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Zurück aus der „Veggie-World“ Der Verzehr von Joghurt kann tödlich sein

 ·  Vegetarier essen keine Tiere. Wieso kommen sie dann aber vom Fleisch nicht los? Bei einer Vegetarier-Messe zeigt sich der ganze korrekte Nahrungswahnsinn.

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© Frank Röth Wieso jetzt auch noch Würste vegetarisch vegetieren müssen, erschließt sich dem höheren Geschmack nicht

Kunstfleisch ist in erster Linie ein Hoffnungsträger, da es die ökologischen Probleme unserer Welt lösen soll. Es ist aber auch eine praktische Angelegenheit: Das Fleisch hält monatelang, es muss nicht kühl gelagert werden, weshalb man es problemlos zum Zelten mitnehmen kann, ohne, dass es gammelt. Zudem lässt es sich leicht zubereiten. Man kocht das Schnitzel oder Gulasch zehn bis fünfzehn Minuten in Salzwasser, dann drückt man das Fleisch aus, als sei es ein Schwamm, auf diese Weise verliert es überschüssige Flüssigkeit. Am Ende würzt man es kräftig.

Der Nachteil: Im Gegensatz zu einem Stück Kobe-Rind gehört Kunstfleisch nicht zu jenen Speisen, die man sofort bestellen möchte. Kunstfleisch assoziiert man weniger mit Genuss, sondern eher mit einer Dschungelcamp-Prüfung. Auf der Wiesbadener Messe „Veggie-World“, die in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet, gibt es naturgemäß sehr viel Kunstfleisch in den unterschiedlichsten Varianten. An einem der zahlreichen Stände in den Rhein-Main-Hallen stapelt es sich zum Beispiel in Schnitzelform.

Dieses Fleisch zergeht auf der Zunge

Hinter dem Stand steht ein junger, freundlicher Mann. Das Soja, sagt er, komme aus Serbien und sei gentechnisch nicht verändert. Um den Wahrheitsgehalt seiner Aussage zu unterstreichen, zieht er ein Zertifikat aus der Schublade, das wie ein gewöhnlicher Brief aussieht und nicht wie ein offizielles Dokument. Was er nicht sagt ist, dass drei Viertel der Sojaprodukte auf dem Markt von gentechnisch veränderten Kulturen stammen, aus Nord- und Südamerika, aber auch aus Asien, und dass eine Garantie „gentechnikfrei“ wie Hohn wirkt, sobald man die Erzeugerkette nicht haarklein zurückverfolgen kann.

Wie aber schmeckt Kunstfleisch? Ungewürzt schmeckt es ungefähr so aufregend wie Tofu, also nach nichts. Würzt man es, dominiert das Gewürz den Geschmack, was je nach Gewürz durchaus schmackhaft sein kann. Die Konsistenz von Kunstfleisch ähnelt in der Regel dem Fleisch, das in Seniorenresidenzen serviert wird. Es zergeht beinahe auf der Zunge. Bei Filetstreifen ist das delikat, bei einem Soja-Burger nicht.

Fragwürdige Zitate

Da die „Veggie-World“ 2011 mit mehr als 20.000 Besuchern ein unheimlicher Erfolg gewesen ist, ist sie in diesem Jahr noch größer als beim letzten Mal. Das Messe-Parkhaus ist vollbesetzt, die wenigsten Besucher scheinen öffentliche Verkehrsmittel oder ihr Rad genommen zu haben. So oder so, die Menschen kommen gerne. Die Messe vermittelt einem das Gefühl, dass man auf der moralisch richtigen Seite steht, dass man ein gutes, gesundes Leben führt, die Würde der Tiere achtet und im Sinne des Planeten handelt. Würden alle Menschen die entscheidenden Grundsätze befolgen, hätte es keinen BSE-Skandal gegeben, keine nitrofenverseuchten Eier und auch keine Keime in Hähnchenfleisch. So lautet der Subtext der Veranstaltung. Hier kommt kein Zweifel auf, wo die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft.

Auf einem Zettel, den die Besucher erhalten, steht Folgendes: „Obwohl die Messe in eine um 30 Prozent größere Halle gewechselt ist, war die Fläche bereits in ganz kurzer Zeit ausverkauft. Alle wirklich wichtigen Firmen sind in Wiesbaden präsent. Und die, die fehlen, haben offensichtlich kein Interesse an einem direkten Kundenkontakt. Der Leser kann jetzt ja einmal prüfen, welches Unternehmen zu diesen Abstinenzlern gehört und nur am Umsatz und weniger am Gespräch mit dem Konsumenten interessiert ist.“ Ein anderer Zettel zitiert den höchst umstrittenen „Dr. med. Rüdiger Dahlke“: „Milchprodukte und Fleisch sind nicht nur ins Gerede gekommen, sondern inzwischen als gefährlich überführt. Wenn auf Zigarettenschachteln steht: ,Rauchen kann töten’, gehört Ähnliches auch auf Joghurt Becher und Fleischpackungen.“

Das Kunstfleisch wächst schon

Der Sinn vegetarischer Ernährung ist ja der Verzicht auf Fleisch. Liest man jedoch die Namen der Lebensmittel - Geschnetzeltes, Wurst, Gulasch -, scheint es den Anbietern absurderweise darum zu gehen, das Gegenteil zu suggerieren. Aber warum soll ein Vegetarier eigentlich das Gefühl haben, Fleisch zu essen? Die Simulation von Fleischgenuss stiftet jedenfalls nur Verwirrung und funktioniert schon deshalb nicht, weil sich weder die Geruchs- noch die Geschmacksnerven überlisten lassen, indem man einem Haufen Soja ein Fleisch-Etikett aufklebt. Unser Gehirn hat die Information, wie ein Steak riecht und schmeckt, gespeichert. Es erinnert sich also. Soja spielt in dieser Erinnerungskette keine Rolle.

