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: Die Wiedergeburt von Cantor Fitzgerald

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NEW YORK, 9. September. Die besten Leute von Cantor Fitzgerald, diejenigen, die das Geld für das auf Anleihen spezialisierte Wertpapierhaus verdienen, sitzen am 11. September vor zehn Jahren wie üblich früh im Büro.

          NEW YORK, 9. September. Die besten Leute von Cantor Fitzgerald, diejenigen, die das Geld für das auf Anleihen spezialisierte Wertpapierhaus verdienen, sitzen am 11. September vor zehn Jahren wie üblich früh im Büro. Belohnt werden sie dafür mit der besten Aussicht in New York. Cantor belegt die Stockwerke 101 bis 105 im Nordturm des World Trade Center. Als um 8 Uhr und 46 Minuten die von Terroristen entführte Passagiermaschine der American Airlines in den Wolkenkratzer fliegt, werden die Büros von Cantor Fitzgerald von allen Fluchtwegen abgeschnitten. Kein einziger der 658 Mitarbeiter wird den Anschlag überleben. Howard Lutnick, der damals 40 Jahre alte Vorstandsvorsitzende von Cantor, hat dagegen Glück. Er ist noch nicht im Büro, weil er seinen Sohn in den Kindergarten bringt. Als Lutnick von den Anschlägen erfährt, rast er zu den Türmen. Sein jüngerer Bruder Gary arbeitet dort und eine Menge seiner Freunde, mit denen sich Lutnick in der Arbeit gerne umgibt.

          Im südlichen Manhattan angekommen, fragt er Leute, die aus dem brennenden Turm entkommen waren, in welchen Stockwerken sie gewesen seien. Die höchste Zahl, die Lutnick hört, ist 91. Dann kollabieren die Türme. Lutnick kauert sich unter ein Auto und läuft schließlich vier Stunden lang zu seiner Wohnung an der Ostseite von Manhattan.

          Cantor Fitzgerald war in der Finanzbranche das von den Anschlägen bei weitem am stärksten betroffene Unternehmen. Rund ein Viertel der Menschen, die am 11. September in den Trümmern der Zwillingstürme sterben, sind Angestellte von Cantor. Von der gesamten Cantor-Belegschaft in New York sind am Ende des 11. September nur noch 302 Leute am Leben. Lutnick organisiert am Abend noch eine Telefonkonferenz mit den verbliebenen Mitarbeitern, in der er ihnen zwei Möglichkeiten aufzeigt: "Entweder geben wir auf und gehen 50 Tage lang nur auf Beerdigungen. Oder wir arbeiten härter als je zuvor, damit das Unternehmen überlebt." Seine Leute wollen arbeiten.

          Lutnick eilte ein Ruf als knallharter Geschäftsmann voraus, was ihm nicht nur Freunde brachte. Er hatte früh seine Eltern verloren, schlägt sich alleine durchs College und macht jung Karriere an der Wall Street bei Cantor Fitzgerald. Als sein Mentor Bernie Cantor schwer erkrankt, kämpft Lutnick gegen dessen Frau um die Kontrolle des Unternehmens - und gewinnt. Iris Cantor sperrt Lutnick deswegen bei der Beisetzung von Cantor aus.

          Aber nach dem Schock des 11. September ist Lutnick nicht mehr daran interessiert, einfach nur Geld zu verdienen. "Es gab nur einen Grund, wieder zur Arbeit zu gehen - den Familien unserer gestorbenen Freunde zu helfen", sagt Lutnick im Gespräch mit dieser Zeitung. Lutnick hat einen kühnen Plan. Er will fünf Jahre lang 25 Prozent des Gewinns an die Familien der Opfer zahlen. Zehn Jahre lang will er dazu die Kosten für deren Krankenversicherung übernehmen. Dafür muss Cantor aber genügend verdienen. "Das war damals sehr unwahrscheinlich", sagt Lutnick.

          Nur wenige Tage nach den Anschlägen trifft Lutnick eine Entscheidung, die ihn äußerst unpopulär macht und die Hinterbliebenen der Opfer an seinen Motiven zweifeln lässt: Er stoppt die Gehaltszahlungen für die Toten, weil das Unternehmen kein Geld hat. Einige Witwen kritisieren ihn öffentlich. Auch seine Tränen in Fernsehinterviews werden vereinzelt als Schauspielerei abgetan.

          Lutnick versucht, das Unternehmen nach den Anschlägen wieder auf Kurs zu bringen. Die Büros außerhalb New Yorks sind noch funktionsfähig, und die übrig gebliebenen Mitarbeiter arbeiten Tag und Nacht an den Computersystemen. Schließlich gelingt es, Transaktionen über den Standort London auszuführen. Cantor profitiert in dieser Phase auch von Lutnicks frühem Vorstoß in den elektronischen Handel mit der Tochtergesellschaft eSpeed. "Wir mussten noch Geschäfte im Volumen von 75 Milliarden Dollar abwickeln, die wir am Freitag und Montag, den Tagen vor den Anschlägen, gemacht hatten. Als das klappte, war ich zuversichtlich, dass wir überleben würden", erinnert sich Lutnick.

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