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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Zwischen Italien und Slowenien Gott und dem Teufel gleichermaßen nah

Mal rauscht das Wasser unten, mal oben, mal fern von der Adria her: Die eigentümliche Karstlandschaft an der slowenisch-italienischen Grenze ist dünn besiedelt, aber voller Naturwunder.

© Gerhard Fitzthum Vergrößern Landschaft mit Symbolcharakter: Oben wird dem Allmächtigen gehuldigt, unten geht es hinab in den Höllenschlund.

Am Bahnhof von Divaca hält sich die Begeisterung in Grenzen. Das vormalige Eisenbahnerstädtchen wirkt hoffnungslos zersiedelt und die Umgebung ziemlich flach und unspektakulär. War es vielleicht doch eine Schnapsidee, im slowenischen Karst wandern zu wollen? Gipfel der Trostlosigkeit ist wenig später die Unterquerung der Autobahn Ljubljana-Koper. Doch dann verwandelt sich das aufgeheizte Sträßchen in einen gut markierten Pfad, der in einen jungen Eichenwald eintaucht. Plötzlich laufen die Beine wie von selbst - ein erstes Anzeichen jener Entspannung, die das Durchwandern der Natur so zuverlässig bietet.

Bald jedoch kehrt die innere Unruhe in neuer Gestalt zurück. Denn ein seltsames Geräusch hat sich in die Stille gemischt - eine Art Tosen, das nicht zu lokalisieren ist und mit jedem Schritt stärker wird. An einem unvermittelt auftauchenden Eisengeländer stockt einem dann der Atem. Direkt dahinter öffnet sich die Erde zu einem mehr als hundert Meter tiefen Krater. In seinen Abgründen stürzt schäumend ein wilder Fluss hinunter, umgeben von schütter bewaldeten Felsriffen. Wie er in diesen Kessel hineingeraten ist, ist so wenig zu erkennen wie der Weg, auf dem er ihn wieder verlässt.

Wohnen hier die Argonauten?

Das Loch ist eine der größten Dolinen Sloweniens - ein Karstphänomen wie aus dem Lehrbuch. Die Erdoberfläche ist vor Zehntausenden von Jahren so lange unterspült worden, bis sie in sich zusammenbrach und ein riesiger Trichter entstand. Steigt man auf dem gesicherten Treppenweg hinab,erkennt man den großen Spalt in der Felswand, durch den das Wasser einschießt, und die Höhle auf der Gegenseite, in der es wieder verschwindet - für weitere dreißig Kilometer. Schon der griechische Philosoph Posidonius hatte den geheimnisvollen Wasserlauf beschrieben. Erwähnt wird er auch in der Argonauten-Sage, und es würde einen nicht wundern, wenn sich auch Dante Alighieri die Inspiration für sein Inferno an der Reka geholt hätte.

Wenn sie an der italienischen Adriaküste wieder ans Tageslicht kommt, heißt sie Timavo und transportiert die dreifache Wassermenge. Offenbar wird das gesamte Karstplateau über das unterirdische Kanalsystem des Wildflusses entwässert. Sein Name macht deutlich, welche herausragende Bedeutung ihm die Slowenen zumessen, denn „Reka“ heißt nichts anderes als Fluss. Man steht in der Doline von Skocjan also vor dem Archetyp eines Flusses. Damit wird dem Wanderer seine erste Lektion erteilt: Wenn im Karst irgendwo Wasser fließt, dann unter Tage, und man hat Glück, wenn es sich - wie in diesem Fall - wenigstens ein paar Meter an der Oberfläche zeigt.

Die Chemie des Regenwassers

Was unseren Vorfahren rätselhaft erscheinen musste, ist leicht zu erklären: Im Karst besteht der Untergrund aus wasserlöslichem Kalkgestein. Mit Hilfe des Kohlendioxids aus der Luft bildet sich Kohlensäure, die das Material auflöst. Das Regenwasser setzt also keinen mechanischen, sondern einen chemischen Prozess in Gang, die sogenannte Korrosion. Durch diese werden die Rillen in der Gesteinsoberfläche immer tiefer, bis das Wasser irgendwann in darunter liegenden Schichten verschwindet. Was das bedeutet, ist klar: Das Land verkarstet, Oberflächenwasser wird zum seltenen Ausnahmefall, und als Wanderer ist man gut beraten, sich nur mit randvoll gefüllten Trinkflaschen auf den Weg zu machen.

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Veröffentlicht: 09.08.2013, 07:10 Uhr

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