27.09.2007 · Der Schweizer Klaus Littmann greift in den öffentlichen Raum ein, dazu in einen nicht ungefährlichen: In China lässt er Studenten mit Schildern berühmter Künstler durch die Stadt marschieren. Die chinesischen Behörden reagieren irritiert.
Von Sandra Kegel, SchanghaiDie chinesischen Beamten sind irritiert. Was das für eine Veranstaltung sei, wollen sie wissen, und ob es dafür eine Genehmigung gebe. Die Fragen der chinesischen Obrigkeit kommen Klaus Littmann gerade recht, jetzt ist er in seinem Element: Denn die Provokation ist ein Grundmovens seiner künstlerischen Arbeit.
Der Schweizer hat zur Eröffnung der ersten Messe für Gegenwartskunst in China, die gerade erst in Schanghai stattfand, eine so spektakuläre wie gewagte Interaktion im öffentlichen Raum in Szene gesetzt. Vor dem Shanghai Exhibition Center, jener Trutzburg aus den vierziger Jahren, die Stalin einst Mao zum Geschenk machte und die als letztes historisches Relikt zwischen all den Wolkenkratzern ausharrt, lässt Littmann, während die internationale Kunstwelt die Messehallen ansteuert, vierundachtzig Studenten aufmarschieren.
Die Realität ist nur dem Zyniker erträglich
Die jungen Chinesen tragen - wie bei einer Demonstration üblich - Schilder mit Bildbotschaften vor sich her. Das ist politisch und ist es auch wieder nicht; denn alles, was den Anschein des Politischen und also Verbotenen vermitteln könnte, hat Littmann unterlassen. Die Plakate zeigen also Bilder von Künstlern, die speziell für dieses erste „Public Viewing“-Projekt auf chinesischem Boden entworfen und dann vervielfältigt wurden: Auf Robert Rauschenbergs buntbemaltem Schild prangt das Wort „ozone“; jeder kann sich hierbei freilich sein Teil denken. Schwieriger wird es bei den schrägen Guerrilla Girls aus Amerika, Jochen Gerz oder Daniele Buetti.
Auch Werke des angesagten chinesischen Gegenwartskünstlers Yue Minjun, dessen berühmte grinsende Gesichter mit zu vielen Zähnen, die der internationale Kunstmarkt als Werke des sogenannten zynischen Realismus derzeit hoch handelt, werden durch die Menge getragen. Der Franzose Ben Vautier schickt seine Bildträger mit den für ihn typischen, in Weiß auf Schwarz wie von Kinderhand geschriebenen Sätzen in die Welt: „Wir sind allein“, steht da zu lesen, „stop looking“, „Find your way!“ oder „Love and hate“.
Die Kunstfreiheit währt eine Olympiade
Die chinesischen Beamten lassen Klaus Littmann auf dem Vorplatz der Messehalle schließlich doch gewähren. Man will sich vor der Welt wohl nicht blamieren, jetzt, wo bald erstmals in China die Expo und die Olympischen Spiele stattfinden. Freilich hatte sich der sechsundfünfzig Jahre alte Littmann schon lange vorher um die Genehmigung seines Projekts gekümmert, und er hat nun Entsprechendes vorzuweisen. Unter anderem sandte er von der Schweiz aus sämtliche Motive an die chinesische Zensurbehörde, die dann tatsächlich alle Werke passieren ließ. Littmann selbst reiste nur mit den zusammengerollten Plakaten nach Schanghai, alles andere organisierte er vor Ort.
Eine Fabrik stellte die Holztafeln her, an der Universität rekrutierte er die Träger für die Schilder, und immer wieder fuhr er allein durch die Zwanzig-Millionen-Stadt, um nach geeigneten Orten für seine Interventionen zu fahnden. Denn natürlich ist es Littmanns Ziel, das Projekt aus dem künstlichen Milieu der Messe hinaus in den öffentlichen Raum zu transportieren. Dies ist ihm in Schanghai nur bedingt gelungen: „Ich bin aber schon froh, dass es überhaupt stattgefunden hat“, resümiert er nach Abschluss der mehrtägigen Demonstration.
Was sich nicht absehen lässt, sollte man verhindern
Tag und Nacht sind die Kunstmanifestationen im Einsatz. Unvermittelt treten sie einzeln oder in Gruppen auf, ihre Motive lassen auf poetische, irritierende und provozierende Art die chinesischen Passanten aufmerken, zu Tumulten kommt es indessen nie. Im Galerienviertel von Schanghai baut sich die Szenerie ebenso auf wie am Flughafen der Stadt, wo die Studenten unter die Wartenden in der Abfertigungshalle dirigiert werden - allerdings nur so lange, bis sich auch hier Uniformierte nähern und Littmann die Gruppe rasch auflöst: Konfrontationen, deren Folgen er nicht absehen kann, will er vermeiden.
Beschwerlich wird es, als er mit seinen Leuten, für die er zwei Busse gemietet hat, in die Armenviertel der Stadt fährt. Die dunkle Seite Schanghais wird Ausländern nicht gern gezeigt. Während man ihn dennoch gewähren lässt, wird ihm die Abschluss-Schau am „Bund“ untersagt: Die Prachtmeile Schanghais am Ufer des Huangpu, wo zahlreiche Jahrhundertwendebauten an eine illustre Vergangenheit aus der Zeit vor Mao erinnern, erschien den Behörden dann doch als zu riskant für die Quasi-Demonstration. Freilich wurde die kurzfristige Absage anders formuliert. Wer an jenem Samstag aber am Bund spazieren ging, fragte sich, wo überhaupt inmitten der Massen, die sich die Nanjing Road hinab zum Fluss bewegten, Platz für Littmanns Kunst-Demonstration gewesen wäre.
