Home
http://www.faz.net/-gpc-754sy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.12.2012, 16:17 Uhr

Zum Tod von Jochen Schulte-Sasse Aufklärung als Inspiration

Er machte die Universität von Minnesota in Minneapolis zu einem Zentrum europäisch-amerikanischer Debatten: Zum Tod des Germanisten Jochen Schulte-Sasse.

© University of Minnesota Der Aufklärung verpflichtet: Jochen Schulte-Sasse

Am Mittwoch der vergangenen Woche ist Jochen Schulte-Sasse, emeritierter Professor für German Studies und Comparative Literature an der Universität von Minnesota in Minneapolis, im Alter von 72 Jahren verstorben.

Als er 1978 in die Vereinigten Staaten berufen wurde, hatte er als Assistent an der Ruhr-Universität Bochum bereits entscheidende Beiträge zu den Debatten um eine Öffnung des Literatur- und Kulturbegriffs geleistet: In seiner Dissertation („Die Kritik an der Trivialliteratur seit der Aufklärung“) und dem gleichzeitigen, weit verbreiteten „Metzlerbändchen“ über Literarische Wertung (beides 1971) sowie in dem von ihm herausgegebenen dtv-Band „Literarischer Kitsch“ (1979) hatte er die Zirkularität der Abgrenzungskriterien zwischen „hoher“ und „trivialer“ Literatur analysiert und dabei in einem Teil der Kitschverdikte ein bildungsbürgerliches Ressentiment gegen Popularität als solche aufgedeckt: Sollte etwa eine Kategorie wie „Spannung“ als ästhetisch negativ gewertet werden?

Wirken in Minneapolis

Es galt also eher, zwischen ästhetischen Intensitäten und ihrer (etwa nationalistischen) ideologischen Indienstnahme zu unterscheiden - und das sowohl in „trivialer“ wie in „hoher“ Literatur. Historische Modelle für diese Art Kritik (im Sinne von Unterscheidung) fand Schulte-Sasse in der Aufklärung, die zu einer lebenslangen Inspirationsquelle wurde.

Wesentlich durch seine Initiativen wurde Minneapolis zu einem Mekka europäisch-amerikanischer Debatten um „die postmoderne Lage“, um die Formel seines Freundes Jean-François Lyotard zu verwenden, dessen berühmtes Buch er in der bald ebenso berühmten Buchreihe „The Theory and History of Literature“ auf Englisch publizierte. Dabei verfolgte er seine spezielle Fragestellung nach der Möglichkeit einer empirischen Ästhetik zunächst in seiner Lehre, in der er Generationen junger amerikanischer Germanisten durch eine Kombination von close reading klassischer wie populärer Texte (nicht zuletzt auch Filme) und Literaturtheorie für die historischen Voraussetzungen der Postmoderne interessierte.

Anbahnungen der Postmoderne

Er ließ sowohl die Studierenden wie auch die lokale und internationale Kollegenschaft lange Abende hindurch an seinem bohrenden Frageprozess teilnehmen, aus dem seine Publikationen und seine Vermittlertätigkeit hervorgingen. Unvergessen bei vielen internationalen Besuchern ist die kulinarische wie intellektuelle Gastfreundschaft von Jochen und Linda Schulte-Sasse im Hause 2647 E. Lake of the Isles Parkway.

In seinen großen Lexikonartikeln im Historischen Wörterbuch der Philosophie (Kitsch), im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte (Trivialliteratur) und in den Ästhetischen Grundbegriffen (Einbildungskraft/Imagination, Phantasie, Medien/Medial, Perspektive/Perspektivierung) sind die Resultate seiner Forschungen kondensiert: Das Einrücken der Ästhetik in den Platz der Religion im Okzident sowie seit dem 18. Jahrhundert die Entwicklung einer „horizontalen“, gänzlich immanenten, in der Postmoderne kulminierenden Ästhetik.

