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Verlagsspezial

Interview : „Funktionsuntüchtige Löschwasserleitungen und Gasleitungen in den Fluchtwegen“

Bild: lom/Thinkstockphoto

Energiespar-Experte Werner Eicke-Hennig, erklärt, warum der innere Brandschutz und die Feuerwehr zur Vermeidung von Katastrophen wie dem Brand des Londoner Grenfell Tower entscheidend sind und der Dämmstoff nicht die Brandursache war.

          Beim Brand des Londoner Grenfell Towers am 14. Juni 2017 starben 80 Menschen. Für den Hochhausbrand wird in Deutschland derzeit der Dämmstoff Polystyrol verantwortlich gemacht. Zu Recht?

          Am Grenfell Tower war kein Polystyrol verbaut, es brannte dort die spezielle Wetterschutzbekleidung, ein amerikanisches Patent mit leicht brennbarem PE als aussteifendem Kern zwischen zwei Aluminiumplatten. Auch war die Fassadenkonstruktion kein Wärmedämmverbundsystem (WDVS), sondern eine Vorhangfassade. Das wurde hier in Deutschland vor allem durch Fehlinformationen einiger Feuerwehrverbände  fälschlich auf das Polystyrol umgemünzt.

          Bild: Energieinstitut-Hessen

          Flammen, die sich wie eine Fackel die Fassade hochfressen – was könnte der Grund für die Brandkatastrophe in London gewesen sein?

          Der eigentliche Grund ist ein sozialer: Es brannte ein mit Flüchtlingen und Asylbewerbern vollgestopftes Hochhaus, dessen Bewohner seit Jahren gegen unvorstellbare Brandschutzmängel im Innern protestiert hatten. An der Fassade wird bei einem Hochhaus der Brand immer aus den Fenstern heraus nach oben – sozusagen von Fenster zu Fenster – geleitet. Das geht bei der mächtigen Thermik an der Fassade hoher Gebäude sehr schnell. In London wurde dieser physikalisch zwingende Prozess durch die Wetterschutzplatten beschleunigt, scheinbar auch um das Gebäude herumgetragen. Der dort eingebaute Dämmstoff PIR brennt nur dann, wenn eine Zündquelle anliegt, und dann auch sehr zögerlich. Man sieht es daran, dass die Dämmplatten im Bereich der Brandentstehung im vierten Stockwerk noch erhalten sind, erst weiter oben wurden sie von den sich addierenden Flammen aus den Fenstern und den aufsteigenden Brandgasen dezimiert, sind aber trotzdem in gewisser Dicke noch erhalten. Es war also doppelt falsch, dass die Feuerwehrverbände den falschen Dämmstoff beschuldigten.

          Könnte ein Brand in einem vergleichbaren Haus auch in Deutschland derart außer Kontrolle geraten?

          In Deutschland sind nur nichtbrennbare Materialien an der Fassade von Hochhäusern zugelassen. Der Brand eines ungedämmten Hochhauses 1974 in São Paulo zeigte jedoch, dass diese Unbrennbarkeit keine absolute Sicherheit bietet. Der Brand verheerte das Hochhaus vom 12 bis zum 25 Stock in 30 Minuten von innen und nach oben von Fenster zu Fenster springend über die Fassade. Die war aus Beton und einem unbrennbaren Wetterschutz. Entscheidend im Hochhaus ist also der vorbeugende innere Brandschutz und eine sehr schnelle Feuerwehr. Nur ein Beispiel, auf was es unter anderem ankommt: In London waren die auf allen Etagen vorhandenen Löschwassersteigleitungen funktionsuntüchtig und Gasleitungen in den Fluchtwegen verlegt.

          Auch viele Besitzer von Einfamilienhäusern sind jetzt verunsichert über die Berichte von Bränden im Fernsehen. Kann man heute noch verantworten, die Fassade eines Einfamilienhauses mit Styropor zu dämmen?

          Der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries sagt dazu eindeutig ja. Bei Einfamilienhäusern gibt es keine Anforderungen an die Fassadenbekleidung. Das ist keine Nachlässigkeit des Staates, sondern hängt mit den Brandverläufen zusammen, eine nichtbrennbare Fassade bringt bei Gebäuden geringer Höhe keine zusätzliche Sicherheit: 95 Prozent aller Einfamilienhausbrände sind Zimmerbrände, die das Haus im Innern bis ins Dach verheeren. Und wenn in den seltenen Fällen draußen die Mülltonne, ein Holzschuppenanbau oder der Carport brennen, schlagen die Flammen wegen des kurzen Abstandes direkt auch ins Dach oder zerstören die Fenster vor, denen sie stehen, und erzeugen wieder Zimmerbrände, die das Haus von innen verheeren. Da wäre eine unbrennbare Dämmung kein Schutz.

          Topmeldungen

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          Tödlicher Hochhausbrand: Laut BBC wurde in London eine billige, leicht entflammbare Fassadenverkleidung verwendet, um dadurch rund 293 000 Pfund (333 000 Euro) einzusparen.

          : Polystyrol war nicht der Brandbeschleuniger

          Beim Brand des Londoner Grenfell Tower am 14. Juni 2017 starben mindestens 80 Menschen. Hauptursache der Katastrophe waren dramatische Mängel beim Brandschutz.

          : 60 Jahre Wärme­dämm­verbund­systeme

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