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Veröffentlicht: 17.06.2014, 14:45 Uhr

Bahnlärm im Mittelrheintal „Wir haben ein Monstrum geschaffen“


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Problem Bremssohlen

Ja, die Grauguss-Bremssohlen. Um die geht es immer wieder. Wenn der Zug damit bremst, dann entstehen durch die Hitze Abschmelzungen, dadurch werden die Fahrflächen der Radsätze rauh, was wiederum zu Schwingungen führt, die abgestrahlt werden und einen Höllenlärm machen - und zwar nicht nur beim Bremsen. Inzwischen gibt es bessere Bremsklötze, sogenannte Verbundstoff-Bremssohlen, die nicht aufrauhen. Das hat man natürlich nicht nur in der Schweiz erkannt, sondern auch in Deutschland. Der in Lahnstein anwesende Vertreter des Bundesverkehrsministeriums machte allerdings deutlich, dass es die Schweizer mit gesetzlichen Regelungen einfacher hätten, weil sie nicht in der EU sind und daher nicht so abhängig von Partnern wie zum Beispiel Frankreich oder Polen, in denen das Thema Lärmschutz noch ziemlich niedrig gehängt wird.

Die Bundesregierung sucht daher noch nach einer rechtlich wasserdichten Möglichkeit, wie man so ein Verbot, etwa über das Allgemeine Eisenbahngesetz, doch hinbekommen könnte. Aber auch so sei, das beteuerte die ebenfalls anwesende Lärmschutzbeauftragte der Deutschen Bahn, die Umrüstung auf die neuen Bremsen schon voll im Gange.

Finanzielle Anreize für Lärmschutz

Ziel ist, den Bahnlärm bis 2020 zu halbieren. Seit knapp zwei Jahren gibt es dafür einen Anreiz: das zwischen Bund und Bahn vereinbarte sogenannte lärmabhängige Trassenpreissystem für den Schienengüterverkehr. Das sieht Ausgleichszahlungen für diejenigen Waggonhalter vor, die umgerüstet haben. Das Problem dabei: Es wird nur maximal so viel Geld gezahlt, wie die Umrüstung gekostet hat. Die neuen Bremsen sind aber auch im Betrieb teurer, teurer als die alten. Folge: Gerade private Anbieter warten noch ab, um sich durch niedrigere Betriebskosten Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Die Dinge haben also eine ziemlich abstrakte Dimension - und eine schmerzlich konkrete. Das wurde im letzten Teil der Konferenz deutlich, in dem wiederum Désirée Duray die Wortmeldungen aus dem Kreis der etwa 200 anwesenden Betroffenen entgegennahm. Folgende waren exemplarisch: Ein Ökonom aus Königswinter warb beinahe flehentlich dafür, die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten zum Maßstab der Beurteilung des Bahnverkehrs im Mittelrheintal zu machen. Er rief: „Unsere Kinder können nicht mehr schlafen, die Unternehmen ziehen ab, die Orte bluten aus. Wir haben ein Monstrum geschaffen.“

Eine Frau aus dem Publikum setzte hinzu: „Warum behandeln Sie das Problem nicht ganzheitlich, warum ist kein Gesundheitspolitiker, kein Bildungsexperte auf dem Podium?“ Ein Dritter: „Noch können wir unsere Leute in den Bürgerinitiativen im Zaum halten. Und wir wollen das auch weiterhin. Aber wissen Sie, was bei Bürgerversammlungen los ist? Da wollen Leute Fahrräder in die Oberleitung schmeißen.“

Schließlich ein Vierter: „Es ist den Menschen gelungen, einen Tunnel unter dem Ärmelkanal zu graben. Wir sind die drittgrößte Industrienation der Welt. Warum soll so etwas nicht auch hier gelingen können - nicht mehr für uns, aber für unsere Kinder und Kindeskinder?“

Nachdem der Vertreter des Bundesministers dem hinter diesem Gedanken stehenden Prinzip beigepflichtet hatte, beendete Désirée Duray die Konferenz. Exakt in diesem Moment wurde bekannt, dass Michael Schumacher aufgewacht und - natürlich - in die Schweiz gebracht worden sei. Fazit: Geht alles, wenn man nur will.

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