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Zum Tod von Friedrich Kittler : Jede Liebe war eine auf den ersten Blick

Friedrich Kittler 1943 - 2011 Bild: Regina Schmeken/SZ Photo/laif

Er hing an den ältesten Griechen, an der Ingenieurskunst, der Musik und der Romantik: Zum Tod des Kulturwissenschaftlers Friedrich Kittler.

          Sterben hieß, hört man, für die Römer „ad plures ire“, zu den Meisten gehen. Ob dem Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler, der ein nachgerade rücksichtsloser Bewunderer der Antike und ihres Polytheismus war, dies beschieden sein wird, steht natürlich dahin. Im Diesseits jedenfalls gehörte er, der am 12. Juni 1943 geboren wurde und gestern morgen in Berlin nach langer Krankheit entschlief, zu den Wenigsten.

          Das gilt schon für sein Fach: In der Germanistik war Friedrich Kittler zusammen mit seinen Schülern lange isoliert. Als er 1980 die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ erklärte und damit etwas Wünschenswertes meinte, nämlich den Einzug der Technik und der Medien in das Studium von Literatur, Denken und Kunst, wurde feindselig geantwortet: Nicht einmal habilitieren wollten sie den Assistenten in Freiburg, wo Kittler studiert und über Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller und Goethe geforscht hatte. Dreizehn Gutachten mussten bemüht werden. Der Text, seine „Aufschreibesysteme 1800–1900“ machte 1985 aus dem Gerücht, ein Freiburger Germanist kombiniere gerade auf der Theorieüberholspur die Sozialgeschichte der Literatur mit Strukturalismus und Psychoanalyse, einen Klassiker der Dissidenz gegen jede Art von hermeneutischer Harmlosigkeit.

          Die Hardware des Geistes

          Kittlers These lautete: Jede Zeit denke nachts und träume tagsüber genau so, wie es ihre Technologien nahelegen. Wenn sich eine Epoche das Bewusstsein als Film vorstellt, der abläuft, oder eine andere lernt, mit Buchstaben zu rechnen, wenn Philosophie erstmals mittels einer Schreibmaschine entsteht oder die Romantiker anders lesen lernten als vorige Generationen – dann waren das die Motive, aus denen Kittler seine Deutungen der jeweiligen Texte gewann. „Grammophon, Film, Typewriter“ hieß 1986 sein nächstes Buch: Hardware war für ihn, den ungehorsamen Schüler von Martin Heidegger, kanadischer Medienhistoriker und Sigmund Freuds, alles.

          Doch das hinderte ihn nicht, in seinem Zettelkasten Verzeichnisse darüber anzulegen, welche Farben dem Mond in der deutschen Lyrik alle zugeschrieben werden. Oder alles über Thomas Pynchon zu wissen, über Schillers Schulzeit oder Dracula. Auch in der sogenannten Medienwissenschaft gehörte er also zu den Wenigsten. Nicht nur, weil für ihn schon das griechische Alphabet und die Mathematik zu ihrem Gegenstandsbezirk gehörten. Für Kittler waren „Medien“ überhaupt kein eigener Gegenstand, sondern eine und zwar die entscheidende Dimension jeglicher Kultur.

          Die Wollust am Mythos

          „Medienphilosoph“, sagte er einmal, solle jedenfalls nicht auf seinem Grabstein stehen. Doch die kleine Rache an der Germanistik, dass sich heute viele der wachesten Studenten lieber in Film- und Medienwissenschaften einschreiben, kündigte sich schon Ende der achtziger Jahre an. Kittler hatte Schüler und zwar eigensinnige, deren Produktion heute Pflichtlektüre für den ist, der beispielsweise Computerspiele, das wissenschaftliche Zeichnen, die Geschichte der Kybernetik, die Begeisterung der Romantik für den griechischen Befreiungskrieg oder das Radio als Gerät und Sendeverfahren verstehen will.

          Nachdem Kittler 1987 auf einen Lehrstuhl für Germanistik in Bochum berufen wurde und von 1993 an in Berlin eine kulturwissenschaftliche Professur an der Humboldt Universität für die Geschichte und Ästhetik der Medien bekleidete, wandte er sich zuletzt auch davon wieder ab. Von den Ingenieuren des modernen Heeresgeräts, dem er – aus UKW, Tonbändern, Scheinwerfern und Richtfunk – die Rockmusik entspringen sah, bis zu den Pythagoräern war es für ihn nur eine Drehung. Und so schrieb er darüber, welche Musik die Vorsokratiker – für ihn der Inbegriff aller vernünftig fühlenden Menschen – gehört haben müssen, was Wolllust am Mythos war und wie die Griechen gerechnet haben.

          Zu den Wenigsten gehörte er nämlich auch insofern, als er stets in Dinge verliebt war, die er sich erst mühsam aneignen musste und auf seltsamen Wegen anverwandelte: Altphilologie, Musiktheorie, Algebra. Die Überbietungsgeste dessen, der zeigen möchte, es selbst und ganz anders zu können, bestimmt viele seiner Schriften. Noch zuletzt kamen mitunter nachts E-Mails mit abenteuerlichen Behauptungen zur Schachgeschichte oder zum Frühchristentum. Wer aber an seinen Spekulationen nur die Fehler, autodidaktischen Übertreibungen oder Unbeweisbarkeiten bemerkt, übersieht, dass die Liebe, die in „Philologie“ steckt, eben auch Hingerissensein durch das Lieben selbst beinhalten kann. Im Alter von achtundsechzig Jahren ist er gestorben. Aber bis zum Ende war Friedrich Kittler jung.

          Quelle: FAZ.NET

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