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Verlagsspezial

Interview : „30 Prozent der energiebedingten CO₂-Emissionen entfallen auf den Gebäudebereich”

Bild: mitifoto/fotolia

Peter Ahmels, Leiter Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH), über Gebäudedämmung, die Mythenpapiere des DUH und die Bedeutung des Gebäudebereichs für die Klimaschutzziele.

          Deutschland droht sein Klimaziel für 2020 zu verfehlen, und die Gebäudeheizung verbraucht immer noch zu viel Energie. Ist Gebäudedämmung wirklich nützlich?

          Absolut. 35 Prozent des Energieverbrauchs und 30 Prozent der energiebedingten CO₂-Emissionen entfallen auf den Gebäudebereich in Deutschland. Ein Großteil davon entsteht in privaten Haushalten für die Wärmeversorgung, also Raumwärme und Warmwasserbereitung. Da die Wärmeversorgung zum größten Teil noch auf fossilen Brennstoffen wie Heizöl oder Gas basiert, sind die Reduktionsziele von Treibhausgasen erheblich. Etwa 70 Prozent des Altbaubestandes in Deutschland wurden bereits vor der ersten Wärmeschutzverordnung des Jahres 1979 errichtet, die energetische Effizienz dieser Gebäude ist unzureichend. Ein gewaltiges Einsparpotenzial im Energieverbrauch liegt also besonders im Gebäudebestand. Sanierungsmaßnahmen reduzieren dabei den Verbrauch fossiler Brennstoffe, sparen Geld und dienen gleichzeitig dem Umwelt- und Klimaschutz. Energetischen Sanierungen führen außerdem zu Wertsteigerungen der Immobilien und machen das Wohnen oder Arbeiten darin behaglicher und gesünder.

          Bild: DUH

          Welche Einsparpotenziale knüpfen sich an die Gebäudedämmung?

          Deutschland ist derzeit von der Erreichung seiner Klimaziele, einer Reduzierung von Treibhausgasen um 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990, weit entfernt. Aktuelle Prognosen deuten eher auf eine Reduzierung um lediglich 30 Prozent hin. Um das Ziel doch noch erreichen zu können, sind weitere Maßnahmen seitens der Bundesregierung dringend notwendig.  Der Gebäudesektor kann dabei einen großen Beitrag zu dieser Herausforderung liefern. Denn die Einsparpotenziale sind hier so groß wie in keinem anderen Sektor. Altbauten können ihren Energiebedarf nicht nur um bis zu 85 Prozent senken, sondern der Gebäudesektor bietet außerdem zahlreiche Möglichkeiten für den Einsatz von erneuerbaren Energien für die Wärmeversorgung.

          Dämmmaßnahmen am Haus stehen in der Diskussion – warum eigentlich?

          Das Thema ist komplex und mit vielen Unsicherheiten belegt – in der Berichterstattung wird Kritik häufig an negativen Einzelbeispielen festgemacht. Positiven Effekten einer Wärmedämmung wurde bisher wenig Platz eingeräumt. Die einzige Antwort auf die einseitig geprägte Diskussion können sachliche und wissenschaftlich fundierte Argumente sein, wozu die DUH mit ihrer Arbeit beitragen will. Natürlich ist es dabei wichtig, alle Sorgen und Bedenken aufzugreifen, da nur so ein breiter Konsens für energetische Sanierungen in der Gesellschaft entstehen kann.

          Welche Ziele wollen Sie mit den „Mythenpapieren“ erreichen?

          Wir wollen bestehende Vorurteile aufgreifen und die Debatte zu energetischen Sanierungsmaßnahmen auf eine sachliche und differenzierte Ebene heben. Ganz konkret werden bekannte Argumente wie die Wirtschaftlichkeit von Sanierungsmaßnahmen, Brandgefahr von Dämmstoffen oder Aspekte des Denkmalsschutzes adressiert. Die Papiere sind für die Öffentlichkeit bestimmt und werden deshalb kostenfrei zur Verfügung gestellt und stehen auf unserer Website als Download bereit.

          Wie unterstützt die DUH Hausbesitzer, die eine energetische Sanierung planen?

          Die Bereitstellung von sachlichen und neutralen Informationen ist ein wichtiges Ziel unserer Arbeit. Neben unseren Mythenpapieren ist in diesem Zusammenhang auch unser Hintergrundpapier zu energetischer Gebäudesanierung hervorzuheben. Damit wird Hausbesitzern ein umfassendes Bild zu ihren persönlichen Vorteilen von Sanierungsmaßnahmen ermöglicht. Optionen der öffentlichen Förderung und Beratung werden genannt und so Handlungsentscheidungen erleichtert.

          Was sind für Sie dabei die vordringlichsten Einzelmaßnahmen?

          Häufig können kostengünstige, gezielte Einzelmaßnahmen – wie der Austausch der Heizungspumpe oder die Dämmung der Kellerdecken – bereits große Effekte erzielen. Generell plädieren wir jedoch dafür, ein Gebäude als Gesamtsystem zu verstehen. Einzelne Komponenten wie die Heizungsanlage und die Gebäudeaußenhülle müssen aufeinander abgestimmt sein, um eine verbesserte Energieeffizienz zu erreichen. Hierzu sind eine qualifizierte Energieberatung und die Entwicklung eines gebäudespezifischen Sanierungsplans unbedingt notwendig. Der individuelle Sanierungsfahrplan bietet die Möglichkeit, schrittweise ausführbare Einzelmaßnahmen in ein langfristiges ganzheitliches Gesamtkonzept für das Gebäude zu integrieren.

          Wie sollte die Politik Hausbesitzer für eine energetische Sanierung motivieren?

          Um die Energieeffizienz- und Klimaziele bis 2020 zu erreichen und die Sanierungsrate auf mindestens zwei Prozent zu erhöhen, sind zusätzliche finanzielle Anreize für Modernisierungen notwendig. Die bestehenden Förderprogramme des Bundes und der Länder müssen verbraucherfreundlicher gestaltet werden. Die Förderung der KfW sollte aufgestockt werden und einen neuen KfW-Standard einführen, der die Sanierung mit ökologischen Bau- und Dämmstoffen mit zusätzlichen Fördermitteln unterstützt. Als eine der zentralsten Maßnahmen muss die Politik endlich die steuerliche Abschreibung von energetischen Sanierungsmaßnahmen auf den Weg bringen. Diese verkürzt die Amortisationszeiten von energetischen Sanierungen und wäre ein wichtiger Anreiz für Hauseigentümer, in die Sanierung ihrer Immobilie zu investieren.

          Das Interview führte Dirk Mewis

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