23.07.2011 · Die Zahl der Jugendlichen, die bei dem Attentat auf ein Ferienlager westlich von Oslo getötet wurden, ist auf 85 gestiegen. In der Hauptstadt starben vorher sieben Menschen durch eine Bombe. Ein mutmaßlicher Täter aus der rechten Szene wurde festgenommen.
Die norwegische Polizei sucht nach einem möglichen zweiten Täter der Anschläge vom Freitag. Das bestätigten Fahndungssprecher am Samstag in Oslo. Als Hintergrund wurden die Angaben von Augenzeugen genannt. Kriposprecher Einar Aas sagte der Online-Ausgabe der Zeitung „Verdens Gang“: „Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären.“ Nach den Medienangaben erklärten die Zeugen, dass der mögliche zweite Täter nicht wie der am Freitag nach dem Massaker Festgenommene eine Polizeiuniform getragen habe. Weitere Einzelheiten wurden nicht genannt. In ihren bisherigen Erklärungen war die Polizei von einem Einzeltäter ausgegangen.
Die Anschläge in Oslo und auf ein Jugendlager auf einer nicht weit entfernten Insel mit knapp 90 Toten wurden nach ersten Erkenntnissen der Polizei von einem 32 Jahre alten Norweger verübt. Allein bei dem Angriff auf das Feriencamp auf der Insel Utøya westlich der norwegischen Hauptstadt seien 85 Jugendliche ums Leben gekommen, teilte die Polizei am Samstag mit. Der als Polizist verkleidete Attentäter hatte am frühen Abend das Feuer auf die Besucher des Lagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF eröffnet. Der mutmaßliche norwegische Attentäter ist nach offiziell unbestätigten Angaben von Antiterror-Spezialisten aus der Luft angegriffen und mit Tränengas betäubt worden. Der TV-Sender NRK berief sich am Samstag auf „Polizeikreise“ mit entsprechenden Angaben. Wenige Stunden zuvor waren bei einem Bombenanschlag in Oslo mindestens sieben Menschen getötet worden.
Der festgenommene Täter soll aus der rechten Szene kommen. Er brachte offenbar erst um 15.20 Uhr die Bombe im Regierungsviertel zur Explosion und fuhr dann zur der knapp eine Autostunde entfernten Insel Utøya im Bezirk Buskerud. Hier eröffnete er das Feuer auf die insgesamt etwa 600 Jugendlichen in dem Ferienlager. Überlebende berichteten im Fernsehsender NRK von Panik und Chaos. Viele der Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren sprangen aus Todesangst ins Wasser, um schwimmend von der Insel zu entkommen. Der Attentäter habe auch auf sie geschossen. Das Sondereinsatzkommando traf erst 30 Minuten nach Beginn des Massakers am Tatort ein. Die Polizei in Oslo erklärte am Samstag, der Schütze habe womöglich eine halbe Stunde Zeit gehabt, um das Blutbad unter den Jugendlichen anzurichten. Im Wasser um die Insel werde noch nach weiteren Opfern gesucht, teilte die Polizei weiter mit.
Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg bezeichnete die Anschläge als „nationale Tragödie“. Am Samstagmorgen sagte der Regierungschef in Oslo weiter: „Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt.“ Die Tat sei „unbegreiflich“. Stoltenberg bestätigte, dass er am heutigen Samstag eigentlich plangemäß das Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF hatte besuchen wollen. Stoltenberg, der auch Chef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, sagte stark bewegt über seine persönlichen Erinnerungen an das alljährliche Sommerlager für Jugendliche auf der Insel Utøya: „Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt.“ Er sagte, dass er mehrere der Opfer gekannt habe. Stoltenberg will im Tagesverlauf Überlebende des Massakers und deren Angehörige besuchen.
„Er war nicht auf unserem Radar“
Norwegens König Harald V. forderte seine Landsleute auf, „in dieser schweren Situation zusammenzustehen und einander zu stützen“. Auch Ministerpräsident Stoltenberg beschwor den Zusammenhalt im Land. Niemand könne Norwegen „zum Schweigen schießen“, das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen, sagte er. Unklar blieb, wie der Attentäter in dem Feriencamp bis zur seiner Festnahme so viele Menschen umbringen konnte. Die Polizei wollte dazu noch keine Angaben machen. Der Mann habe Aussagen gemacht, hieß es bei einer Pressekonferenz. Weitere Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt. Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus lagen zunächst aber nicht vor. Der norwegische Fernsehsender NRK und andere Medien identifizierten den Verdächtigen als Anders Behring B., einen Betreiber einer Gemüse-Gärtnerei. Die in Medien veröffentlichten Bilder des mutmaßlichen Täters zeigen einen blonden, blauäugigen Mann. Die Polizei wollte den Namen zunächst nicht bestätigen. Der Verdächtige soll zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit sein. „Er hat deutlich gemacht, dass er sich erklären will“, sagte Roger Andersen von der Polizei am Samstag.
