dass sich der Geruch im Hirn speichere, seien die Lachsforscher spät gekommen, sagt Hüther. Die hatten dem Hirn dieser Lachse erst mal eine wunderbare Orientierungsfähigkeit wie einem GPS-Gerät zugeschrieben. Irgendwann habe einer die Idee gehabt, die Motivation des Lachses zu suchen. Er fand heraus, dass der Fisch sich nach dem Geruch orientiert. So wird aus Hirn- und Verhaltensforschung eine Geschichte etwa von der Sehnsucht nach dem Ursprung.

Hüther ist Geschichtenerzähler, auch wenn er als Hirnforscher, als Wissenschaftler durchs Land tourt. Von der Wissenschaft hatte er schon vor Jahren genug. Er suchte Erzählungen und fand Lachse, Kleinkinder, Sehnsucht und Begeisterung. All das hat freilich auch etwas mit Hirn zu tun.

Zwischen Uniklinik und Vortragssaal

Nun springt er hin und her zwischen seinem Büro an der Uniklinik in Göttingen, wo er Professor ist, Fernsehsendungen und Vortragssälen. Es war ihm wohl wie dem Faust gegangen, in den neunziger Jahren - er wusste immer mehr und verstand doch nicht, worauf es ankam. Der Hirnforscher: sezierte das Hirn, kannte schon jede Windung darin - und hatte keine Ahnung, wie, oder besser, warum es funktioniert. Hüther schnitt Hirne von Tieren auseinander und erwarb sich in Wissenschaftskreisen einen Ruf als Kenner spezieller Funktionsbereiche des Rattenhirns.

 Gerald Hüther - der Göttinger Hirnforscher und Buchautor spricht über seine Karriere mit Jan Grossarth © Pilar, Daniel Vergrößern Hüther ist vor allem ein Geschichtenerzähler.

Dann reichte es ihm. Hüther wechselte weg von dieser Hirnforschung und wurde Professor für Psychiatrie an der Uniklinik Göttingen. Später schrieb er, mit Mitte vierzig, ein erstes populärwissenschaftliches Buch über die Angst und das Gehirn - etwa drei Jahre dauerte das, denn manchen Satz hat er zwanzig Mal schreiben müssen, bis er endlich die hölzerne Sprache der Fachwelt abgeschüttelt hatte.

Er verkauft Begeisterung

Er fand den Ton. Bis heute hat Gerald Hüther rund zwanzig Bücher geschrieben. Drei sind allein im vergangenen Jahr erschienen. Auf den Klappenseiten stehen Sätze wie: „Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn.“ Seine Themen: die Lebenswelt der Kinder, gute Kindererziehung, das schlechte Schulsystem, Liebe, innere Bilder, die digitale Welt - immer vom Hirn aus betrachtet. Oder das Hirn selbst. Von der Lebenserfahrung aus betrachtet.

Vorträge hält er auf Ärztetagungen, in Aussteigerkommunen, auf Anti-Aging-Kongressen und im Sparkassenverband. Jede Woche kämen wohl zwanzig Anfragen, schätzt er. „Ich überlege dann, ob ich den Leuten etwas zu sagen habe, und wenn ja, sage ich zu.“

Ein Mann für viele Fälle

Ein Treffen in Göttingen, seiner neuen Heimat seit 1978. Hüther trinkt drei Kaffee, isst eine Schokotorte und ist trotzdem ganz schlank. Er wollte gern in dieses Café, das betulich-großmütterliche Crohn & Lanz in der Innenstadt, gehen. Die besten Torten Göttingens. Er trägt einen lustigen grünen Pullover, die Jacke liegt auf dem Stuhl.

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Hüther rührt in vielen Töpfen. In Prechts ZDF-Sendung war er Premierengast, er beriet die Regierung in Bildungsfragen, schreibt aber auch schon mal einen bejahenden Aufsatz über öko-soziale Gemeinschaftsbewegungen dieser Tage in esoterischen Managementmagazinen. Er coacht Führungskräfte in der Toskana, unterrichtet Studenten, schmiedet Initiativen für kindergerechtere Schulsysteme, menschengerechtere Unternehmen.

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