Home
http://www.faz.net/-1v0-11bn5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Am Anleihemarkt zählt nur Sicherheit

16.12.2008 ·  Exorbitante Unterschiede: Zehnjährige Staatsanleihen aus Deutschland und den Vereinigten Staaten rentieren nur noch mit rund 3 Prozent. Erstklassige Unternehmen bieten zwischen 5 und 10 Prozent. Anleihen fragiler Schuldner erbringen Renditen von mehr als 20 Prozent. Von Gerald Braunberger

Artikel Lesermeinungen (0)

Der vorläufige Tiefpunkt wurde Anfang Dezember anlässlich einer Versteigerung amerikanischer Schatzanweisungen mit einer Laufzeit von vier Wochen erzielt: Die Anleger gaben sich mit einer Verzinsung von null Prozent zufrieden. Dabei war die Emission von 126 Milliarden Dollar sogar viermal überzeichnet. Nichts verdeutlicht die Flucht der Investoren in liquide Anlagen mit erstklassiger Bonität besser. Nicht die höchstmögliche Rendite ist gefragt, sondern vor allem und zuerst Sicherheit. Eine Anlage, die als nicht völlig sicher gilt, wird nur mit hohen Risikoprämien gekauft. Kurzum: Der Markt für Zinspapiere zeigt weitaus deutlichere Anzeichen für eine Krisenstimmung als der Aktienmarkt. Dort geht es zwar auch unruhig zu, aber von Panik kann dort zumindest bisher nicht die Rede sein.

Dabei werden vor allem die Vereinigten Staaten im kommenden Jahr die Belastungsfähigkeit des Kapitalmarktes testen: Alleine in den ersten beiden Monaten des Jahres 2009 wird die Nettokreditaufnahme 400 Milliarden Dollar erreichen. Nach Schätzungen mancher Ökonomen könnte sich der Kreditbedarf Washingtons im Gesamtjahr auf 2000 Milliarden Dollar belaufen, und das Finanzministerium räumt schon heute ein, dass eine solche Summe auf herkömmliche Weise nicht beschafft werden kann.

Daher denkt die Regierung an die Auflage von Papieren mit derzeit nicht gebräuchlichen Laufzeiten wie 30 Jahre, wie sie früher alle drei Monate ausgegeben wurden. Dreißigjährige Anleihen könnten auch für den Bund ein interessantes Finanzierungsvehikel darstellen, findet ein Partner einer großen Investmentbank: "Viele Versicherungen würden gerne Geld sehr langfristig anlegen. Dreißigjährige Bundesanleihen würden dort eine reißende Nachfrage finden."

Über die weiteren Aussichten für Staatsanleihen gehen die Ansichten weit auseinander. Vertreter der Ansicht, dass die Welt einer Rezession und Deflation entgegengeht, halten weiter steigende Kurse und - damit verbunden - sinkende Renditen für wahrscheinlich. So schreibt die Commerzbank in ihrem Marktausblick zwar, dass die Renditen von ihrem gegenwärtigen Stand eigentlich kaum noch nennenswert sinken können. Inwieweit Potential vorhanden ist, hängt nach ihrer Einschätzung aber stark von der amerikanischen Geldpolitik ab: "Je mehr aber die Fed signalisiert, dass sie die Geldmarktzinsen für längere Zeit auf sehr niedrigem Niveau halten will, umso größer ist die Chance, dass die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen nachhaltig in den Bereich unter 2,50 Prozent vorstoßen kann." Allerdings schätzt die Commerzbank die Chancen auf Kursgewinne bei zehnjährigen Bundesanleihen etwas höher ein.

Unbestritten ist, dass die Regierungen der großen Industrienationen im kommenden Jahr die Märkte für Anleihen mit Neuemissionen geradezu fluten werden. Nach Schätzungen von Barclays Capital dürften alleine die Vereinigten Staaten Papiere im Nennwert von 1500 Milliarden Dollar verkaufen wollen. Dazu dürften Emissionen aus dem Euro-Raum von 938 Milliarden Dollar kommen, weitere 957 Milliarden Dollar aus Japan sowie 235 Milliarden Dollar aus Großbritannien. Auch wenn berücksichtigt wird, dass es sich hierbei um Bruttobeträge handelt und diese Staaten im gleichen Zeitraum auch umfangreiche Tilgungen alter Anleihen vornehmen werden, bleibt nach Abzug der Tilgungen immer noch eine Netto-Kapitalaufnahme der großen Industrienationen von weit mehr als 1000 Milliarden Dollar. Hinzu kommt, dass nun auch die amerikanische Notenbank Federal Reserve Board die Ausgabe eigener Anleihen prüft. Solche Papiere dürften von den Ratingagenturen als ebenso sicher bewertet werden wie amerikanische Staatsanleihen.

