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Der Netzwerker: Bernd Stracke kämpft er in seiner sächsischen Heimat für die Demokratie.

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Der Netzwerker

Früher war Bernd Stracke ein Punk, der den Staat ablehnte. Heute kämpft er in seiner sächsischen Heimat für die Demokratie.

An die erste Palme kann sich Bernd Stracke noch genau erinnern.

Das erste Mal im Flugzeug sitzen, das erste Mal baden im Atlantik. „Ich bekomme noch immer Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt der gebürtige Leipziger. Mitte zwanzig ist er, als er all diese Dinge das erste Mal erlebt. Er kannte sie lange nur aus dem Westfernsehen, das er als Jugendlicher heimlich schaute. Wie Kaspar Hauser habe er sich gefühlt, sagt Stracke.

Herausgeholt aus der Abschirmung hatte ihn die Bundesrepublik kurze Zeit zuvor, freigekauft, den Punk aus der DDR. Er bekam damals eine Wohnung, Möbel, Geld und, viel wichtiger: die Möglichkeit zu reisen, zu studieren, den Horizont zu weiten. „Für all das bin ich heute noch dankbar“, sagt der 53-Jährige. „Damals bin ich vom Anarchisten zum Anhänger der freiheitlichen Demokratie geworden.“

Der Name ist Programm

Bernd Stracke weiß, dass Mitsprache und freie Meinungsäußerung nicht selbstverständlich sind. Darum setzt er sich heute mit dem „Institut für Beratung, Begleitung und Bildung“, kurz B3, dafür ein. Der Name ist Programm: Das Institut mit Sitz in Dresden unterstützt Bürgermeister und Kommunen in Sachsen, in deren Gemeinwesen es brodelt. Ob es um Asylproteste oder den Überfall auf einen Jugendclub geht, um urbane Gewalt oder Integration, das Ziel ist immer, die Menschen vor Ort einzubinden, das Gespräch anzustoßen, Probleme gemeinsam zu lösen.

Dass das mal zum Mittelpunkt von Strackes Leben und Arbeiten wird, war in den 1980ern nicht abzusehen: Mit 18 Jahren hatte er sich der Leipziger Punk-Szene angeschlossen aus Frust, nicht offen seine Meinung sagen zu können. „Wir wollten die Probleme beim Namen nennen. Im Punk konnten wir das.“ Als Sänger in verschiedenen Bands machte Stracke seinem Ärger Luft – und geriet schnell mit der Obrigkeit aneinander. Das erste Mal wird er verhaftet, weil er und ein paar Freunde Kerzen gegen den Kriegsdienst anzünden. Viele von ihnen stellen den Ausreiseantrag, doch Bernd Stracke will bleiben. „Ich wollte hier in meiner Heimat etwas verändern“, sagt er. Das treibt ihn auch heute noch an.

Damals jedoch will die DDR den Störenfried loswerden und leitet „Zersetzungsmaßnahmen“ ein. Dass das so hieß, habe er später in seiner Stasi-Akte gelesen, sagt Stracke. Nachbarn ignorieren ihn plötzlich, der Ausweis wird ihm abgenommen, Herren mit Handgelenktaschen tauchen auf, wenn er sich mit Freunden treffen will. „Das war Psychoterror“, sagt Stracke. Als er das zweite Mal verhaftet wird, hat er keine Kraft mehr. Stracke stellt den Ausreiseantrag und wird schließlich von der Bundesrepublik freigekauft.

In Kittlitz fühlt sich Bernd Stracke angekommen. Sachsen ist seine Heimat – und die möchte er mitgestalten. Bald nach seiner Rückkehr fängt er an, sich zu engagieren: Er war unter anderem Projektleiter in einem Jugendzentrum, Mitbegründer einer Initiative für Zivilcourage, Stadtrat in Löbau und Geschäftsführer eines Soziokulturellen Zentrums in Zittau. Das Institut B3, das er heute gemeinsam mit einem Partner führt, ist gewissermaßen die Essenz aus diesem jahrelangen Engagement.

Damals bin ich vom Anarchisten zum Anhänger der freiheitlichen Demokratie geworden.

Über die Jahre hat sich Stracke durch seine Arbeit ein großes Archiv an Namen und Beziehungen erarbeitet. Er weiß, wie die Menschen ticken, wie Strukturen funktionieren, welchen eigenen Regeln Dörfer und Gemeinden mitunter folgen. Das Wissen nutzt er für einen ganz eigenen Ansatz der kommunalen Beratung. Wenn er seine Arbeitsweise erklärt, merkt man, wie wichtig ihm das ist. Er zeichnet Kreise, Kästchen und Pfeile, um es zu erklären.

