18.01.2012 · Am Golf von Aqaba in Ägypten kann man mit bunten Fischen tauchen oder auf Kamelrücken durch die Wüste reiten. Beides macht glücklich - und dabei bleibt man fast allein.
Von Elke SturmhoebelDer Coloured Canyon, von der Erosion über Jahrmillionen tief in den Sinai gefräst, ist ein Meisterwerk. Die Natur hat während des Schöpfungsaktes großzügig in die Farbtöpfe gelangt und in den roten Sandstein auch violett, dunkelbraun und strohgelb gemischt. Bis zu vierzig Meter sind die Felswände hoch, die Farben bilden darauf kunstvolle Muster. Yusuf Sliman Mohammed, der uns durch die enge Schlucht führt, zeigt auf eine Struktur im Gestein. Sie sieht aus wie arabische Schrift. "Allah" bedeute das Wort, sagt er und malt die Buchstaben mit dem Finger nach. Welcher Künstler in dem großartigen Canyon am Werk war, ist für den Ägypter klar.
Normalerweise laufen Scharen von Touristen durch die ein Kilometer lange Schlucht, die an manchen Stellen nur schulterbreit ist und den Besuchern einiges an Kraxelei abverlangt. Jedes Hotel am Golf von Aqaba bietet Jeep-Touren dorthin an. Doch an diesem Nachmittag sind wir die einzigen Gäste.
Kairo liegt mehr als fünfhundert Kilometer weit entfernt. Doch solange die Unruhen in der Hauptstadt die Schlagzeilen und Fernsehbilder beherrschen, bleiben auch auf dem Sinai die Touristen weg. Yusuf Sliman Mohammed ist ägyptischer Staatsbürger, als Beduine fühlt er sich aber nur seinem Stamm zugehörig. Dennoch zeigt er Verständnis für die Revolution und die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Er sei einmal in Kairo gewesen, sagt er. Habe dort Menschen gesehen, denen es schlecht ging. Die betteln mussten, um zu überleben. Auf dem Sinai müsse hingegen niemand hungern: "Es gibt das Meer, um Fische zu fangen. Genug Land, um Gemüse anzubauen. Hamdulillah!" - "Gott sei Dank!"
Yusuf Sliman Mohammed gehört dem Stamm der Muzeina an. In seinem blütenweißen Hemd, das bis zu den Knöcheln reicht, und der weißen Kefije, die er lässig um den Kopf geschlungen hat, sieht er aus wie ein Wüstenprinz. Wir haben ihn am Strand von Nuweiba kennengelernt, Yusuf Sliman Mohammed war da gerade mit seinem Kamel unterwegs und hielt Ausschau nach Touristen, denen er seine Dienste als Führer anbietet. Doch die kleinen Hotels und Bungalowcamps sind im Moment verwaist. Es kommen nicht einmal mehr die Israelis, die für den Sinai kein Visum brauchen und oft nur für ein Wochenende am Strand die Grenze passieren. Die jüdischen Nachbarn sind gern gesehene Gäste, die Speisekarten in den Restaurants sind sogar auf Hebräisch verfasst. Doch nun haben viele Lokale in Nuweiba geschlossen, die Ladenbesitzer im Basar haben nichts zu tun. Nur aus Gewohnheit schieben sie jeden Morgen die Tische mit der Ware vor die Tür.
An der Ostküste des Sinai stoßen zwei Universen zusammen. Zum einen die Wüste, karg und voller Schönheit. Zum anderen die Unterwasserwelt mit üppig blühenden Korallengärten. Zwischen Nuweiba und Taba gelangt man gleich vom Strand zum Riff. Durch die Maske beobachten wir Riffbarsche, Papageien- und Kofferfische, Falter- und Napoleonfische. Schillernde Schwärme von gestreiften und gepunkteten Meeresbewohnern ziehen über die bunten Weichkorallen, Schwämme und filigranen Gorgonienfächer hinweg. Nirgendwo sonst haben wir beim Schnorcheln so viele stachelbewehrte Feuerfische und Drachenköpfe gesehen - mit ihren strahlenförmigen Brustflossen scheinen sie im Wasser zu schweben. Der Golf von Aqaba, einen Arm des Roten Meeres, ist Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs und erreicht eine Tiefe von 1830 Metern.