In Artikeln über das exemplarische Event „Hands across America“ oder die Gleichung zwischen Saddam Hussein und Hitler verfolgte er die neuesten Tendenzen einer gänzlich anderen (postmodernen) Entdifferenzierung von Kunst und Lebenswelt, als es die (modernen) Avantgarden erträumt hatten. Vergeblich wird man allerdings bei ihm nach einem definitiven Kriterium zur Unterscheidung zwischen lebensfördernder und lebensgefährdender Ästhetisierung der Lebenswelt suchen - stattdessen kehrte Schulte-Sasse stets wieder zurück zu den Denkern und Künstlern der Aufklärung und der Romantik, als ob er deren intellektuellen Scharfblick und Mut noch immer nicht genügend assimiliert hätte. Das Kolloquium in Minneapolis zu seinem 70. Geburtstag stand unter dem Leitwort eines Zitats von Alexander Gottlieb Baumgarten: „felix aestheticus“.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Netzrätsel Aus Freude am Molekül

Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: das Molekül des Monats. Mehr Von Jochen Reinecke

31.01.2016, 08:00 Uhr | Wissen
Amerikanischer Sender Fox News Fernsehdebatte wohl ohne Donald Trump

Präsidentschaftsbewerber Donald Trump will nicht an der letzten Fernsehdebatte der Republikaner vor den amerikanischen Vorwahlen teilnehmen. Grund dürfte ein Streit zwischen Trump und dem Fernsehsender Fox News sein, der die Debatte ausrichtet. In einer früheren Debatte war er mit einer Moderatorin aneinandergeraten und hatte sich ungerecht behandelt gefühlt. Mehr

27.01.2016, 16:09 Uhr | Politik
Arabisch als Pflichtfach Tausend und eine Umnachtung

Die Flüchtlingsdebatte treibt die buntesten Blüten. Aber wie kommt ein Universitätspräsident auf die Idee, alle Schüler müssten jetzt Arabisch lernen? Ganz einfach: Der Mann glaubt an Zauberei. Mehr Von Jürgen Kaube

05.02.2016, 10:54 Uhr | Feuilleton
Amerika Trump zieht Solo-Show durch

Der umstrittene republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump hat seine Drohung wahr gemacht und die letzte Fernsehdebatte mit seinen Rivalen vor dem Vorwahl-Auftakt in Iowa boykottiert. Gut eine Viertelstunde nach Beginn der Debatte in Des Moines trat Trump knapp fünf Kilometer entfernt bei einer von ihm organisierten Veranstaltung zur Unterstützung von Armeeveteranen auf. Mehr

29.01.2016, 14:33 Uhr | Politik
Album der Woche Der große Wurf der Kleingeldprinzessin

Wenn sich jahrelange Arbeit auszahlt: Dota ist jetzt eine Band und ihr Album Keine Gefahr vereint Liedermachertum mit Elektro-Grooves auf wunderbare Weise. Mehr Von Jan Wiele

01.02.2016, 21:35 Uhr | Feuilleton

Steuern und begrenzen

Von Reinhard Müller

Eigentlich braucht es kein neues Gesetz zur Integration von Flüchtlingen. Das Aufenthaltsgesetz regelt alles nötige. Das Problem ist nur: Jeder kommt ins Land. Mehr 65

Jennifer Aniston Es gibt keine Altersgrenze fürs Bikinitragen

Jennifer Aniston will noch mit 80 Bikini tragen, Hugh Jackman wirbt mit seiner Krankheit für Sonnenschutz, und Schauspielerin Gwyneth Paltrow wird seit mehr als 15 Jahren gestalkt – der Smalltalk. Mehr 23

Ski-Tracker Neverlose im Test So sichern Sie Ihre Skier gegen Diebstahl

Teure Skier sind nicht nur bei Sportlern beliebt, sondern auch bei Dieben. Wer sie vor der Hütte abstellt, lässt sie meist völlig ungesichert stehen. Es sei denn, er hat Neverlose im Einsatz. Mehr Von Marco Dettweiler 7 3

Das Beste aus dem Netz Drohne mit Handkurbel

Dieser Schweizer Freestyle-Skifahrer hat endlich jemanden gefunden, der auf der Piste mit ihm mithalten und ihn filmen kann: sein iPhone, das er durch die Luft schleudert. Mehr 4

Neue Häuser Eine Familiensache

Vor mehr als 140 Jahren baute der Urgroßvater bei Bochum ein Haus. Nun haben es die Enkelin und ihr Mann saniert - mit Rücksicht auf die ältere Generation. Mehr Von Birgit Ochs 13

Wie man eine Gin-Marke gründet Schnapsidee mit Lindenblüten

Gin erfreut sich an deutschen Bars großer Beliebtheit. Zwei Bonner haben mit dem „Siegfried“ innerhalb nur eines Jahres eine beachtliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Mehr Von Sven Astheimer 1 17