Im Zentrum stehen dabei „die kleinen Könige“, wie Stracke sie nennt: Bürgermeister oder andere Respektspersonen im Ort. Wenn es in einer Gemeinde Probleme gibt, holt er die an einen Tisch gemeinsam mit allen, die in irgendeiner Weise betroffen sind, und denen, die helfen können, den Konflikt zu lösen. Stracke will das Problem so aus der Mitte heraus lösen, ohne politische Agenda und auf Augenhöhe. „Wenn es ein Problem bei der Feuerwehr gibt, schicke ich meinen Kollegen hin, weil der sich auskennt und ‚Feuerwehr‘ spricht“, sagt Stracke. So stelle man eine Verbindung her. Das Institut greift dabei auf einen Pool an freien Beratern und Mediatoren zurück, die je nach Situation dazugeholt werden.

Dieser Ansatz hat Erfolg: Das Institut B3 gehört zum Beratungsnetzwerk des Demokratiezentrums Sachsen, es wird vom Bund und vom Land gefördert. Stracke ist zum gefragten Ansprechpartner geworden, wo immer Konflikte aufflammen. In unzähligen hat er bereits vermittelt. „Es funktioniert überall dort gut, wo die Leute durch Beteiligung und Information mitgenommen werden“, sagt er. „Ein Erfolg ist es manchmal schon, dass im Dorf mal wieder alle miteinander geredet haben.“

Nicht nur wenn es brennt

Ein Erfolg ist es auch, dass sich der Ex-Punk heute in Sachsen wohl fühlt. In Löbau hat er vor einigen Jahren eine Rugbymannschaft gegründet, mit seinem „Tabakkollegium“ trifft er sich regelmäßig mit Freunden zum Pfeiferauchen. „Der Austausch mit den Menschen ist mir wichtig“, sagt Stracke. „Nicht nur wenn es brennt.“

PERSÖNLICHE SCHÄTZE

Wichtige Dinge, die Bernd Stracke in seinem Leben begleitet haben:

Der Wegweiser Als Stracke von Berlin nach Kittlitz zog, halfen ihm Freunde dabei, das Haus der Großeltern wieder herzurichten. Sie machten ihm auch dieses Geschenk mit Symbolkraft: „Der Kletterführer hilft einem, den richtigen Weg zu finden“, sagt Stracke. Zudem zeige einem das Klettern die eigenen Grenzen auf.
Wenig Schall, viel RauchEinmal im Monat trifft sich das Löbauer Tabakkollegium, das Stracke mitbegründet hat. Bei Zigarren und Pfeife reden sie über Historisches und Aktuelles aus der Region. Im Mittelpunkt stehe da mal nicht die Politik, sondern nur der Genuss, sagt er.
Die ProtestplatteDie Schallplatte seiner Punkband „L’Attentat“ war in der DDR verboten. 30 Jahre später haben sie sie noch einmal neu aufgelegt. Die Record-Release-Party war ausverkauft. „Viele junge Leute schauen sich heute in ihrem eigenen Umfeld nach Vorbildern um“, sagt Stracke.
Der RuhepolDieses Buch hat Bernd Stracke als Kind von seinem Großvater geschenkt bekommen. Seitdem faszinieren ihn Vögel. Noch heute fährt er zur Entspannung auf den Darß, um Kraniche zu beobachten. „Man muss ganz leise und extrem fokussiert sein“, sagt er. „Perfekt zum Abschalten.“
Eine Tasche mit TraditionAls Kind hat Bernd Stracke die Ferien meist bei den Großeltern in Kittlitz verbracht. Das hat ihn geprägt. Dass er heute im dozierenden Bereich unterwegs ist, sei ein Stück weit seinem Großvater zu verdanken, sagt er, denn der war Lehrer. Seine Ledertasche benutzt Stracke noch heute.
Ein Stück HeimatNach der Wende hat Stracke das halbverfallene Haus der Großeltern übernommen. „Ich habe mich lange wie auf einer Odyssee gefühlt“, sagt Stracke. „Das Haus war mein Hafen.“ Dieses Überbleibsel der ehemaligen Eingangstür steht heute in seiner Bibliothek.
Eine ruhige KugelStatt Rugby spielt Bernd Stracke inzwischen lieber Boule. Das geht weniger auf die Knochen. „Ähnlich wie bei der Vogelbeobachtung muss man sich vollkommen auf einen Punkt konzentrieren und alles andere ausschalten“, sagt Stracke. „Nach einer Stunde habe ich den Alltag vergessen.“
Die Quelle der KraftAls Jugendlicher spielte Stracke in Leipzig Rugby. Noch heute fasziniert ihn dieser Sport, weil er unbedingte Teamarbeit erfordert und man seinen Mitspielern absolut vertrauen muss. Das habe ihn damals stark gemacht, sagt Stracke. 2005 hat er mit den „Buntspechten Löbau“ eine eigene Mannschaft gegründet.

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Für Freistaat Sachsen.

Quelle: So geht sächsisch.

Veröffentlicht: 11.10.2016 09:57 Uhr