Diese Lücke will jetzt ein Holländer schließen. Für die einen ist Mark Post von der Maastricht-Universität der heimliche Star der „Veggie-World“, für die anderen ist er nur ein verkappter Fleischfetischist, der nicht ins eigene Weltbild passt. Post, Mitte fünfzig, schütteres Haar, Brille, bastelt aus einzelnen Stammzellen, die aus Muskel- und Fettgewebe von Schweinen entnommen wurden, veritable Fleisch- und Fettstreifen. In-vitro-Hamburger sind zu seinem Markenzeichen geworden. Das Kunstfleisch aus Stammzellen ist vorerst zwar nur ein paar Millimeter dick, weil es unglaublich schwierig ist, die Stammzellen im Reagenzglas millionenfach zu vermehren und dann daraus Satellitenzellen und schließlich rotes Muskelgewebe zu gewinnen. Doch spätestens kommenden Oktober will er seinen ersten Stammzellburger in der Pfanne braten beziehungsweise von dem Starkoch Heston Blumenthal braten lassen.

No-Muh-Käse und Kräuter-Rollbraten

Dieser Burger wird, kalkuliert man Aufwand und Entwicklungszeit ein, nach Posts Rechnung eine viertel Million Euro wert sein. Immerhin muss dafür kein Tier sein Leben lassen, verspricht Post. Und die Umwelt wird geschont, da die Erzeugung im Reaktor viel effizienter abläuft als im Schwein oder in der Kuh. Das Kunstfleisch wird später mit einer Algensuppe im Bioreaktor gefüttert, die Skizze für die entsprechende Fabrik steht bereits. Nur eine Frage kann Post nicht beantworten: wie der synthetische Fleischbrocken im Gaumen wirkt, wie er sich anfühlt, wie er schmeckt.

Die Schweizer Firma Vegusto schert sich um derartige Zukunftsszenarien nicht. Ihren Stand hat sie in den Landesfarben dekoriert und wirbt dort nun für ihre „rein pflanzlichen Fleisch- und Käsealternativen“. Hinter der Theke brutzelt eine vegane Bratwurst. Das Sortiment des Unternehmens ist groß: Es gibt Curry-, Knacker- und Pepp-Bratwürste, Kräuter-Rollbraten sowie die Weißwurst Bianca, deren Name in einer Branche, die sich politisch korrekt gibt, nicht absolut korrekt ist. Vegusto bietet auch No-Muh-Käse an, also Käse ohne Milch, der schmeckt, als hätte er seine besten Tage bereits hinter sich. Neben dem No-Muh-Käse steht eine aufblasbare Kuh.

Die Zukunft der Kuh liegt in ihrem Abbild

Auf die Frage, was aus den vielen Bauern werden solle, die Rinder hielten, sagt der Herr von Vegusto, die Bauern müssten eben umdenken und nicht nur die Subventionen einstreichen. Dass die Bewirtschaftung von Weiden durch Kühe auch im Sinne der Artenvielfalt ist, interessiert ihn nicht. Das Label vegan ist seine Festung, hinter der er sich zufrieden verschanzt. Die Zukunft der Kuh liegt für ihn in der Ästhetik. Wie ein Gemälde, das im Museum hängt, steht die Kuh dann auf der Weide und will betrachtet anstatt gemolken werden.

Einige Stände weiter liegen Flyer des Online-Shops Veganversand.at aus. Sie zeigen eine Frau, ein Mädchen und ein Huhn, die einträchtig auf einer rot-weiß karierten Decke sitzen. Die Frau isst ein belegtes Brötchen, im Hintergrund erheben sich die Berge. Unter dem Bild steht: „Rein pflanzlich. Cholesterinfrei. Bekömmlich. Ethisch.“

Man muss gewiss kein Fleischliebhaber sein, um dieses in jedem Messewinkel zur Schau getragene Gutmenschentum unerträglich zu finden. Die moralisierende Rhetorik stellt das größte Problem des Vegetarismus dar. Am Ende torpediert Ideologie eben jede gute Sache. Dass Massentierhaltung skandalös ist, ist keine Frage. Dass die „Geiz ist geil“-Philosophie längst auch für Nahrungsmittel gilt und jegliches Qualitäts- und Preisbewusstsein zerstört, ebenso wenig.

Offensichtlich sind wir auf dem falschen Weg. Dennoch wären die Messeveranstalter und einige Aussteller gut beraten gewesen, hätten sie einen Blick in Jonathan Safran Foers beklemmendes Buch „Tiere essen“ geworfen, in dem der Autor schonungslos die Maschinerie der Massentierhaltung beschreibt, ohne ein einziges Mal mahnend den Zeigefinger zu heben. Nach der Lektüre ist einem der Fleischappetit erst mal vergangen. Bei der Veggie-World verhält es sich leider genau umgekehrt.

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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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