Derzeit säumen zweihundertfünfzig Hotelanlagen mit etwa fünfzigtausend Betten die Küste zwischen Ras Muhammad und Taba. Zahlreiche Tauchschulen buhlen um die Gunst der Urlauber. Vor gut zwanzig Jahren noch war der zweihundertsiebzig Kilometer lange Uferstreifen auf weitestgehend unberührt. Damals standen die meisten Hotels in Scharm al Scheich. Der im Jahr 2007 verabschiedete Entwicklungsplan für den Südsinai, der für die folgenden zehn Jahre 274 000 Betten und sieben Millionen Besucher anpeilt, ist Makulatur. Schon jetzt zeichnen die vielen Bauruinen und Rohbauskelette an der Küste ein trauriges Bild.
Mit dem Massentourismus begann der Konflikt zwischen Beduinen und den Nachkommen der Pharaonen. Die Bedus, deren Stammesgrenzen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts festgelegt wurden, betrachten den Sinai als ihr eigenes Land. Doch sie haben keine Papiere, die den Besitz an Grund und Boden beweisen. Der Staat verkauft daher die wertvollen Strandgrundstücke an ägyptische und ausländische Investoren, die Bedus gehen leer aus. Die Hotels wiederum heuern oft ägyptische Führer an, obwohl sich die Beduinen in der Wüste am besten auskennen.
Auch Hossam Baioumy, den alle Sam nennen, stammt aus Kairo. Viele Jahre arbeitete er als Barkeeper in Scharm al Scheich. Sein Job im Hilton bereitete ihm keine Freude mehr, als dort All inclusive eingeführt wurde - die Gäste kamen nicht mehr zum gepflegten Trinken und Plaudern in die Bar. Seit einigen Jahren schon organisiert Sam für einen Dresdner Veranstalter Kameltouren. Deutsch hat er im Goethe-Institut in Kairo gelernt. Für die diesjährige Saison hatte er eine neue Wüstentour ausbaldowert. Eine andere Strecke mit einer anderen Beduinenfamilie, die ihn logistisch unterstützen sollte. Doch es gab Streit zwischen den Familien. Jene, die zuvor für ihn arbeitete, sah sich um ihren Verdienst betrogen, zog aber nicht vor den Kadi, sondern gleich zum Scheich. Der hörte sich die Meinung beider Parteien an und sprach ein salomonisches Urteil: Das Kameltrekking findet auf der alten Strecke statt, eine dritte Sippe wird die Tour übernehmen.
Wir sind die ersten Gäste und haben das Debakel am Rande mitbekommen. Sam ist aufgebracht. Uns hingegen ist die Route egal. Wir alle sind zum ersten Mal in der Sinaiwüste. Yalla! Auf geht's! Die Karawane nimmt ihren Lauf. Sechs Touristen schaukeln auf sechs Kamelen durch die Wüste. Ein Teilnehmer möchte lieber zu Fuß gehen. Die Kameltreiber Ahmed und Abdallah, sechzehn und zwanzig Jahre alt, führen die Tiere anfangs noch an der Leine. Der Siebzehnjährige Sobhi steuert den Geländewagen mit Gepäck und Proviant zum nächsten Lagerplatz. Meistens fährt Sam mit. Doch wenn ein Dromedar frei ist, weil jemand bei der Rast entschieden hat, die nächste Etappe lieber zu laufen, reitet auch er. Gern auch mit nacktem Oberkörper, was ein Beduine schon aus Scham nicht tun würde. Zudem brennt über Mittag die Sonne, und wir sind froh über jedes Stück Stoff, das die Haut bedeckt.
