21.04.2005 · Chinas Automobilhersteller haben nur eine Chance, den gefährlichen Ausleseprozeß durch die Öffnung des Landes für die erfahrenen Produzenten aus dem Westen zu überleben, wenn sie rasch wachsen und sich Märkte im Ausland schaffen.
Duane Henson braucht sich über Nachfrage nicht zu beklagen. "Ich habe in dieser Woche elf Termine mit chinesischen Herstellern und ich gehe davon aus, daß dabei elf Verträge unterzeichnet werden", sagt Henson. Der Brite ist kein Aufschneider, sondern er bietet an, was im China dieser Tage gefragt ist: Er ebnet den Automobilherstellern den Weg ins Ausland.
Mit seinem Unternehmen Skelmore mit Sitz in Amman und Dubai vertreibt Henson Automobile im Mittleren Osten. Von Jordanien aus bedient er etwa den Markt in Iran. "Dort herrscht riesige Nachfrage." Dabei macht er keinen Hehl daraus, daß er in seinem Portfolio vor allem Kopien von Fahrzeugen der großen Hersteller aus dem Westen, aus Japan und Korea hat. "Das aber sind klasse Automobile. Ein nachgebauter Toyota-Geländewagen ist für unter 10000 Dollar zu haben, mit Holzlenkrad, Ledersitzen und Fernsehschirmen in den Kopfstützen", schmunzelt er. Die Geländewagen der chinesischen Dadi Auto Co. seien damit Produkte, auf die die Araber nur warteten.
Was bei Henson noch nach einem Nischengeschäft aussieht, ist in Wirklichkeit der Beginn eines Trends, der über kurz oder lang alle großen Märkte der Welt erreichen wird. Chinas Automobilhersteller haben nur eine Chance, den gefährlichen Ausleseprozeß durch die Öffnung des Landes für die erfahrenen Produzenten aus dem Westen zu überleben, wenn sie rasch wachsen und sich Märkte im Ausland schaffen. "Sie müssen alle rausgehen, oder sie werden überrollt", sagt Henson. Das bislang aufsehenerregendste Beispiel war das Ringen der Shanghai Automobile Industry Corp. (Saic), des chinesischen Partners von Volkswagen und General Motors, um die britische Rover-Gruppe. Auch wenn eine Übernahme daran scheiterte, daß das Objekt der Begierde einerseits zu abgewirtschaftet, andererseits zu teuer war, hegt niemand in der Branche Zweifel daran, daß Saics Versuch einer Übernahme einer Traditionsmarke nicht der letzte war. "Die Unternehmen haben - spätestens nach einem Erfolg der angestrebten Börsengänge - Geld genug, um sich im Ausland zu bedienen", sagt Michael Dunne, Präsident der Marktanalysten von Automotive Resources Die Staatsunternehmen wagen den Sprung über die Chinesische Mauer zudem mit der vollen Unterstützung ihres Eigentümers. Denn die Regierung in Peking hat schon vor Jahren angekündigt, drei Weltklasseunternehmen hochziehen zu wollen.
Auf der kommenden Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt werden in diesem Herbst mit BMW-Partner Brilliance, mit Chery und Geely erstmals drei chinesische Hersteller ihr Publikum suchen. Brilliance hatte gerade erst den Gang nach Europa verkündet. Geely will den Markt in Amerika erobern. Bislang sind die Absatzzahlen freilich noch verschwindend gering: Im vergangenen Jahr exportierten chinesische Hersteller gerade einmal 9335 Personenwagen. Allerdings ist dies schon ein Zuwachs von 227 Prozent. Der Löwenanteil von 6000 Einheiten entfiel dabei auf Chery. Der Hersteller aus Anhui führte seine Wagen nach Syrien, in den Irak, Iran und nach Ägypten aus. Geely hat angekündigt, mittelfristig zwei Drittel der Produktion im Ausland absetzen zu wollen. "Exporte in großem Maßstab werden eine Realität, die von Tag zu Tag augenfälliger wird", heißt es bei den Analysten von Pricewaterhouse Coopers. "Am Ende dieser Dekade werden sich mehrere chinesische Hersteller als Spieler im Weltmaßstab positioniert haben. Sie werden getrieben von großzügigen Finanzspritzen der Regierung, um so ihre Export-Ambitionen umsetzen zu können." Zwei große Hürden indes müssen die Chinesen nehmen, wollen sie wirklich in großem Maße in die gesättigten Märkte des Westens vordringen: Sie müssen ihr Image verbessern und ein Vertriebs- und Service-Netz aus dem Nichts aufbauen. Euro Motors will den Vertrieb für die Brilliance-Limousine Zhonghua M1 übernehmen und mindestens zwei Drittel des geplanten Europa-Absatzes in Deutschland verkaufen. Besonders interessant erscheinen preisgünstige Geländewagen aus China. So konnte Jiangling-Importeur Peter Bijvelds in den Niederlanden innerhalb eines knappen Monats 300 Einheiten des Landwind verkaufen. Bis Ende April will er einen Vertriebspartner in Deutschland gefunden haben. Eine besondere Rolle kommt dabei den großen Schnell-Service-Ketten zu. Brilliance plant, die Automobile im Auslieferungslager Bremerhaven zu übergeben: Der Käufer hat dann zuvor einen Kaufvertrag mit einer der großen Service-Ketten abgeschlossen.