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Zum Tod von Dirk Bach Immer wenn ich traurig bin

 ·  Er hat immer schon gewusst, was er wert war. Er musste sich nichts beweisen, er wollte seine Begabung teilen und sie für sein Publikum vollenden. Alles andere behielt er für sich. Ein Nachruf auf Dirk Bach.

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Hunderte Zehnjähriger hatten sich am ersten Schultag nach den Sommerferien auf dem Schulhof in Köln Seeberg versammelt. Am Schuleingang riefen Klassenlehrer die Namen ihrer zukünftigen Schüler auf. Das dauerte lang. Der Jahrgang 1971 war fünfzügig, die Klassenstärke lag bei 45. Geburtenstarker Jahrgang.

Der runde Junge im weißen Anzug

Ich trug orangefarbene Hotpants mit Schmetterlingsapplikation. Keine gute Idee, wie die abfälligen Blicke der Parkafraktion verrieten. Da sah ich einen runden Jungen in einem weißen Anzug mit Fix- und Foxi-Muster auf der Wiese stehen. Er wirkte seltsam erwachsen, und er lächelte. Ich ging zu ihm herüber. „Hallo“ sagte er, „ich bin Dirk“.

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Dirk war anders, er war lustig und er war freundlich. Seine sehr netten, sehr kleinen Eltern haben im benachbarten Heimersdorf ein kleines Haus gekauft. Die Kinderzimmer von Dirk und seiner Schwester liegen im ersten Stock, das seine bis ins Erwachsenenalter randvoll mit Plüschtieren.

Der dritte Lehrer am Megaphon ist uralt. Er erzählte während seiner sechs Jahre als Geschichtslehrer der Klasse „C“ bevorzugt von seinen Erfahrungen im Arbeitslager Workuta und den Qualitäten der Kalaschnikow. Wie etliche ältere Kollegen wechselt er mit der gesamten Schülerschaft in die Gesamtschule Köln-Chorweiler, am Rande der frisch gebauten und ausgiebig asbestdurchseuchten Trabantenstadt.

Abends zog es ihn in die Stadt

Dort stoßen alternative Referendare auf Kriegsteilnehmer, Bürgerkinder auf Sozialfälle und alle auf die ausgiebige Hässlichkeit bunt gestrichener Betonquader. In der Mittelstufe wird in Dirks Klasse über den Paragraphen 218 diskutiert. Dirk verteidigt die Selbstbestimmung der Frau, sein Lehrer pariert das mit dem Kommentar, dass man ihn, Dirk, auch besser abgetrieben hätte. Der Vorgang landet auf einer riesigen Wandzeitung neben dem Lehrerzimmer. Der Lehrer muss die Schule verlassen.

Die alten Lehrer fort, die jungen hilflos, nun machen die Schüler, was sie wollen: konsumieren Drogen, lesen die Flugblätter des KBW oder die Schülerzeitung „Der Knüppel“ mit den von Dirk verfassten zehn Tipps für erfolgreiches Schwarzfahren.

Dirk macht da lange schon Theater. An der Schule, in der „Stadt“, in die es ihn abends aus der Vorstadt zieht. Zu seiner Freundin Hella, rund und anders und freundlich auch sie, zu der Regisseurin Martina Bako, die ihn an Offoff-Bühnen Genet spielen lässt, zu Heyme ans Kölner Schauspielhaus. Da ist er fünfzehn, sechzehn, siebzehn Jahre alt. Er ist schwul, er ist dick, aber er ist nicht schrill, auch wenn das jahrelang sein Wort für alles Großartige ebenso wie für alles Peinliche war. Er pflegte die Strategie des Affirmativen: Jeden Vorwurf mit einem vorauseilenden „So ist es“ parieren. Sein Körper, sein Styling der ganze Mann ist gleichsam eine Wandzeitung auf der steht: „Das bin ich. Und jetzt weiter im Text.“

