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Auf der Straße des Todes

28.12.2004 ·  Aus dem thailändischen Urlaubsparadies Khao Lak hat die Welle ein Leichenfeld gemacht / Von Christoph Hein

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KHAO LAK, 28. Dezember. Seine Kamera konnte er gerade noch festhalten. Seine Frau, seine drei Kinder aber sind verschwunden, fortgerissen von der Welle, die wie eine Faust aus Stahl auf das Land einschlug. Die alles zertrümmerte, was im Weg stand. Die die Strandstraße im thailändischen Khao Lak in Sekundenschnelle in eine Straße des Todes verwandelte. Die am zweiten Weihnachtstag aus einem tropischen Urlaubsparadies zur Hochsaison ein kilometerlanges Leichenfeld machte. Mehr als 700 Ausländer sollen von der Wasserwand zerschmettert worden sein, heißt es am Dienstag mittag. Die Zahl der toten Thailänder nennt keiner. Und nun steht Manfred Hoger (Name von der Redaktion geändert) hier, hat die Tüte mit der Kamera abgestellt, ist ganz kühl und sagt mit fester Stimme: "Sie werden nicht mehr wiederkommen. Die Zeit ist abgelaufen. Ihre Leichen zu finden könnte ich nicht ertragen." Hunderte von Metern ist die Wasserwand über das flache Land gerast, bis sie sich an den Hügeln brach. Sie fegte die neuen Strandhotels einfach fort, die sich entlang der grünblau schimmernden Küste der Andamanensee wie Perlen an eine Schnur reihen. Auch das Sofitel Magic Lagoon. Es muß ein liebliches, gepflegtes Haus gewesen sein. Ein riesiger Pool mit Elefantenköpfen im Zentrum, Buddhas ragen aus poliertem Marmor. Cremefarbene Mauern und dunkles Holz strahlen asiatische Ruhe aus. Nun aber sitzen Soldaten auf dem Boden, Gesichtsmasken gegen den Leichengeruch vor dem Mund. Ihre Unimogs haben den Schutt, die Koffer, die Matratzen, die Wäsche, die auf die Auffahrt gespült wurden, zerquetscht. Ein schwarzer Damenschuh, ein Büstenhalter, Kinderschuhe im Schlamm. Alle Fenster und Türen des Hotels sind zerdrückt. Das Haus war U-förmig gebaut, offen zum Meer hin. Das Wasser hatte freie Bahn. Nun ist rund um das Sofitel ein einziges Trümmerfeld.

Am Sonntag um zehn sind die Uhren hier stehengeblieben. Auch noch am Dienstag morgen liegen neben dem Pool die Leichname von Urlaubern. Der Körper eines Mannes in Badehose hängt in einer Palme, daneben hat sich eine Waschmaschine verfangen. Das Sofitel wird zum Sinnbild des Grauens, ein Bild wie von Breughel oder Bosch. 319 Zimmer hatte das Haus, etwa 200 Urlauber - viele von ihnen angeblich Deutsche - werden am Dienstag mittag noch vermißt. Atmacan Zeynel, der türkisch-deutschstämmige Besitzer des Hotels, irrt in der Ruine umher. "Es geht nicht um meine Investition - auch wenn der Wert des Hauses wohl bei 100 Millionen Dollar lag. Es geht um meine Gäste, meine Mitarbeiter." Dann kann er nur noch schluchzen.

Es ist nun 48 Stunden her, daß die Wasserwand alles Leben am Strand gut 100 Kilometer nördlich vom Badeort Phuket ausgelöscht hat. Doch erst jetzt nimmt die Hilfe Gestalt an. "Wir sind am Montag abend hier eingetroffen, bergen seitdem Tote", sagt Kharumon, der Truppleiter der Rettungseinheit Rumkatanyu aus Bangkok. Die ersten seiner Leute seien noch mit dem Flugzeug hergebracht worden, die anderen dann mit Autos die ganze Nacht durch gefahren. Nun stehen sie hier im Ban Ba Laong Hotel, ein paar Kilometer vom Sofitel entfernt. Gefälschte Adidas-Turnschuhe an den Füßen, ziehen sie tote Urlauber aus den Klippen, hüllen sie notdürftig in zu kurze, bunte Decken. Zwischendurch gibt es Reis, in Bambusstämmen gekocht. Die Ketchupflaschen stehen noch vom Frühstück auf den gedeckten Tischen. Das Besteck dort rührt niemand an.

Auf dem, was bis zum Sonntag eine Straße war und nun eine Sandpiste ist, jagt ein Konvoi mit acht Toyota-Krankenwagen vorbei. Mittendrin eine Motorrikscha, auf der mit wehenden blonden Haaren zwei Urlauberinnen mit aschfahlen Gesichtern kauern. Sie sind auf dem Weg ins Krankenhaus oder nach Phuket zum Flugplatz oder sonstwohin, nur weg aus Khao Lak, fort aus diesem Inferno. Die noch hier sind, harren jetzt seit zwei vollen Tagen aus. Irren in Badehose und Bikini durch die Einöde, die wirkt wie nach einem Flächenbombardement. Rufen nach ihren Freunden oder Verwandten. Sehen die Toten, die hier seit zwei Tagen liegen oder in den Meerwasserlachen treiben. Streifen durch ein scheinbar unendliches Schlammfeld, auf das die Sonne am Tag mit gut 30 Grad brennt. Aus dem noch Schilder ragen, die auf das "Tropical Beach Resort", auf das "Orchid Garden", das "Le Meridien" und das "Khaolak Paradise" weisen. Doch geblieben sind nur noch die Grundmauern. Zwischen ihnen hat das Grauen Einzug gehalten.

