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Abwarten - und dann Attacke

Der Australier Webber gewinnt mit einer klugen Strategie in Silverstone vor Alonso. Red-Bull-Kollege Vettel wird Dritter und verliert im Kampf um die Formel-1-WM weiter an Boden. Von Christoph Becker

Silverstone. Mit Autorennen ist es manchmal wie mit der Bescherung für Kinder an Weihnachten. Da drängen die Kleinen ungeduldig auf ein bestimmtes Geschenk - und dann heißt es warten, warten, warten. Und unterm Baum liegt womöglich etwas ganz anderes. In Silverstone warteten 125 000 Zuschauer auf den großen Regen und ein großes Rennen beim Großen Preis von Großbritannien. Als die Lichter der Startampel um 13 Uhr Ortszeit erloschen, strahlte die Sonne vom mittelenglischen Himmel - und die Fans, die sich auf ein Rennspektakel vom Start weg gefreut hatten, mussten darauf noch ein bisschen warten. Aber sie wurden beschert: Mark Webber siegte in Silverstone im Red Bull nach einem Rennen, das der Australier mit einer klugen Mischung aus strategischem Abwarten und bedingungsloser Attacke auf Fernando Alonso im letzten Rennviertel gewann.

“Ich brauche noch ein bisschen, bis ich begreife, wie gut dieses Rennen war. Ein großartiger Tag für uns“, sagte der 35 Jahre alte Webber anschließend. Und wie das so ist in der Formel 1: Der mannschaftsbezogene Plural schließt den eigenen Teamkollegen nicht unbedingt ein. Sebastian Vettel gelang Webbers Kunststück nicht, er konnte Fernando Alonso nicht mehr einfangen und verliert im Kampf um die Weltmeisterschaft weiter Boden auf seine schärfsten Verfolger. In der Fahrerwertung liegt Vettel mit 100 Punkten nun 29 Zähler hinter Alonso, dem Führenden, und 16 hinter Webber.

Fernando Alonso hatte sich am Samstag, in der völlig verregneten Qualifikation, den Sonnenplatz der Szene, die Pole Position, verdient. Er verteidigte ihn am Start mit einem gewagten Zug nach rechts, wo er mit Recht Webbers Startbahn vermutete, in der Sekunde, in der er das Getriebe seines Ferraris einkuppelte. Weil aber auf das Zick kein Zack folgte, gab es für die Rennaufsicht keinen Grund zur Beanstandung und für Alonso keinen Grund zurückzuschauen. Souverän und vermeintlich überlegen zog der Spanier in der italienischen Maschine seine Kreise - als sich das Feld nach zwei Runden sortiert hatte, schien es, als sollte ihm Webber nur mit Respektabstand folgen können. Erst nach dem letzten Boxenstopp, nach 34 von 52 Runden holte Webber auf - und wie: 3,5 Sekunden Rückstand in Runde 41, 1,3 Sekunden in Runde 45, 0,3 Sekunden in Runde 47. 5,8 Kilometer später war er vorbei, nach einem, Stichwort Respektabstand, harten, aber fairen Duell.

Manch einer im Fahrerfeld könnte sich das Rennen auch in dieser Hinsicht noch einmal in einer stillen Stunde ansehen. Vettel gegen Massa, Räikkönen gegen Vettel, Schumacher gegen Räikkönen und allen voran Webber gegen Alonso: Die großen Namen des Fahrerlagers lieferten sich durchweg harte, aber faire Duelle. Sergio Perez und Pastor Maldonado dagegen nahmen den Begriff vom Rad-an-Rad-Duell in der zwölften Runde viel zu wörtlich. Mit einem gewagten Powerslide über den Kurvenscheitelpunkt hinaus wuchtete der Venezolaner Maldonado seinen Williams gegen die Achsen des mexikanischen Sauber-Piloten. Das Rennen war für beide vorüber, Maldonado wurde mit einer Strafzahlung von 10 000 Euro belegt, und Perez, der unbedingt noch in dieser Saison der erste Grand-Prix-Sieger in einem Sauber werden will und sich vom 17. Startplatz schon in die Punkteränge vorgearbeitet hatte, fand Zeit für eine bemerkenswerte Interview-Philippika. „Pastor hat keinen Respekt für die anderen Fahrer. Gar keinen. Ich verstehe nicht, wie er fährt. Wenn die Rennkommissare jetzt nichts unternehmen, lernt er es nie. Schauen Sie sich doch im Fahrerlager mal um - jedem von uns macht Pastor Sorgen. Er hat keinen Respekt.“ In der Tat hatte Maldonado in Valencia schon Lewis Hamilton aus dem Rennen befördert. Wem die Saison bis dahin zu sehr vom englischen Geist des Fair Play geprägt war, der kann sich in den kommenden Wochen auf ein bisschen lateinamerikanisches Feuer im Motoröl freuen. Die nächsten Rauchzeichen könnte es in zwei Wochen in Hockenheim geben.

Michael Schumacher war dagegen einer der Piloten, der sich am ganzen Wochenende über den kühlenden englischen Landregen gefreut hatte. Würde sich von Startplatz drei die Chance auf den ersten Sieg im Mercedes bieten? Schumacher spekulierte darauf, doch nach dem Rennen spielte die Mannschaft in Silber den Sunshine Blues. Schumacher fuhr zwar ein solides Rennen, das auf Platz sieben endete, aber: „Das Auto war am Anfang schwierig und zu langsam.“ Was sollte da Teamkollege Nico Rosberg sagen? 29 Sekunden hinter Schumacher im Ziel, Platz 15, drei Plätze hinter Nico Hülkenberg im Force India - Rosbergs schwächstes Resultat in diesem Jahr. Sechs Punkte für Schumachers Ergebnis sind deutlich zu wenig für die Ansprüche, die Mercedes hat. Für Hockenheim wünschte sich Schumacher gleich noch einmal Regenwetter.

Ähnlich enttäuscht war die ähnlich lackierte britische Konkurrenz von McLaren. Lewis Hamilton brauchte nur fünf Runden, um sich per Funk beim Team über die mangelnde Geschwindigkeit seines Untersatzes zu beklagen. Den Rest des Rennens über bekam der Engländer beruhigende Durchhalteparolen ins Cockpit gefunkt. „Super, Lewis! Jede Zehntel zählt! Toller Boxenstopp! Du machst einen tollen Job!“ Hamilton wurde Achter, Teamkollege Jenson Button Zehnter. Keine Frage, dass sich die Engländer ein bisschen mehr gewünscht hätten. Wie man sich über ein nicht zufriedenstellendes Ergebnis dennoch nicht ärgert, machte in der Pressekonferenz Sebastian Vettel vor. Er drehte den Spieß um und fragte die Journalisten nach dem Spielstand im Wimbledon-Finale. Autorennen ist immer auch die Konzentration aufs Wesentliche.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 08.07.2012, 17:20 Uhr