Der Verdächtige habe sich im Internet selbst als Nationalist und Gegner einer multikulturellen Gesellschaft bezeichnet, berichtete die norwegische Zeitung „VG“ in der Nacht zum Samstag in ihrer Onlineausgabe. Die Angaben des Mannes über sich selbst deuteten auf einen „christlich-fundamentalistischen“ Standpunkt hin, sagte Fahndungschef Øystein Mæland bei der Pressekonferenz im Polizeihauptquartier am Samstag. Gegen Mitternacht hatte die Polizei die Wohnung des Mannes im Westen Oslos durchsucht. Bereits vor Jahren habe er im Internet Beiträge mit kontroversem Inhalt veröffentlicht, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen Jugendfreund. Sein Facebook-Profil sei deshalb gelöscht worden. Später habe der Verdächtige, der eine Handelsschule in Oslo besucht haben soll, dann ein neues Profil angelegt, dort aber keine kontroversen Meinungen mehr veröffentlicht. Der Verdächtige gehörte nach Polizeierkentnissen keiner der bekannten rechtsextremen Bewegungen Norwegens an und hatte in seiner Polizeiakte nur Einträge wegen kleinerer Vergehen. „Er war nicht auf unserem Radar und wäre er in einer Neo-Nazi-Gruppe in Norwegen aktiv gewesen hätten wir ihn auf dem Radar gehabt“, sagte ein Polizist. Trotzdem könnte es sein, dass er von der rechtsextremen Ideologie inspiriert worden sei.
Auch Sprengstoff auf der Insel gefunden
Wie die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtete, fand die Polizei nach der Festnahme des Verdächtigen auf der Insel Utøya auch nicht explodierten Sprengstoff. Ob es sich dabei um einen scharfen Sprengsatz handelte, wurde nicht mitgeteilt. Auf den Namen des 32-Jährigen seien zwei Schusswaffen registriert, hieß es unter Berufungen auf Meldungen des Senders TV 2. Seit dem Frühjahr soll der Mann sechs Tonnen Kunstdünger gekauft haben, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Man habe keinen Verdacht geschöpft, weil er einen Agrarhandel „Geofarm“ für Gemüse und Früchte betrieb, sagte die Sprecherin des Großhändlers Felleskjøbet, Oddny Estenstad, am Samstag dem TV-Sender NRK. Der Mann sei am Nachmittag kurz vor dem Bombenanschlag in Oslo gesehen worden, bei dem sieben Menschen starben und viele weitere verletzt wurden, sagte Polizeichef Sveinung Sponheim nach Berichten der Nachrichtenagentur NTB. Die Wucht der Detonation im Zentrum der Stadt hatte mehrere Gebäude verwüstet, darunter den Sitz von Ministerpräsident Stoltenberg. Der Regierungschef wurde jedoch nicht verletzt.
„Das ganze Gebäude wurde erschüttert, wir glaubten, es sei ein Erdbeben“, sagte ein Reporter des Senders NRK über die Bombenexplosion in Oslo. Er hatte sich neben dem 17 Stockwerke hohen Regierungsgebäude im Osloer Zentrum aufgehalten. Das Fernsehen zeigte Bilder von einer völlig zerstörten Hausfassade, aus der Rauch aufstieg. Der Boden war mit Glassplittern zerstörter Fensterscheiben und Trümmerteilen übersät. Mitarbeiter der Tageszeitung „Aftenposten“ berichteten von Opfern, die blutend auf der Straße lagen. Bilder der NRK-Homepage zeigten, wie sich Sanitäter um Verletzte auf dem Bürgersteig kümmerten. Rettungskräfte brachten eine Frau in Sicherheit, deren blondes Haar blutverschmiert war. Passanten beugten sich über Verletzte und leisteten ebenfalls Erste Hilfe.
Obama: „Es ist eine Mahnung“
Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der amerikanische Präsident Barack Obama verurteilten die Tat. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte König Harald V. seine Anteilnahme. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben. „Mit Entsetzen habe ich von dem schweren Anschlag im Regierungsviertel von Oslo erfahren“, hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung Frau Merkels. „Die Hintergründe dieser menschenverachtenden Tat sind zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Klar ist, dass wir alle, die an Demokratie und friedliches Zusammenleben glauben, solchen Terrorismus, womit auch immer er begründet wird, scharf verurteilen müssen.“ „Deutschland und die Deutschen stehen in dieser schweren Stunde fest an Ihrer Seite“, versicherte Bundespräsident Wulff dem norwegischen König.