Um das Geld der Anleger wetteifern die Staaten mit Unternehmen, die ebenfalls erhebliche Beträge am Anleihemarkt aufnehmen müssen. Dies gilt zum einen für viele Banken, die im kommenden Jahr auslaufende Anleihen refinanzieren müssen. Da die großen Banken in den Industrienationen de facto von Staatsgarantien profitieren, können auch sie Anleihen mit relativ niedrigen Kupons ausgeben.

Anders sieht es allerdings mit den Anleihen anderer Unternehmen aus. Hier müssen angesichts der Rezession und des Sicherheitsbedürfnisses der Anleger sehr hohe Renditen geboten werden, wie der Kupon von 9 Prozent für eine dreijährige Anleihe von Daimler belegt. "Die Renditedifferenz von Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen hat ein bisher noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht", heißt es in einem Marktkommentar der niederländischen Großbank ING.

Unternehmen mit niedriger Bonität müssen sogar Kupons von 20 Prozent und mehr bieten. Nach den Berechnungen der Deutschen drückt sich in den sehr hohen Renditen die Erwartung einer Ausfallwahrscheinlichkeit von 50 Prozent dieser Hochrisikoanleihen in den kommenden Jahren aus. Andererseits erwartet die Ratingagentur Moody's in den nächsten zwölf Monaten für Europa Ausfälle von 12,5 Prozent und für die Vereinigten Staaten von 10,7 Prozent.

Beschleunigt hatte sich der drastische Kursverfall der Unternehmensanleihen nach dem Untergang der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. Seitdem haben Fonds, die in solch hochverzinsliche Anleihen investiert haben, Kursverluste von rund 25 Prozent verzeichnet. Immer mehr Marktteilnehmer kommen allerdings zu der Ansicht, dass diese Kursverluste überzogen sind und Unternehmensanleihen daher eine attraktive Anlage darstellen. In den vergangenen Tagen haben sich die Renditeunterschiede zwischen Staats- und Unternehmensanleihen schon ein wenig verringert, auch wenn sie im historischen Vergleich immer noch sehr hoch bleiben.

Der französische Kaufhausmilliardär François Pinault beispielsweise verdankt einen guten Teil seines Vermögens dem kreditfinanzierten Kauf hochrentierlicher amerikanischer Unternehmensanleihen während einer Rezession in den achtziger Jahren. Allerdings gestalten sich solche Käufe nicht ganz einfach, da das Sicherheitsstreben der Großanleger für die niedrigen Kurse von Unternehmensanleihen nicht der einzige Grund ist. Hinzu kommt eine geringe Liquidität in diesen Märkten, die Großanleger gerade in schwierigen Zeiten abschreckt. Zudem stellt sich die Frage, ob der Anleger mit dem Kauf von Unternehmensanleihen nicht noch ein paar Monate warten sollte. Eine Betrachtung früherer Rezessionen zeigt nämlich, dass die Renditeabstände zu Staatsanleihen erst gegen Ende einer Rezession ihren Höchststand erreichten. Das Ende der aktuellen Rezession ist allerdings noch nicht absehbar.

Der direkte Kauf von Anleihen durch Anleger ist möglich, setzt aber nicht nur die Fähigkeit voraus, die Risiken eines Papiers einzuschätzen. Eine Hürde könnte auch der Mindestanlagebetrag von 50 000 Euro bilden, der bei vielen Anleihen verlangt wird und der belegt, dass es sich bei dieser Anlageklasse eigentlich um Papiere für Großanleger handelt. Daher bietet sich Investoren als Alternative der Einstieg in Fonds an, die ihrerseits in Unternehmensanleihen investieren.

Besonders empfohlen werden von Banken mittlerweile auch die sogenannten Wandelanleihen. Dabei handelt es sich um Unternehmensanleihen, die zu einem von vornherein festgelegten Kurs in Aktien umgetauscht werden können. Auch die Kurse der Wandelanleihen sind in den vergangenen Monaten erheblich unter Druck geraten, da die Hedge-Fonds als eine traditionell wichtige Käufergruppe gezwungen waren, Papiere zu verkaufen, um sich Liquidität zu verschaffen.

"Das Ergebnis dieser Verwerfungen ist ein Wandelanleihenmarkt, der so günstig bewertet ist wie zuletzt in den frühen neunziger Jahren", heißt es bei UBS Global Asset Management. Obwohl kurzfristig kaum mit einer Erholung des Marktes zu rechnen sei, erscheine mittelfristig eine Normalisierung möglich. "Für Anleger, die mit einer Erholung der Finanzmärkte rechnen und langfristig investieren, bieten Wandelanleihen zur Zeit durchaus Investmentchancen mit überdurchschnittlich gutem Risiko-Ertrags-Potential", schlussfolgern die Experten der UBS. Allerdings müsse der Anleger auch hier auf das Emittentenrisiko achten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen