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Posttraumatische Unterhaltung : Wie Schnee von gestern / Interview mit Adnan Softic

Adnan Softic „Wie Schnee von gestern“, 2012 Bild: Adnan Softic

Adnan, du bist in Sarajevo geboren und in Bosnien aufgewachsen. Daher möchte ich diesem Interview ein Zitat aus einem Artikel voranstellen, den Jons Vurkorep zu Deinem Film „Ground Control“ geschrieben hat: „ Nun ist die Rede von Bosnien im ausgehenden 20. Jahrhundert. Zu jener Zeit bot kein Land in Europa mehr Ratlosigkeit und Entsetzen angesichts des brutalen Krieges und seiner oft unerklärlichen Gründe.
Hamburg, 1999. Ein junger Mann am Anfang seines Schaffens. Er trägt genau diese bosnische Bürde mit sich – und redet Klartext. Er räumt auf. Endlich bricht jemand mit der Vergangenheit und klärt die Verhältnisse, ohne Rücksicht auf den eigenen Schmerz oder den der anderen. Kann der erste Impuls eines jungen Mannes auch anders sein, ein Mensch auf der Suche nach der wahren Kunst? Eben nur so geht es. Die Wahrheit beim Schopf packen – die bloße und radikale Tat selbst durchführen.“

          „Posttraumatische Unterhaltung“ heißt der Katalog zu deinen Arbeiten. Gehört dein neuer Film in diese Reihe?

          Adnan Softic: Ja, auf jeden Fall. Weil es sich um eine alltägliche Situation handelt, in der die äußere Umgebung sich extrem von den inneren Impulsen unterscheidet  und diese zwei Welten auseinanderklaffen. In dieser ganzen Reihe geht es mir darum, diese Kluft spürbar zu machen. Denn diese Kluft wahrzunehmen – diesen Widerspruch auszubalancieren, um daraus eine neue Normalität zu schaffen, bedeutet, sich mit dem Wahnsinn vertraut zu machen.

          Warum der Titel „Wie Schnee von gestern“? Ist das nicht das Gegenteil von „Verhältnisse klären“?

          Adnan Softic: Schnee von gestern ist für mich ein sehr weiches Bild für eine Beschreibung, dass etwas gestorben ist. Das passt für mich irgendwie sehr schön in die Alltagsphänomene und die Art, wie die Menschen mit dem Absterben der Dinge umgehen ... So ähnlich wie „Schwamm drüber“ und weg ist es. Dabei ist es natürlich nicht weg – das Leben geht weiter, und man redet sich das nur ein. Wir sagen, dass etwas nicht mehr aktuell oder „gestorben“ ist, damit wir uns „wichtigeren“ Sachen widmen können. Aber diese unsere „Erklärung“ spielt eher eine untergeordnete Rolle. Ich denke an den Moment, wenn die abgeschlossene Sache auf sehr eigenartige Weise wieder auftaucht  und einen dann doch wieder einholt.

          Außerdem gab es noch eine lustige Geschichte um diesen Titel. Der Film sollte eigentlich „Schnee von gestern“ heißen. Dann bekam ich einen Anruf von der Filmförderung mit der Bitte, einen anderen Titel zu wählen, da es 2 Jahre zuvor schon einen Film mit diesem Titel gegeben hatte. Es war allerdings ein Dokumentarfilm über die Schneekatastrophe in Norddeutschland, hatte also mit meinem Film gar nichts zu tun. Und ich war mir irgendwie ganz sicher, dass ich keinen anderen Titel finden werde – und dann kam mir plötzlich dies „wie“ – „Wie Schnee von gestern“ soll der Film heißen. Und nun komme ich wieder zurück auf deine Frage: Mit dem „wie“ habe ich eine zusätzliche Distanz geschaffen, die sehr gut mit dem Film übereinstimmt. Dieser zeigt eine Anordnung, und er definiert diesen Zustand nicht endgültig – es ist eben ein „wie“.

          Der Film hat nur eine Einstellung, einen Blick aus einem Café auf eine Fußgängerzone. Man hört, wie sich ein Paar über die Passanten unterhält. Erst mit ganz harmlosen Beobachtungen und dann verändert sich die Tonspur in erkennbar geschauspielerte Dialoge über das Thema: Woran erkennt man einen Heckenschützen? Warum dieser Bruch?

          Adnan Softic: Ich muss da etwas weiter ausholen: Mich interessiert ganz allgemein das Thema Geschichtsschreibung, bzw. zwei – für mich sehr wichtige –  Aspekte: Verdrängung von Geschichte auf der einen und Konstruktion von Geschichte auf der anderen Seite. Mit der Geschichte meine ich beides: History und Story.
          Auch der Film ist so ein Konstrukt – und ich hatte letztendlich das Gefühl, dass es für den Film besser ist, wenn er etwas Artifizielles hat. Auf der bildlichen Ebene ist er enorm spontan, da habe ich nur ein paar Eckdaten gehabt – es kommen fünf Darsteller vor, aber es sind sicher 200 Menschen, die durch das Bild laufen und genauso viel machen wie die Darsteller – manche sogar viel mehr. Es ist eine Miniatur, um die es mir geht, eine aus dem Alltag entstandene Situation, die mit Zufälligkeiten arbeitet. Aber im Kontrast dazu ist die Audio-Ebene sehr durchkomponiert, um das Konstrukt zu betonen. Die Schauspieler haben haargenau nach dem Drehbuch gesprochen, und am Ende des Filmes werden die Tonspuren nach und nach ausgeschaltet.

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