© Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Foto: Oliver Killig, 2012
Herr Dr. Fischer, Sie sind seit dem 1. Mai Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die erste große Ausstellung in Ihrer Amtszeit ist nun die zum Geburtstag der Sixtinischen Madonna. Was bedeutet Ihnen die Madonna?
Das Bild hat mich immer fasziniert. Ich kenne es seit frühester Jugend. Schon als Kind bin ich in Dresden gewesen und habe die Sixtinische Madonna in der Gemäldegalerie Alte Meister gesehen. Später ist sie mir auf den unterschiedlichsten Wegen begegnet – schließlich handelt es sich um eines der am häufigsten reproduzierten Gemälde der Welt.
Sie haben Ihre neue Position unter anderem mit der Ansage angetreten, das Augenmerk verstärkt auf die Gegenwartskunst zu richten – die Sixtina ist allerdings ein Werk der italienischen Hochrenaissance.
Es stimmt, dass ich mich für die Kunst der Gegenwart einsetze. Doch ist das nicht meine einzige Aufgabe. Als Generaldirektor stehe ich einem Verbund von zwölf Sammlungen vor. Mit ihren Objekten umspannen sie Jahrtausende und die verschiedensten Kulturen der Welt und sind verteilt auf drei Standorte verteilt: Dresden, Leipzig, Herrnhut. Die Frage nach Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ist im Übrigen nicht so leicht zu beantworten. Alle Objekte in einem Museum sind in einer Gegenwart entstanden, haben eine Vergangenheit und eine Zukunft. Die Genialität des Museums als Institution liegt genau darin, dass man Objekten begegnet, die von vergangenen Welten stammen und hier ihre Gegenwart haben. Das ist ein lebendiger Austausch. Wenn der Besucher sich darauf einlässt, wird eine vergangene Epochen für ihn zur Gegenwart.
Und das gilt auch für die Sixtinische Madonna?
Natürlich. Das Bild ist so angelegt, dass wir als Betrachter uns direkt hineinbegeben, wir betreten den Raum des Bildes und nehmen Teil am Ereignis. Der Vorhang ist zu Seite geschlagen und gibt den Blick frei auf die Szene, und auch die Engel vermitteln zwischen unserer Welt und derjenigen Madonna. Wir sehen, mit welcher Vorsicht, aber auch Sorge die Mutter ihr Kind aus dem Himmel herbei zu den Menschen bringt, um ihnen das Leben zu schenken. Damit ist das Bild Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und zugleich ein Ereignis, das uns zutiefst anrührt, aufwühlt und begeistert.
Was erhoffen Sie sich von der Ausstellung?
Ich glaube, die Ausstellung wird viele Menschen in schieres Staunen versetzen, weil sie eine überraschende und auch lehrreiche Begegnung mit der Madonna ermöglicht. Sie zeigt eben nicht nur das Bild, sondern auch seine Geschichte – also das, was Forscher „Rezeption“ nennen: von den Künstlern, die sich durch die Jahrhunderte mit dem Bild auseinandergesetzt haben, bis hin zu den Teetassen der Merchandising-Firmen. Das ist in vielerlei Hinsicht exemplarisch.
Können Sie das näher erklären?
Wir begegnen großen Werken der Vergangenheit heute auf eine bestimmte Weise. Bevor wir ihnen in Rom, Paris oder anderswo gegenübertreten, haben wirschon einen ganzen Parcours an Bildung hinter uns: Womöglich haben die Eltern überdas Bild gesprochen, oder wir haben durch die Schule, die Universität, die Freunde, das InternetInformationen gesammelt. Allein schon um zu ahnen, dass es wichtig sein könnte, dieses Bild einmal im Original zu sehen, müssen Sie viel aufgenommen haben. Unsere Ausstellung zeigt, wie eine solche Situation entsteht. Wie wird ein Bild zu dem Meisterwerk, vor demalle gleichsam von Amts wegen mit offenem Mund stehen? Diesen Prozess verdeutlichen wir am Beispiel der Sixtina, die ja auch nicht schon immer das Prunk- und Staatsstück der Dresdner Gemäldesammlung war.
Von der Ausstellung losgelöst: Worauf freuen Sie sich am meisten in Ihrer neuen Position?
Selbstverständlich freue ich mich sehr auf die gemeinsame Arbeit mit den Kollegen und die Arbeit mit den großartigen Sammlungen. ich möchte die wissenschaftliche Forschung stärken und globale Kooperationen eingehen. Das sind Aspekte, die das Team mit meinem Vorgänger Martin Roth schon dynamisch aufgebaut hat und die mit langgehegten Interessen meinerseits übereinstimmen. Einen besonderen Reiz haben für mich aber auch die Stadt selbst und die Menschen, die hier leben. Bei einem meiner Vorab-Besuche erzählte mir ein Dresdner, der mich am Flughafen abholte, von der „Affenliebe“ der Dresdner zu ihrer Stadt. Das fand ich herrlich: diese Leidenschaftfür die eigene Stadt, ihre Erhalt, ihre Geschicke, ihre Zukunft.
Das Gespräch führte Sarah Bautz.