Erst jetzt werden Sammelstellen eingerichtet. "Es ist eine Schande, eine einzige Schande", sagt Manfred Hoger da. "Niemand hat uns geholfen, niemand hat sich für uns interessiert - außer den thailändischen Dorfbewohnern, die uns mit Wasser versorgt haben." Wer die Welle überlebte, ist auf die Hügel gehetzt und hat den Sonntag und die Nacht auf den Montag dort oben verbracht - aus Angst vor Nachbeben und einer weiteren Welle. "Schwerverletzte waren dabei, andere standen unter Schock, fragten die ganze Zeit nur nach Sonnencreme." Am Montag dann seien Busse gekommen, "klimatisiert, beladen mit Wasser". Doch Hoger und viele andere freuten sich zu früh: "Die trugen Schilder von Meyers Weltreisen, LTU und Thomas Cook im Fenster. Aber sie haben nur diejenigen mitgenommen, die mit diesen Gesellschaften gereist sind. Alle anderen haben sie einfach hier im Chaos sitzen lassen. Sind halbleer zurückgefahren nach Phuket." Ein Vertreter der deutschen Botschaft verliert für einen Moment die Contenance: "Eine Sauerei ist dieses Verhalten", sagt er über die Reiseveranstalter, über die hier draußen alle klagen. Doch das Entsetzen über die Härte hört aus Sicht der Betroffenen bei den Abgesandten der Veranstalter nicht auf: "Wir haben uns am Montag dann durchgeschlagen zum Flugplatz, da saßen diejenigen, die gerettet waren, und haben Bier getrunken", sagt Manuel Merkdorf (Name von der Redaktion geändert). "Und wir? Hunderte sind doch noch hier draußen, auch unsere Familien." Er weint. Mit seiner Frau ist er am ersten Weihnachtstag in Khao Lak angekommen. "Sie hat gedrängt, daß wir einmal eine Fernreise machen", sagt der Lehrer. Morgens am zweiten Weihnachtstag sind sie zum Strand gelaufen. "Sie ist Geographin. Als das Meer plötzlich einen Kilometer zurückging, sagte sie noch lachend: Du, jetzt kommt eine Tsunami." Das waren die letzten Worte, die Merkdorf von seiner Frau hörte. Dann war da nur noch diese Hatz, dieses Rennen ums eigene Leben. Er konnte sich an den Dachfirst eines Hauses klammern, seine Frau war sofort verschwunden. "Aber sie muß irgendwo sein, sie ist viel tougher als ich. Es kann nicht sein, daß ich überlebt habe, sie nicht." Am Montag hat er sich zur Notstelle der deutschen Botschaft ins weit entfernte Phuket durchgeschlagen. Eine Odyssee. "Als ich es bis zum Flugplatz geschafft hatte, mußte ich die anderen Urlauber um Geld für ein Taxi anbetteln." Er trägt zwei verschiedene Sandalen, er humpelt, der Fuß ist verklebt von getrocknetem Blut. In der Notstelle der Botschaft in Phuket bekam er die 1200 Baht (24 Euro), die jeder Hilfsbedürftige erhält. "Das ist ja o.k. Aber der junge, smarte Mann, der dort hinter dem Schreibtisch saß, sagte mir: Wir können auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen. Sie müssen selber nach ihrer Frau suchen. Das hätte er doch nicht sagen brauchen."

