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Als Steinbrück in die Sparkasse rein wollte

Der Kanzlerkandidat verglich das angeblich zu niedrige Gehalt eines Kanzlers mit dem eines Sparkassenverbands-Chefs. Das kennt er. Denn vor 15 Jahren strebte er diesen Posten an. Erfolglos. Von Manfred Schäfers

BERLIN, 6. Januar. Zum Sparkassenchef hat es nicht gereicht, dafür will er nun Bundeskanzler werden. Das Berufsleben von Peer Steinbrück ist reich an derart witzigen Wendungen. Der Kanzlerkandidat der SPD verfügt zwar anerkanntermaßen über Humor, Witz und eine scharfe Zunge, aber nicht jede Pointe kommt so, wie er es sich gedacht hat. Wer sich in den vergangenen Tagen gefragt hat, warum der frühere Bundesfinanzminister jüngst das in seinen Augen zu niedrige Gehalt des Bundeskanzlers ausgerechnet mit dem eines Sparkassenchefs verglichen hatte, dem konnte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nun weiterhelfen: Die F.A.S. rief in Erinnerung, dass Steinbrück selbst einmal Sparkassenchef hatte werden wollen, konkret: Präsident des Sparkassen- und Giroverbands in Schleswig-Holstein, also ihrer Dachorganisation im nördlichsten Bundesland.

Die Geschichte klingt so unglaublich, dass sie wahr sein muss: Mitte August 1998 wurde der gut dotierte Posten an der Spitze des Verbandes ausgeschrieben. Steinbrück war damals Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. Seine Chefin in Kiel war damals wie später in der großen Koalition in Berlin eine Frau: Heide Simonis. Mit Angela Merkel kam er später aber offenbar besser zurecht als seinerzeit mit Simonis, auch wenn er nun schon ausgeschlossen hat, nach der Bundestagswahl nochmals unter Merkel in ein Kabinett einzutreten, obwohl beide von 2005 bis 2009 nach allgemeinem Bekunden professionell in der großen Koalition zusammengearbeitet hatten - auch, weil sie einen ähnlichen Humor haben sollen.

Heide Simonis aber fand 1998 Steinbrücks Scherzerei weniger witzig. Zumal, wenn diese auf ihre Kosten ging. So hatte ihr Minister damals für eine engere Zusammenarbeit mit Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit dem Hinweis geworben. das Land könne sich ein „Klein-Klein auf Pepita-Niveau“ nicht leisten. Das war offensichtlich eine Spitze gegen Simonis, schließlich trug sie Kostüme mit dem Muster aus kleinen Karos. Verschärfend kam hinzu, dass Steinbrück zuvor intern über ihren „Kaffeekannen-Tick“ gespottet hatte. Es war bekannt, dass die Ministerpräsidentin es liebte, auf Flohmärkten nach alten Kannen zu suchen. Die Regierungschefin drohte ihm daraufhin öffentlich mit dem Rauswurf aus dem Kabinett. So kam Steinbrück vermutlich auf die Idee, zu den Sparkassen zu wechseln.

Doch das wusste seine Widersacherin zu verhindern, so dass es nichts aus dem mit 400 000 Mark im Jahr dotierten Posten wurde. Steinbrück blieb in der Politik, wechselte nach Düsseldorf, wo er zunächst ebenfalls Minister für Wirtschaft wurde, dann das Finanzressort leitete, bevor er seinen Freund Wolfgang Clement im Amt des Ministerpräsidenten beerbte - auch wenn er damit weniger als mancher Sparkassenpräsident verdiente.

Nach einer verlorenen Landtagswahl wurde der SPD-Politiker wenige Monate später Finanzminister im Bund. In dieser Funktion verteidigte Steinbrück das dreigliedrige Finanzsystem in Deutschland aus Privatbanken, Kreditgenossenschaften und Sparkassen. Zugleich kritisierte er das „Klein-Klein“ bei den Landesbanken, den regionalen Spitzeninstituten der öffentlich-rechtlichen Kreditwirtschaft.

Nach dem Ausscheiden aus der Regierung schaffte es Steinbrück als reisender Abgeordneter dann aber, so manchen Sparkassenchef finanziell abzuhängen: Sein auf die Finanzkrise und sein Wirken darin blickendes Buch verkaufte sich gut. Doch dessen Titel hätte Sozialdemokraten, die einer derartigen Einkommensmaximierung skeptisch gegenüberstehen, zu denken geben können. „Unterm Strich“, heißt das Werk. Das erinnert an die Kampagne der Postbank, die mit „Unterm Strich zähl ich“ seit 2008 um Kunden wirbt.

Das Postbank-Motto beschreibt den Politiker Steinbrück recht gut und dürfte ein Grund für seinen Fehlstart als Kanzlerkandidat sein. So hat Merkel Steinbrück in Beliebtheitsumfragen abgehängt. Zudem hat die SPD in der Sonntagsfrage wieder an Zustimmung verloren, zusammen mit den Grünen erreicht sie gerade einmal den Wert der Union. Die „Neue Zürcher Zeitung“ kommentiert bissig aus der Ferne: „Steinbrück tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste.“ Hätten CDU und CSU anfangs den Wirtschafts- und Finanzexperten noch für einen gefährlichen Gegner gehalten, so sähen sie dem Wahlkampf jetzt mit Gelassenheit entgegen. Für Steinbrücks Wahlkampf gelte die alte Fußballer-Weisheit: „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“

Auch das jüngste Wochenende lief für Steinbrück nicht gut. Erst gibt es die F.A.S.-Geschichte über seinen gescheiterten Anlauf, Sparkassenchef zu werden, dann titelt das Magazin „Der Spiegel“: „Um Kopf und Kanzleramt. Warum macht Peer Steinbrück so viel falsch?“

Er konnte seine Chefin Heide Simonis nicht mehr ertragen. So kam er darauf, zur Sparkasse zu wechseln.

Quelle: F.A.Z.

 
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