Home
http://www.faz.net/-gpc-77j4g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zwei Jahre nach Fukushima Die Liebe im Schatten des Atoms

Zwei Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima sind die Spuren oberflächlich beseitigt - doch nicht nur die psychischen Folgen des Unglücks bleiben. Zahlreiche Familien zerbrechen, vor allem die Frauen leiden.

© dpa Vergrößern „Genpatsu rikon“ heißt „Atom-Scheidung“: Passanten in Fukushima im Januar

Mit 27 Jahren hofft Chiemi Kamada, die seit ihrer Geburt in der Präfektur Fukushima lebt, endlich den Mann fürs Leben zu finden. Seit der Atomkatastrophe vom 11.März vor zwei Jahren ist das allerdings schwierig geworden. „Die Sorgen vor der Radioaktivität sind oft sehr vage, aber sie drücken vor allem den Frauen auf die Seele“, sagt sie. Japanische Männer gelten ohnehin nicht als besonders gesprächig. Die meisten würden die mögliche Gefahr einer radioaktiven Belastung einfach verdrängen. „Wir können mit den Männern hier über unsere Angst vor der Radioaktivität nicht sprechen“, bestätigt ihre Freundin Hiromi Higano.

Carsten Germis Folgen:  

Die Männer haben meist gute Jobs in Fukushima und wollen bleiben. Durch den Wiederaufbau der vom Tsunami zerstörten Gebiete boomt die Bauindustrie. Für Frauen sei es viel schwieriger, eine Arbeit zu finden. Viele ihrer Freundinnen überlegten, nach Tokio oder Osaka zu ziehen, wollten weit weg. „Das hat aber mehr mit der Sorge vor der Radioaktivität als mit den Jobs zu tun“, sagt Hiromi. Die Männer verstünden das nicht. Sie verlangten, dass ihre Freundinnen trotzdem blieben. „Viele Beziehungen sind daran schon zerbrochen“, berichtet sie. Und Chiemi ergänzt seufzend: „Es ist seit der Atomkatastrophe nicht mehr so leicht, einen geeigneten Mann zu finden.“

„Atom-Scheidung“

Doch auch das Zusammenbleiben bereitet Probleme. Seit Monaten steigt in Fukushima die Zahl der Scheidungen. Oft trennen sich Familien, in denen die Frauen mit kleineren Kindern fortzogen, die Männer wegen ihrer Arbeit aber blieben. „Genpatsu rikon“ nennen die Japaner dieses Phänomen, „Atom-Scheidung“. Das Japanische macht es einem leicht, solche neuen Wörter zu bilden. „Narita rikon“ ist auch so eine Neukreation, benannt nach dem Flughafen Narita, von wo aus die meisten internationalen Flüge starten. Weil es in Japan bis heute gesellschaftlich geächtet ist, wenn Männer und Frauen vor der Ehe zusammen wohnen, lernen sich viele Paare erst in ihren Flitterwochen richtig kennen. Zurück auf dem Flughafen Narita, denkt manche der frisch vermählten Ehefrauen schon über eine „Narita rikon“ nach, eine Scheidung.

Typisch für die wachsende Anzahl der „genpatsu rikon“, also der Atom-Scheidungen, ist die Geschichte von Miki. Unmittelbar nach der Katastrophe in den Atomreaktoren ist die 29 Jahre alte Frau mit ihrer dreijährigen Tochter geflohen und bei Verwandten in Tokio untergekommen. Sechs Wochen später nagte das schlechte Gewissen an ihr. War es richtig, die Familie zu trennen? Schweren Herzens ging Miki zurück zu ihrem Mann nach Fukushima. „Aber ist es dort sicher für meine kleine Tochter?“, fragte sie sich immer wieder. Die Regierung behauptet, die radioaktive Belastung sei so gering, dass keine Gefahr für die Kinder bestehe. Ausländische Experten berichten immer wieder anderes. Mikis Sorgen blieben. Sie achtete beim Einkauf darauf, Produkte aus anderen Regionen zu kaufen. Und mit niemandem konnte sie sprechen. Ihr Mann meinte nur: Es sei schon sicher.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wochenbettdepression Ich war voller Wut gegen mein Kind

Kommt ein Baby auf die Welt, ist das ein Grund zur Freude. Doch es gibt Mütter, die sich nicht freuen können. So auch Nicole Müller. Sie verfiel in eine Depression. Es dauerte lange, bis ihr geholfen wurde. Mehr Von Ingrid Karb, Frankfurt

28.09.2014, 16:31 Uhr | Rhein-Main
Pariser Ballettstars unterrichten Nachwuchs in Fukushima

Auch mehr als drei Jahre nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe von Fukushima leiden die Menschen dort unter den Spätfolgen. Oft sind es Kinder, die durch die Ereignisse traumatisiert wurden. Mitglieder des Balletts der Pariser Oper besuchten nun eine Ballettschule in Fukushima und gaben dort Unterricht. Für diese Zeit können die Ballettschülerinnen die Wirklichkeit in der japanischen Katastrophenregion vergessen. Mehr

03.08.2014, 10:39 Uhr | Gesellschaft
Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin Diese Frau will alles ändern

Somayya Jabarti ist die erste Chefredakteurin Saudi-Arabiens. Seit März leitet sie die Tageszeitung Saudi Gazette - und muss vor jeder Reise ihren Mann um Erlaubnis fragen. Ihre Ziele bestimmt sie selbst. Mehr Von Markus Bickel, Dschidda

19.09.2014, 22:41 Uhr | Feuilleton
Schnell gebunden

Sie sehen aus wie ein Gimmick für Kinder. Doch die bunten Bändchen könnten für eine kleine technische Revolution sorgen. Wir haben die Hickies getestet. Mehr

26.09.2014, 16:37 Uhr | Technik-Motor
Bericht einer Ebola-Helferin An den Tod gewöhnt man sich nicht

Seit 30 Jahren leitet Margret Gieraths-Nimene eine Krankenstation in Monrovia. Sie hat den Bürgerkrieg miterlebt. Doch mit dem Ausbruch von Ebola gerät ihre Welt ins Wanken. Das Protokoll einer Helferin. Mehr

01.10.2014, 14:13 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.03.2013, 11:39 Uhr

Peking hat Angst

Von Petra Kolonko, Hongkong

Aller Zensur zum Trotz verbreitet sich die Kunde von der Demokratiebewegung in Hongkong auch im chinesischen Binnenland. Doch Peking hat größere Sorgen als ein Übergreifen der Proteste – und Präsident Xi Jinping größere Pläne. Mehr 18 18

Gespräch mit einem Traumforscher „Träumen ist natürliche Psychotherapie“

Von Freud haben wir gelernt, uns für nächtlichen Bilder zu schämen, uns vor ihnen zu fürchten. Wissenschaftsautor Stefan Klein hält dagegen: Träume sind wichtig fürs Wohlbefinden; sie können uns sogar nutzen. Mehr 4