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App für Mobiltelefone Die Taxi-Zentralen schlagen zurück

Reservierungssysteme auf Mobiltelefonen wirbeln den Taxi-Markt durcheinander. Jetzt setzen die Platzhirsche zum koordinierten Gegenschlag an.

© dapd Vergrößern „Gut gemacht und optisch ansprechend“: So nennen Taxifahrer die Anwendung My Taxi – und wollen nun auch eine eigene App anbieten.

Wolfgang Verbeek leitet einen traditionsreichen Verein. Er ist der zweite Vorsitzende von Taxi-Ruf Bremen, der größten und ältesten Taxi-Zentrale in der Hansestadt. Gegründet im Jahr 1894, trägt sie noch heute den schönen Titel „Verein kraft senatorischer Verleihung“. Seit mehr als hundert Jahren kutschieren ihre Mitglieder Fahrgäste durch die Stadt, früher waren es Droschkenbesitzer mit Pferd, heute die Chauffeure von rund 500 Taxen. Wenn Verbeek über Neueinsteiger wie den überregionalen Buchungsdienst My Taxi spricht, sagt er: „Darüber kann ich nur lächeln.“ Auch Thomas Lohse von der Hamburger Taxi-Zentrale Hansa-Funk gibt sich entspannt: „Wir glauben nicht, dass uns My Taxi das Wasser abgräbt."

So gelassen wie Verbeek und Lohse blicken aber längst nicht alle Taxi-Unternehmer in Deutschland auf den neuen Wettbewerber. Seit zwei Gründer aus Hamburg einen Dienst für tragbare Telefoncomputer (Smartphones) entwickelt haben, mit dem Kunden in ganz Deutschland ein Taxi ohne Umweg über die Zentralen direkt beim Fahrer bestellen können, ist die Branche alarmiert. Hinter vorgehaltener Hand sprechen viele Taxi-Unternehmer respektvoll über die Unruhestifter. Gut gemacht sei ihre Anwendung, optisch ansprechend und leicht bedienbar. Außerdem, so heißt es, hätten die Hamburger ein hervorragendes Marketing. Und vor einem Monat verkündeten die Gründer, dass sie außer der Telekom und der Staatsbank KfW auch noch den Autokonzern Daimler als Kapitalgeber und Partner gewonnen haben.

Nach Berechnung des Branchenverbands BZP tummeln sich in Deutschland rund 30.000 Taxi-Unternehmer. Viele von ihnen sind selbständige Fahrer mit einem oder zwei Wagen. Sie arbeiten in der Regel für eine Zentrale wie Taxi-Ruf Bremen, Rhein-Taxi Düsseldorf oder Taxi Berlin. In deren Geschäftsstellen sitzen Mitarbeiter, nehmen die Anrufe der Kunden entgegen und verteilen sie auf die angeschlossenen Fahrer. Durch die von den Zentralen vermittelten Fahrten kam die Branche nach Schätzung des Verbands im Jahr 2010 auf einen Umsatz von rund 4 Milliarden Euro.

Der von Jan Mewes und Sven Külper gegründete Dienst My Taxi greift dieses Geschäftsmodell frontal an. Fahrer können sich dort anmelden und bekommen Aufträge direkt auf ihr Mobiltelefon übermittelt, ohne dafür - wie bei den Zentralen üblich - pauschal mehrere hundert Euro im Monat bezahlen zu müssen. Abgerechnet wird je Fahrt. In der Regel sehen die Fahrer das als Zuverdienst und als eine Möglichkeit an, ihre Stehzeiten zu überbrücken, wenn über Funk keine Aufträge einlaufen.

Aus Sicht der Kunden ist die Anwendung komfortabel und praktisch. Sie sparen sich einen Anruf oder die Suche nach einer Telefonnummer und können zusehen, wie sich der Wagen auf dem Bildschirm ihrem Standort nähert. Bisher haben sich mehr als 7000 Fahrer bei My Taxi angemeldet. Wie viele Fahrten ihnen darüber täglich vermittelt werden, verraten Mewes und Külper nicht. Deshalb ist ihr Geschäftserfolg schwer zu beurteilen. Trotzdem fühlen sich die Zentralen herausgefordert: Mit einem koordinierten Gegenschlag wollen sie den frechen Eindringling ins Feld schlagen.

Schon heute haben viele Zentralen eigene Anwendungen (Apps) für internetfähige Telefone im Angebot. So können Kunden etwa ein Programm von Taxi-Ruf Bremen oder Hansa-Funk auf ihr Mobiltelefon laden und darüber einen Wagen rufen. Ihre Bestellung landet in der Zentrale, wo sie automatisch bearbeitet wird. Die Hamburger App funktioniert inzwischen auch in vielen anderen Städten. Denn all jene Taxizentralen, deren Apps auf der gleichen technischen Grundlage basieren, ziehen an einem Strang: Die Bestellung wird jeweils auf eine lokale Wagenvermittlung umgeleitet. „So kommen wir europaweit schon auf 42.000 Taxis mit 120.000 Fahrern", überschlägt Thomas Lohse aus dem Vorstand von Hansa-Funk.

Diese Kooperation allein könnte für My Taxi schon gefährlich werden. Doch die Zentralen gehen noch weiter. Sie wollen die drei führenden Anbieter dieser Programme, FMS/Austrosoft aus Österreich sowie die beiden deutschen Unternehmen Gefos und Seibt & Straub, dazu bringen, ihre Schnittstellen zu öffnen. Lohse sieht die Verhandlungen dazu auf einem guten Weg. Im Erfolgsfall seien europaweit 60 000 Taxis mit einer einzigen App erreichbar, die künftig möglichst einheitlich den Namen „Taxi.eu" tragen und zumindest in Deutschland flächendeckend funktionieren soll. "Damit können wir My Taxi gnadenlos ausstechen", prognostiziert Thomas Lohse.

Auch Kostengründe sprechen nach seiner Darstellung dafür, dass die Zentralen den Angriff von My Taxi parieren werden. Er rechnet vor, dass Hansa-Funk, mit 1200 Fahrern Hamburgs größte Taxizentrale, seinen Genossenschaftsmitgliedern für einen Monatsbeitrag von 465 Euro durchschnittlich rund 700 Touren im Monat vermittelt. „Für eine Tour sind das 66 Cent, bei My Taxi zahlt der Fahrer 79 Cent. Damit sind wir 17 Prozent günstiger." Allein deshalb nutzten nur ganz wenige der Hansa-Funk-Fahrer zusätzlich die Dienste von My Taxi.

Hansa-Funk gilt in der Branche als eine besonders leistungsstarke Zentrale. Daher kann sie von Neumitgliedern ein „Eintrittsgeld" von bis zu 30.000 Euro verlangen. Anderen Zentralen, deren Vermittlungsleistungen schlechter sind, kann My Taxi mit seinem Preismodell vermutlich durchaus das Wasser reichen. Unzufriedene Fahrer könnten geneigt sein, sich die feste monatliche Vermittlungspauschale zu sparen und fortan ganz auf My Taxi zu setzen. Das funktioniert aber nur, wenn noch deutlich mehr Kunden als bisher die App benutzen. Genau das wollen die Zentralen nun mit ihrer Offensive verhindern. Der Kunde profitiert am Ende in jedem Fall: Für ihn wird es leichter, in einer fremden Stadt ein Taxi zu finden.

Quelle: F.A.Z.

 
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