Präsident Obama rief zu einer stärkeren Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror auf. „Es ist eine Mahnung, dass die gesamte internationale Gemeinschaft dazu beitragen muss, dass solch ein Terrorakt nicht passiert“, sagte Obama in Washington.
Terroranschläge in Europa
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York sind auch in Europa blutige Terroranschläge verübt worden, andere Terrorangriffe konnten verhindert werden. Eine Übersicht:
15. November 2003: Zwei Selbstmordattentäter reißen bei Anschlägen auf zwei Synagogen in Istanbul 23 Menschen mit in den Tod. Etwa 300 Menschen werden bei den fast zeitgleichen Explosionen der Autobomben verletzt.
20. November 2003: Bei neuerlichen Bombenanschlägen auf das britische Konsulat und eine britische Bank in Istanbul werden mindestens 30 Menschen getötet, darunter auch der britische Generalkonsul Roger Short. Rund 400 werden verletzt.
11. März 2004: Bei einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf Nahverkehrszüge in Madrid werden 191 Menschen in den Tod gerissen, etwa 1.800 werden verletzt. Die Attentäter griffen am frühen Morgen überfüllte Pendlerzüge an. Sie hatten insgesamt zehn Sprengsätze in ihren Rucksäcken versteckt.
7. Juli 2005: Bei nahezu zeitgleichen Selbstmordanschlägen auf Londoner Busse und U-Bahn-Stationen kommen 52 Menschen ums Leben, Hunderte werden verletzt.
31. Juli 2006: Auf dem Kölner Hauptbahnhof werden zwei Kofferbomben in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz deponiert, die aber nicht explodieren. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft verhinderten nur die mangelnden Chemie-Kenntnisse des später verurteilten Attentäters ein Blutbad unter den Reisenden.
10. August 2006: Die britische Polizei verhindert nach eigener Darstellung eine Serie von Terroranschlägen auf Flugzeuge und damit einen „Massenmord von unvorstellbarem Ausmaß“. 24 Verdächtige sollen geplant haben, Sprengstoff in flüssiger Form auf Transatlantikflüge in die USA zu schmuggeln und in der Luft zur Explosion zu bringen. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow werden die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft.
30. Juni 2007: Einen Tag nach der Entdeckung von zwei Autobomben in London rast ein Geländewagen in die Abfertigungshalle des Flughafen Glasgow und geht in Flammen auf. Fünf Menschen werden verletzt. Die Behörden rufen die höchste Terroralarmstufe mit der Bezeichnung „kritisch“ aus.
11. Dezember 2010: In der Innenstadt von Stockholm detoniert zunächst ein Auto, kurz darauf kommt ein mutmaßlicher Selbstmordattentäter bei einer weiteren Explosion in der Nähe ums Leben. Zwei Menschen werden verletzt. Medienberichten zufolge deutet ein Bekennerschreiben auf einen islamistischen Hintergrund hin. Die schwedische Polizei geht davon aus, dass die Explosionen auf der Einkaufsstraße Drottninggatan von einem Einzeltäter verübt wurden.
22. Juli 2011: Bei einer Bombenexplosion am Osloer Regierungssitz kommen sieben Menschen ums Leben. Nach Polizeiangaben wurde die Detonation von „einer oder mehreren “ Bomben ausgelöst. Auch das Büro des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg ist von der Explosion betroffen. Stunden nach der Bombenexplosion eröffnet ein Bewaffneter in einem Jugendlager nahe Oslo das Feuer. Nach Behördenangaben kommen 84 Menschen ums Leben, ein Verdächtiger wird festgenommen. (dapd)
@Carlos Anton, @Alex Völler @Joseph-Samuel Farinet u.ä.
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 23.07.2011, 19:08 Uhr
@Joseph-Samuel Farinet (Farinet): Sie simplifizieren
Carlos Anton (carlosanton)
- 23.07.2011, 18:24 Uhr
@Volker Krueger
Joseph-Samuel Farinet (Farinet)
- 23.07.2011, 18:13 Uhr
bitte lesen!
akser kaza (akser)
- 23.07.2011, 17:21 Uhr
@ Joseph-Samuel Farinet
Ullrich Schnappe (JohnBrown)
- 23.07.2011, 17:14 Uhr