Neue Erfahrung des scheinbar Vertrauten
„Public Viewing“, so erklärt es der Veranstalter schließlich, glücklich erschöpft, sei „ein temporärer Eingriff in die Welt des scheinbar Vertrauten“, der es ermögliche, den gewohnten Raum sowie die eigene Position neu zu erfahren. Das Zusammenspiel von Ort und Motiv soll dabei zu Aussagen führen, die sich wiederum durch den Wechsel der Standorte verändern. Ausgelotet werden die Grenzen zwischen Kunst und Realität. Von Menschenhand bewegte Bilder sollen die Menschen bewegen - und den Standpunkt des Einzelnen gegenüber der Umwelt neu definieren.
Diese Idee kam Littmann bei einem Streifzug durch London, als er Leuten begegnete, die mit großen Hinweisschildern in der Innenstadt Werbung machten für Restaurants oder Musicals: Auch Kunst ließe sich, so Littmanns Gedanke, in beweglicher Form auf öffentliche Plätze und Einrichtungen bringen, was die Künstler, die er bat, daran teilzunehmen, sofort begeistert habe. Dass es diese Form öffentlicher Bekanntmachung allerdings schon im alten China gab, erfuhr Littmann erst bei einem Besuch in einem Museum in der chinesischen Provinz, wo er in den Vitrinen an Haltestangen befestigte Holztafeln entdeckte. Auf ihnen wurden in den vergangenen Jahrhunderten Gerichtsurteile verzeichnet, um sie in den Dörfern publik zu machen.
Shopping im Weltformat
Nach der Premiere in Schanghai zieht es Littmann mit seiner Schildermanifestation, die mal als Einzelauftritt, mal als Ensemble oder auch als Reihung in Erscheinung tritt, hinaus in die Welt. Er begreift sein Projekt als globale Kunstaktion, die er für europäische Metropolen wie London oder Berlin ebenso plant wie für Delhi, Hongkong, Bangkok, Singapur und New York. Jeder Auftritt wird mit Filmen und Fotografien dokumentiert. Finanzieren kann er, der Meisterschüler bei Joseph Beuys war, die nicht kommerzielle Arbeit freilich nur mittels Sponsoren: Verkaufen kann und will er sie nicht, jedenfalls noch nicht, wie er sagt.
Der pekuniäre Aspekt von Kunst war für Littmann, der als Sohn eines Journalisten und einer Schauspielerin 1951 in Lörrach zur Welt kam, stets nebensächlich, wie er sagt. Seine Laufbahn begann vor mehr als zwanzig Jahren als Galerist in Basel, wo er weniger durch erfolgreichen Handel als mit Happenings von sich reden machte: Bei seiner ersten Ausstellung „Fußball in der Vitrine“ stellte er nur Kunst aus, die nicht zu kaufen war. Auch kombinierte er Installationen von Jim Whiting mit einer Modenschau von Trudie Götz. Für die Ausstellung „Supermarkt“ ließ er seine Galerie 1990 von dem belgischen Künstler Guillaume Bijl in ein funkelndes Einkaufszentrum verwandeln, das Max Hollein so begeisterte, dass er es Jahre später nach Frankfurt in die Schirn holte für die Schau „Shopping“.
Wen Basel braucht, der hat Erfolg
Manche sagen bis heute, Littmann gehöre zu Basel wie die Pharmaindustrie und der Rhein. Das bewahrte ihn dennoch nicht vor einem finanziellen Fiasko, als er sich bei einer seiner Ausstellungen wirklich übernahm. Basel aber veranstaltete eine rettende Benefizauktion unter dem Motto „Basel braucht dich“ - mit Erfolg.
Mit „Public Viewing“ setzt Littmann nun ein Projekt fort, das, in Abwandlungen, seit Jahren stattfindet. Im Jahr 2001 etwa drückte er mit „Frontside“ der Basler Innenstadt seinen Stempel auf: Fünfundzwanzig Fassaden ließ er von Künstlern wie Jan Fabre, Jochen Gerz, Rosemarie Trockel, Klaus Staeck, Jenny Holzer oder Katharina Sieverding neu gestalten. Es folgten „Straßenbilder“ im Jahr 2003, „Punktleuchten“ 2004 und im vorigen Jahr „Move for Life“: Für das noch andauernde Kunstprojekt bedient Klaus Littmann sich der Außenwände von Vierzig-Tonnern als Träger von Botschaften. Die Lastzüge als Kultur-Trucks - gestaltet unter anderen von Franz Burkhardt, Jochen Gerz, Atelier van Lieshout und Xia Zheng - kreuzen bis heute auf den Autobahnen Europas, fahren zu Kunstmessen, demnächst auf Einladung der Stadt Madrid zur Arco, oder tauchen bei Trucker-Treffen, etwa am Nürburgring, auf.
Politiken von Raum und Zeit
Mit der Unabhängigkeit von Ort und Zeit will Littmann vor allem jenes Publikum erreichen, das sich jenseits der angestammten Orte von Kunst und Kultur bewegt. Er selbst spricht gar von „Demokratisierung“ der Kunst, die in diesem speziellen Fall eine konkrete Botschaft hat: Die mobile Kunst wendet sich gegen Armut, Gewalt, Rassismus und Umweltzerstörung. Keine Kunst um ihrer selbst Willen also. Klaus Littmann macht, in bewusster Tradition, Kunst, die berühren, verführen, die Reaktionen auslösen soll. Im postkommunistischen China, diesem Land der Extreme und Widersprüche und der Zensur, ist ihm das mit seiner Schilder-Aktion zweifellos geglückt. Woanders hat er es schwerer.