Im lichten Schatten einer Akazie machen wir Picknick und stärken uns mit Datteln, Mandeln, Sesamstangen, Guaven und Bananen. Danach kommt es zur ersten vertrauensbildenden Maßnahme: Kamele sind wild auf Bananenschalen, und bald fressen sie uns aus der Hand. Mit ihren weichen Lippen nehmen sie die Gaben dankbar entgegen. Mein Kamel heißt Habob, was so viel wie Liebe heißt. Es ist von sanftem Gemüt, bedächtig in seiner Art und alles andere als ein Rennkamel: nicht so flink wie das Kamel Chevrolet, das glaubt, seinem Namen alle Ehre machen zu müssen, das schnell mal einen Gang zulegt und gern nach hinten ausschlägt. Abstand halten ist auch in der Wüste oberstes Gebot.
Schon bald sitzen wir einigermaßen locker im gut gepolsterten Sattel und klammern uns nicht mehr so verkrampft am Sattelknauf fest wie anfangs. Wiegenden Schrittes und hoch erhobenen Hauptes schreiten die Tiere voran. Dabei federn ihre Fußgelenke wie Stoßdämpfer. Von oben schweift der Blick über eine archaische Landschaft. Dünen und ausgewaschene Sandsteinhügel flankieren die Kamelpiste. Regen und Wind haben aus Gesteinsblöcken Skulpturen geschliffen und Reliefs in die Felsen gemeißelt. Manchmal trennen sich auch unsere Wege. Die Kamele gehen die Abkürzung, und wir laufen den Umweg durch Canyons und ausgetrocknete Flussbetten.
Die Wüste ist still, aber nicht leer, worauf Reifenspuren im Sand hindeuten. Wir sind im Stammesgebiet der Muzeina unterwegs. Am Abend treffen wir auf das Lager des alten Salim. Salim war einmal Scheich und lebte seines Amtes angemessen in Nuweiba, bis er die Zwiste und Streitigkeiten zwischen den Stammesbrüdern nicht mehr aushielt. Vor fünfzehn Jahren übergab er Scheichwürde und Macht an seinen jüngeren Bruder, verließ das erdrückende Korsett aus Mauern und zog mit einem Kamel, drei Ziegen und einer Schlafmatte in die Wüste. Die Entscheidung habe er nicht bereut, sagt er beim Essen. Auch seine Kinder hätten damit ihren Frieden gemacht. Ganz bescheiden lebt die Großfamilie nun in Zelten aus Ziegenhaar, Brettern und Wellblech. Den wertlosen Grund und Boden in der Wüste macht ihnen der Staat nicht streitig. Die Frauen fertigen Schmuck aus bunten Perlen, Salim richtet Lagerplätze für Touristen her und nimmt dafür eine Gebühr. Doch im Moment ist nichts zu verdienen. Beduinen lebten in den Tag hinein und würden nicht an die Zukunft denken, behauptet Sam: "Haben sie Geld, essen sie jeden Tag Fleisch. Haben sie keines, gibt es Fladenbrot mit Tee."
An diesem Abend hat Salims Familie für uns "Gastiere" zubereitet, das ist ein Gericht aus Gemüse und Huhn, das eingepackt in Alufolie zwei Stunden in der Glut gegart wird. Tochter Ayshe hat das Fladenbrot gebacken. Sie spricht ein wenig englisch und hat in der Schule lesen und schreiben gelernt, was bei Beduinen nicht selbstverständlich ist. Von den fünfzehn Stämmen des Sinais schicken nur die Muzeina ihre Töchter zur Schule. Salim ist ein kluger Mann und findet ein bisschen Bildung nicht verkehrt.
Es ist Vollmond, er leuchtet uns den Weg zu unserem Nachtlager. Nachdem er untergegangen ist, schlafen wir unter dem großen Sternenzelt. Als wir aufwachen, treiben die Frauen gerade die Ziegen auf die Weide, obwohl es in unseren Augen nichts zu weiden gibt. Die Vegetation ist ausgesprochen kümmerlich. Unsere Kamele haben da mehr Glück. Nach dem kräftigen Frühstück mit lecker gewürzten Fetapasten, das Ahmed, Abdallah und Sobhi zubereitet haben, bekommen die Tiere die Pappkartons, in denen zuvor Wasserflaschen waren. Genüsslich werden sie recycelt.