Botschaftsmitarbeiter erzählen von Hunderten, die zu ihnen kamen. Von einer Nacht, die sie durchgearbeitet haben. Und davon, daß deutsche Urlauber sie mit Fragen behelligen wie dieser: In welchem Hotel in Phuket sollen wir nun die restlichen drei Wochen unseres Weihnachtsurlaubs verbringen? Doch auch die Diplomaten fühlen sich im Stich gelassen: von Berlin. Eine Bundeswehrmaschine mit 320 Plätzen wird an diesem Mittwoch in Phuket landen. "Warum erst am Mittwoch?" wird nicht einmal mehr hinter vorgehaltener Hand gefragt. "Gerade war ein Notfallteam vom Auswärtigen Amt und von der Bundeswehr zu Gast in Bangkok. Und nun, wo es darauf ankommt, dauert es 36 Stunden, bis ein Rettungsflugzeug kommt." Bis dahin bleibt nur das Suchen, das Hoffen, das Bangen. Das Schicksal hat neue Gruppen geformt: Ein Botschaftsmitarbeiter, ein Vertreter der LTU, Hoger und Merkdorf fahren gemeinsam zu den Sammelpunkten, zu den Krankenhäusern rund um Khao Lak. "Wir wollen die Deutschen hier rausholen. Aber wir haben keine Listen, keine Anhaltspunkte, keine Namen." Entsetzt sei man über die Arbeit und Organisation der Thailänder. "Es gibt keine gemeinsamen Rettungsstäbe, keine Koordination." In der Stunde der größten Verzweiflung versucht jeder hier, einen Schuldigen zu finden, dem Sinnlosen ein wenig Sinn zu verleihen. Die Urlauber klagen über die deutsche Botschaft, die sich nach Kräften müht und doch überfordert ist. Die wiederum klagt über die Thailänder. Eine thailändische Helferin indes sagt: "Wir tun doch alles, was wir können. Aber die Menschen hier haben ihre Angehörigen genauso verloren wie die Fremden ihre Verwandten. Wir stehen doch alle unter Schock." Die größte Sorge: Thailändische Offiziere haben angekündigt, mit dem Verbrennen der Toten zu beginnen. Sie sind aber nicht identifiziert. Noch sind die versprochenen Fotos nicht gemacht, die Fingerabdrücke nicht genommen, kein Haarbüschel für eine Analyse abgeschnitten. Die Körper aber beginnen in der Hitze zu verwesen. An einem Abzweig der Straße sammeln sie die Toten. Werfen sie auf die Pritsche eines Isuzu-Lasters, 30, vielleicht 40. Wohin sie gefahren werden? Niemand scheint es hier zu wissen. Es wird viele Vermißte geben in Khao Lak.

Zu ihnen werden auch die knapp 60 Toten zählen, die an einem Tempel vor Khao Lak auf dem Rasen liegen. Sie sind mit Stoffbahnen oder Pappe notdürftig abgedeckt - die meisten waren augenscheinlich Urlauber. Eine Liste aber hat hier niemand geführt, viele der Leichen sind unkenntlich in Badekleidung irgendwo angeschwemmt worden. "Ich habe sie alle gesehen, meine Frau ist nicht dabei", sagt Merkdorf. Davor haben die Thailänder Särge gestapelt: Erst die üblichen, aus gelben Holzplanken. Weil diese nicht reichen werden, daneben welche aus rohem, unbehandeltem Holz. Und nun bringt ein Lastwagen noch einmal zwanzig weitere, mit einem Tacker aus weißer Preßplatte zusammengeheftet. Ein Mönch sitzt in seiner safranfarbenen Robe reglos auf einem Plastikstuhl. Ein paar Meter weiter stehen zwei adrett gekleidete Marineärztinnen, auf dem groben Holztisch vor ihnen liegt eine Spritze und ein wenig Verbandszeug. Am Dienstag morgen seien sie hier eingetroffen, sagen sie - am Tag drei der Katastrophe. Offiziere in hellbraunen Uniformen mit viel Gold auf der Brust wedeln mit Listen. Die aber sind nicht abgeglichen, zum Teil in Thai verfaßt, ohne den Verbleib der hier Aufgenommenen zu vermerken. Der Botschaftsentsandte fragt: "Wie wollen Sie mit so was arbeiten?"

Die Fahrt geht weiter, zum Provinzkrankenhaus Thaimuang. Dort finden die vier endlich eine brauchbare Liste der hier Eingewiesenen und Behandelten: 86 Deutsche stehen darauf. Wo aber sind sie geblieben? Keiner weiß eine Antwort zu geben. Zwei Patienten liegen noch mit zerschundenen Körpern in den Zehn-Bett-Zimmern. Die anderen sind abgereist oder noch einmal zurück ins Inferno, weil sie die Suche nicht aufgeben können. Merkdorf zittert, sucht Halt an einem Baum. "Das hier war meine letzte Hoffnung. Sie steht nicht darauf. Aber ich fliege nicht nach Deutschland, bevor ich nicht weiß, was ist." Dann sagt er, nach der ersten Gischtwand habe er eine Frau im Wasser treiben sehen. Sie habe die Haarfarbe seiner Frau gehabt. "Wahrscheinlich war sie es doch." Er schluchzt. "Aber das kann nicht sein, sie war doch immer soviel stärker als ich."

Die Zahl der Todesopfer der schwersten Naturkatastrophe seit Jahren wird auf ewig unbekannt bleiben. Alle Zahlen, mit denen offizielle Stellen und inoffizielle Schätzer zu Werke gehen, sind Mutmaßung, zumal auch viele Opfer von den Flutwellen ins offene Meer gerissen wurden. So sind auch die Zahlen in der nebenstehenden Tabelle zu sehen, die sich auf offizielle Angaben beziehen oder auf örtliche Medienberichte. Die Angaben zu Indien schließen auch die mutmaßlich 3000 Todesopfer auf der indischen Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren ein, von denen bislang nur vage Angaben über Tote und Verletzte nach außen gedrungen sind. Mehrere tausend Menschen werden noch vermißt. Es wird befürchtet, daß die Gesamtzahl der Todesopfer bei weit mehr als 60 000 liegt. Die hier angegebenen Zahlen sind jene, die am Dienstag um 19 Uhr vorlagen. (F.A.Z.)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2004, Nr. 304 / Seite 7
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