Home
http://www.faz.net/-1w7-751da
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Berufsstart Muss ich da jetzt jeden Tag hin?

Endlich ein Vertrag, endlich in den Beruf starten. Das heißt aber auch: acht Stunden am Tag arbeiten und kurze Ferien. Der Berufsbeginn ist eine Umstellung.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Die Universität bescherte Freiheit. Ein Montagmorgen ohne Minnesang und Neidhart-Lieder war immer drin, gelegentlich schwänzte ich das Seminar. Für eine Krankmeldung interessierte sich eh keiner. Das war im Zeitungsvolontariat schlagartig anders: Schluss mit Schwänzen, der vielzitierte Ernst des Lebens hatte begonnen. Plötzlich strangulierte eine überschaubare Zahl Urlaubstage das Jahr. Als junge Volontärin reagierte ich darauf unsouverän, aber irgendwie auch menschlich: Ich hortete Urlaubstage bis zum Jahresende und schob das gute Gefühl vor mir her, beim (nie eintreffenden) Redaktionskoller einfach einen Monat abdüsen zu können. Was mir prompt Zwangsurlaub im nebelgrauen November bescherte. Jedenfalls war der Start in den Traumberuf toll, aber auch ambivalent: Statt Zeilenhonorar lockte ein Gehaltszettel, aber der Tag war fortan fest verplant, Sonntagsdienste vereitelten spontane Verabredungen.

Ursula  Kals Folgen:    

„Der Eintritt in den Beruf beschert einen großen Schub, erwachsen zu werden“, sagt die Potsdamer Wirtschaftspsychologin Corina Hausmann. „Jetzt gelten Rahmenbedingungen wie bei Erwachsenen bis hin zur Tatsache, selbst Miete zu zahlen.“ Seien in der Schule noch „viele Spielräume möglich, geht das im Beruf nur bedingt“, sagt der Hamburger Psychologe Andreas Hermanns.

Mangel an Disziplin

Der Sprung in die Arbeitswelt überfordert manchen. Vom Klassenraum in die Werkstatt zu wechseln, das fällt selbst motivierten Azubis schwer. „Manche Ausbilder beklagen einen Mangel an Disziplin“, beobachtet Brigitte Scheuerle von der Frankfurter Industrie- und Handelskammer. „Azubis kommen mal zu spät und haben größere Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten. Was man früher vom guten Elternhaus mitbekommen hat, das schwindet.“ Die Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung verteilt aber auch Lob: „Wir hören ebenso, die jungen Leute seien lösungsorientierter. Macht ihnen eine Sache Spaß, beißen die sich richtig rein.“

Mehr zum Thema

Durch den Wegfall der Wehrpflicht sind junge Männer heute anders sozialisiert. „Bei der Bundeswehr oder im Zivildienst hatten sie schon Übung darin, wie es ist, zu arbeiten, sich dennoch nach der langen Partynacht auf den Arbeitsweg zu begeben“, sagt Coach Hermanns. Durch die straffen Zeitpläne des Bachelor-Studiums fällt es vielen Studenten offenbar nicht mehr so schwer, Selbstdisziplin und Eigenverantwortung im Beruf umzusetzen. „Sie sind im Studium zackiger organisiert, können ihre Zeit nicht frei einteilen, weil sie ein so großes Pensum haben“, fasst Corina Hausdorf zusammen.

Treiber und Getriebene

Hermanns skizziert zwei Gruppen unter den Einsteigern: junge Leute, die sich als Teil der Leistungsgesellschaft empfinden und sich hoch angepasst ihrer Karriereplanung widmen. „Sie haben ein hohes Leistungsmotiv, eine große Erwartungshaltung, kennen keine Berufsrealität und haben Bilder im Kopf, was zum Beispiel ein Manager macht.“ Das sei mit attraktiven Dingen bis hin zum Dienstwagen XXL verbunden, da werde gerne vom sogenannten „Surrounding“ gesprochen. Die andere Gruppe sehe die Schule nur als Vorstufe, lasse das Leben auf sich zukommen, gehe nach Versuch und Irrtum vor. „Sie gucken mal, was Spaß macht.“ Ihren fragmentarischen Lebenslauf verkauften sie einem Personalchef selbstbewusst.

Was alle eint: „In der Regel findet keine professionelle Begleitung der Berufseinsteiger statt. In vielen Fällen ist die Abteilung ,Kaltes Wasser‘ immer noch besetzt. Da findet durch den existentiellen Druck einer Leistungsgesellschaft eine Zwangssozialisation statt“, kritisiert Hermanns. Eine ungute Situation, denn Anfänger kennen keine Routinen. „Sie googeln sich bei unklaren Arbeitsaufträgen blöd.“ Manchmal sei die Selbsthilfe erfolgreich, baue aber eine falsche Erwartungshaltung bei Vorgesetzten auf, die überzeugt seien, die Neuen könnten das. „Die Einsteiger haben wiederum keinen Erfahrungszuwachs und scheitern eher zeitverzögert.“ Das ließe sich vermeiden. „Personalbegleitung ist eine lohnende Investition fürs Unternehmen“, findet Hermanns und lobt Programme wie „Scout“, bei dem Mentoren die Einsteiger begleiten, oder auch vertrauliche Führungszirkel, bei denen der Nachwuchs auf Alphatiere des Unternehmens trifft. „Von dem Erfahrungsaustausch profitieren alle.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.12.2012, 16:26 Uhr