Denn Dirk hatte weitaus mehr Text. Schwulsein, das waren die Nächte im Pimpernell mit einem als Cher verkleideten Freund, die Demos durch die Südstadt, wo man skandierte „Die Schwulen und die Lesben, die stechen wie die Wespen“, die Besuche von Corny Littmanns Revuetheater „Brühwarm“. Genauso gerne tanzte er in den „normalen“ Discos, mal als Karstadt-Tüte, mal als Miss Piggy verkleidet, zu seinen damaligen Lieblingshits „Ring my Bell“ oder „Pop Muzik“. Es war ein so verspieltes wie politisches, wie frauenfreundliches Schwulsein. Vor dem Einsetzen des exzessiven Körperkultes, vor der Karnevalisierung der Christopher-Street-Day-Umzüge und natürlich vor Aids.

Auf Geburtstagspartys trat er gerne mit einem Mini-Casio auf und sang: „Immer wenn ich traurig bin, trink ich einen Korn. Wenn ich dann noch traurig bin, trink ich noch´n Korn. Und wenn ich dann noch traurig bin, dann fang ich an von vorn.“

An seinen Auftritten gab es nichts Uneigentliches

Zwischen restreaktionären Anfeindungen und der speziellen Kölner Variante des Laisser Faire, die hier „Jeder Jeck es anders“ heißt, war Dirk - unbeirrt und gänzlich frei von Pose -genau das: anders. Anders auch als die Vertreter der kölschen Gemütlichkeit mit ihrem „Ein bisschen Schwund ist immer“-Credo um ihn herum. Für die war das ganze Leben, mindestens das ganze Nachtleben, ein einziger Anlauf für ein irgendwann mal beginnendes Künstlertum.

Während wir also tranken, stand Dirk auf der Bühne und machte Abend für Abend sogenannte Kleinkunst. Hunderte Vorstellungen allein als „Geierwally“ in der Filmdose vor Freunden, Fans oder Touristen.

Es gab nichts Uneigentliches an Dirks Auftritten. Er war zugleich ganz bei sich und ganz bei seinem Publikum. 330 Geierwallys waren keine Fingerübung für sein Engagement bei Krämer am Kölner Schauspielhaus von 1990 an. Und beides war kein Warmlaufen für die Fernsehkarriere, die folgen sollte. Die war lediglich die Folge des Kurzschlusses, nach dem ein schriller Kölner perfekt zu einem sich schrill gebärdenden Kölner Sender passt.

Der Erfolg seiner Formate tat ein Übriges, um an genau der Stelle zwischen Klamauk und Können einzurasten, die ihn als Mediengeschöpf für sich selbst tragbar machte. Man muss sich Dirk nicht als unglücklichen Menschen vorstellen, der im Dschungelcamp sein Eigentliches verfehlt hat. Ebenso wenig ist er jedoch in dem Sinne „angekommen“, in dem Kölner Vorstadtkinder sich Prominenz ersehnen und bisweilen erlangen - viele Chorweiler Gesamtschüler sind vor oder hinter den Kameras von RTL, Vox oder Super RTL oder anderswo im Mediengeschäft gelandet. Wir hatten ja sonst nichts gelernt.

Seine Lebensfreude stand nicht im Konjunktiv

Dirk schon. Er hat Erfolg nie für eine Entschuldigung gehalten, sondern für die Begleitmusik, zu der es sich tanzen lässt, wenn man wie er zu tanzen versteht. Er hat seine Lebensfreude auch nie an jenen Konjunktiv verpfändet, nach dem er ein großer Star hätte werden können, ja müssen. Dirk hat immer schon gewusst, was er wert war. Er musste sich nichts beweisen, er wollte seine Begabung teilen und sie für sein Publikum vollenden. Alles andere behielt er für sich. Denn zu verbergen, was uns nichts anging, auch darin war er meisterlich.

Fangen wir also noch einmal von vorn an: Mit dem Korntrinken sowieso. Und mit dem genauen Hinschauen auch.

Heike-Melba Fendel ist Gründerin und Inhaberin der Künstleragentur Barbarella Entertainment in Köln.

Quelle: F.A.Z.
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