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Verlagsspezial

: Polystyrol war nicht der Brandbeschleuniger

Tödlicher Hochhausbrand: Laut BBC wurde in London eine billige, leicht entflammbare Fassadenverkleidung verwendet, um dadurch rund 293 000 Pfund (333 000 Euro) einzusparen. Bild: IR_Stone/iStock/Thinkstock

Beim Brand des Londoner Grenfell Tower am 14. Juni 2017 starben mindestens 80 Menschen. Hauptursache der Katastrophe waren dramatische Mängel beim Brandschutz.

          Nach dem tödlichen Londoner Hochhausbrand hat Scotland Yard die Ermittlungen wegen gemeinschaftlicher fahrlässiger Tötung aufgenommen. Der örtliche Bezirksrat von Kensington und Chelsea sowie die Wohnungsgesellschaft, die den Grenfell Tower verwaltete, sind laut Medienberichten im Visier der Ermittler. In einem Schreiben an die ehemaligen Bewohner des Hochhauses hieß es, die Polizei habe Anlass zu vermuten, dass beide Organisationen sich der gemeinschaftlichen fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hätten. Die neue Bezirksratschefin Elizabeth Campbell sagte über das Schreiben: „Unsere Anwohner verdienen Antworten auf den Brand im Grenfell Tower, und die polizeiliche Untersuchung wird sie liefern.“ Der Rat unterstütze die Untersuchung und werde mit der Polizei kooperieren. Campbells Vorgänger sowie der Chef der Wohnungsgesellschaft waren nach der Brandkatastrophe zurückgetreten.

          Das Feuer in dem Hochhaus war nach Erkenntnissen der Ermittler durch einen defekten Kühlschrank ausgelöst worden. Die Flammen hatten sich dann rasend schnell über die Fassade ausgebreitet, die mit Platten aus Aluminium und dem Kunststoff Polyethylen verkleidet war. Bewohner hatten sich vor der Katastrophe immer wieder über mangelnden Brandschutz in dem Gebäude beschwert.

          Die britische Zeitung „The Times“ und der Rundfunksender BBC berichteten, dass das vom Bezirk beauftragte Gebäudemanagement KCTMO bei der Sanierung auf Kostensenkungen gepocht hatte. Der für die Fassadenverkleidung zuständigen Baufirma wurde demnach vorgeschlagen, den Sozialbau mit billigeren, aber weniger feuerfesten Platten zu verkleiden. In einer E-Mail an die beauftragte Firma schlug die Hausverwaltung dem BBC-Bericht zufolge im Juli 2014 unter anderem vor, statt Zinkplatten Aluminiumplatten zu verwenden – und damit rund 293.000 Pfund (333.000 Euro) einzusparen. Diese sind aber leichter entflammbar als die Zinkverkleidung.

          Die Herausforderung war ohnehin schon riesig, aber laut BBC soll die Londoner Feuerwehr beim Großbrand außerdem noch mit schlechter Ausstattung gekämpft haben. Es gab nicht genügend Spezialatemgeräte, die einen längeren Einsatz von bis zu 45 Minuten in dem brennenden Hochhaus ermöglicht hätten. Auch sei eine lange, ausfahrbare Leiter, mit der man bis zum zehnten Stockwerk gelangt wäre, erst nach 30 Minuten angekommen.

          Auch in Deutschland begann nach der Brandkatastrophe die Ursachenforschung. Könnte ein Brand in einem vergleichbaren Haus auch in Deutschland derart außer Kontrolle geraten? Ein NDR-Beitrag beschrieb, dass der Londoner Dämmstoff  Polystyrol besonders brandanfällig sei und die brennbare Gebäudeverkleidung erheblich zur schnellen Ausbreitung des Feuers beigetragen habe. Und eine MDR-Sendung glaubte: „Der Hauptbestandteil der in London verwendeten Fassadendämmung ist Polystyrol, besser bekannt unter dem Handelsnamen Styropor. Auch bei uns ist dieser Stoff massenhaft im Einsatz, denn er ist rund 30 Prozent preiswerter als andere Dämmstoffe mit vergleichbaren Eigenschaften.“ Der Begriff „Cladding“ (engl. „Verkleidung“) wurde falsch mit „Dämmung“ übersetzt. Dass Polystyrol in London gar nicht verbaut war, ging in den öffentlichen Diskussionen danach dann leider unter.

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