Die Jungs sind wirklich gut zu gebrauchen. Geschickt hantieren sie mit Töpfen und Pfannen, rollen Brotteig aus, bereiten Tee. Sogar die Beduinen-Paella, eine Reispfanne mit Gemüse und Kräutern, kriegen sie prima hin. Gute künftige Hausmänner, sollte man meinen. Im ehelichen Haushalt würden sie jedoch keinen Finger rühren. Die Pflichten und Aufgaben sind in einer Bedu-Ehe klar verteilt. Bis ihre Väter eine Braut für sie finden, wird noch ein Weilchen vergehen. Das Brautgeld muss erst einmal verdient werden. Zehntausend ägyptische Pfund in Goldschmuck, umgerechnet etwa 1250 Euro, sind keine Kleinigkeit.
Wir laufen durch das sandige Wadi Ghazala - in Angedenken der Gazellen, die es in der Sinaiwüste nicht mehr gibt. Wandern durch das Wadi Khudra und laufen am Tag darauf auf dem Wüstenschiff in der Oase Ain Khudra ein. Die etwa hundert Bewohner halten ein paar Ziegen, leben von einigen Olivenbäumen, Dattelpalmen und vor allem vom Tourismus. Während wir dort mit Tee bewirtet werden, heulen die Motoren. Zehn Jeeps aus Sharm-el-Sheikh mit Russen an Bord sind eingetroffen. Sie seien die einzigen Touristen, die sich von der Revolution in Ägypten nicht abschrecken lassen und durchgängig anreisen. Für einen Ausflug in den nahe gelegenen White Canyon haben sie jedoch keine Zeit.
Zwei Stunden dauert es, die Schlucht zu durchwandern. Manchmal ist der Canyon so eng, dass man seitwärts gehen muss. Manchmal muss man hohe Stufen überwinden, weil Regenfälle ein Stück sandigen Bodens weggespült haben. Der weiße Kalksandstein ist von der Sonne verbrannt, die Oberfläche des Gesteins hat die Farbe von Caffè Latte. Es ist ein phantastischer Kontrast zu dem stahlblauen Himmel.
Auf einmal hören wir Geschrei. Über uns kreisen Störche. Ein schönes Winterquartier haben sie sich ausgesucht. Am Ende des Canyons führt eine Leiter nach oben. Auf dem Plateau steht ein Freiluftcafé, das mit bunten Teppichen ausgelegt ist. Der Kellner strahlt, als wir die Schuhe ausziehen und an den niedrigen Tischen unter dem schattigen Schilfdach Platz nehmen. Wir sind die einzigen Gäste.
Organisierte Reisen: Der Veranstalter Schulz aktiv reisen (Internet: www.schulz-aktiv-reisen.de) hat zweiwöchige Sinai-Aufenthalte im Programm. Sie bestehen aus den drei Abschnitten Kameltrekking, Erholung am Strand von Nuweiba sowie eine Wanderung auf den Katharinenberg, den mit 2642 Metern höchsten Berg Ägyptens. Preise ab 1640 Euro mit Flug von Frankfurt oder München. Auch die deutsche Ethnologin Katrin Biallas unternimmt im Frühjahr Wüstentouren auf Kamelrücken gemeinsam mit einer beduinischen Familie. Über ihre Internetseite www.sinai-bedouin.com kann man die Reise buchen und zudem den von ihr verfassten "Kleinen Sinai-Begleiter" bestellen. Zum Preis von 11 Euro erhält man Wissenswertes über die Wüste, ihre Bewohner und die Kultur der Beduinen. - Informationen: Auskünfte über Reisemöglichkeiten in Ägypten gibt es beim Fremdenverkehrsamt Ägypten, Kaiserstraße 64 a, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/252153 oder 069/252319, im Internet unter www.egypt.travel.
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Cleo Matthies (Cleo_Matthies)
- 20.01.2012, 02:32 Uhr
ich nenne sie "Wüstencowboys" :-)
silvia middendorf (schweben)
- 19.01.2012, 19:52 Uhr