Fast magisch ziehen die Augen der Gottesmutter und des Jesuskindes die Betrachter in ihren Bann.
Doch was ist das Geheimnis dieser Schönheit? Zum 500. Geburtstag beschäftigte sich der Attraktivitätsforscher Dr. Martin Gründl erstmals in einer Studie mit der geheimnisvollen Ausstrahlung der Sixtinischen Madonna. Er kommt zu überraschenden Ergebnissen. „Raffael war mit den menschlichen Wahrnehmungsgewohnheiten bestens vertraut. Er hat sein malerisches Können meisterhaft und gezielt eingesetzt, um bei uns Betrachtern eine Faszination auszulösen, deren Ursache wir uns selbst nicht erklären können.“ so Gründl. In der Darstellung der Sixtinischen Madonna verbindet Raffael kindliche sowie erwachsene Gesichtszüge/Merkmale miteinander und erzeugt so eine ideale Schönheit, die in der realen Welt nicht zu finden ist. Die Augen- und Kinnpartie enthalten klassische Züge eines „Kindchenschemas“ nämlich die Augen besonders groß, das Kinn extrem zart. Im Gegensatz dazu weist die Mittelpartie des Gesichtes, vor allem die Nase, deutlich erwachsene Züge auf. Mit verschiedenen Merkmalen ein Idealbild zu erzeugen ist heute in der Werbung mittels Computer Gang und Gäbe, doch Raffael hat dieses Wissen schon vor 500 Jahren erkannt und perfekt umgesetzt. Durch einen weiteren stilistischen Griff gelingt es dem Renaissancemaler, unser Auge zu täuschen und der Sixtinischen Madonna ihre monumentale Würde zu geben. Nach normalen Maßstäben ist der Körper viel zu groß für den Kopf der Figur. Doch Raffael schafft es, auch dieses Verhältnis normal wirken zu lassen und für seine Inszenierung zu nutzen.
Raffael hat einen weiteren Trick verwendet, der nicht im Auge des Betrachters zu finden ist, sondern im Auge der Sixtinischen Madonna: Sie schaut uns scheinbar an, doch irgendwie auch nicht. Für diesen Effekt verwendete Raffael wahrnehmungspsychologische Charakteristika. In seiner Arbeit beschreibt Gründl die Linksblick-Tendenz, Raffaels Umgang mit Unschärfe und Kontrastreduktion sowie die Bedeutung der Glanzpunkte in den Augen. Aus verschwimmenden, unscharfen Umrissen, falschen oder ganz fehlenden Lichtreflexen, künstlichen Schatten und unnatürlichen Schwung der Brauen erschuf Raffael ein Antlitz, das über jegliche irdische Schönheit erhaben ist.
