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Neu im Ministerium : Ungeschminkt regiert man ruhiger

Schmink-Utensilien und Make-Up: alles nicht nötig für Frauen mit Führungsambitionen Bild: Jakob von Siebenthal

Wie führt man ein Zukunftsressort? Die Überraschungsministerin Karliczek bringt einiges mit, nur eines sollte sie wohl besser zu Hause lassen: die Puderdose. Eine Glosse.

          Der Personenkult gehört zu den wenigen Gepflogenheiten des Hauptstadtgeschäfts, die man im Forschungs- und Bildungsministerium bisher wirklich nicht fürchten musste. Eher schon das Gegenteil. Auch die Neue in Berlin, die sechsundvierzigjährige Ibbenbürer Katholikin Anja Karliczek, die „Ministerin aus dem Nichts“, wie die diplomierte Kauffrau und Mutter von drei (großen) Kindern von der eiskalt erwischten Hauptstadtjournaille charakterisiert wurde, hat bisher noch nichts unternommen, um daran schnell etwas zu ändern.

          Piesacken lässt sie sich jedenfalls nicht so leicht. Fachwissen wurde schon immer überschätzt, darauf wäre die Neue vermutlich auch ohne entsprechende Kommentare zu ihrer Ernennung gekommen. In dem Ökosystem, das die Münsterländer Bildungspraktikerin nun betritt, wimmelt es seit Urzeiten nur so von Hochkarätern, die genau zu wissen meinen, worauf es ankommt, um das Land ganz ohne politische Gallionsfigur ins Schlaraffenland von Innovation und Fortschritt zu führen. Jedenfalls haben sich die Spitzen der Wissenschaftsorganisationen, nachdem der Koalitionsvertrag ausgehandelt war, fast überschlagen vor Begeisterung.

          Deutschland sucht die „Sprunginnovation“

          „Es können vier gute und wichtige Jahre für unseren Innovationsstandort werden“, sagte etwa der Präsident der Technikakademie acatech, Dieter Spath. Und Max-Planck-Präsident Martin Stratmann freut sich, dass „die GroKo ganz gezielt Sprunginnovationen fördern“ will. Den Begriff muss man sich merken, der hat das Zeug zum Kult. Das Internet war eine Sprunginnovation, wenn auch keine deutsche. Mit patriotischer Verve könnte man sogar den Diesel dazu zählen, der im Koalitionsvertrag allerdings weitgehend verkehrspolitisch behandelt wird, sowie die nach wie vor mit vielen Fragezeichen versehene Gentechnik und hier vor allem die Genschere Crispr, die im Koalitionsvertrag freilich wegen der angestrebten Genfreiheit bundesrepublikanischer Verbraucherpolitik komplett unerwähnt bleibt. Im wissenschaftlich-technischen Milieu hat man für Sprunginnovationen bisher den halben Anglizismus „disruptive Erfindung“ benutzt. Eine zugegeben verniedlichende Bezeichnung für eine Erfindung, die im Begriff ist, die Welt und unsere Köpfe aus den Angeln zu heben. So oder so, an Vokabeln wie diesen und an Visionen, an denen die Wissenschaft reich ist, wird sich Frau Karliczek nun gewöhnen müssen. Bildung kann man selbst erleben, heißt es, Wissenschaft dagegen erfahren die meisten von uns erst durch Unterrichtung. Das Schöne daran ist, dass mit ihr jeden Tag etwas Neues auf den Tisch kommt.

          Pure Führungsqualitäten

          In dem bisher nur in Fachzirkeln bekannten Magazin „Perception“ etwa lernen wir in dieser Woche von britischen Psychologen, wie schwierig es als Karrierefrau sein kann, den Eifersüchteleien und Mobbingattacken am Arbeitsplatz zu entgehen. Weniger schminken, lautet das Fazit der empirischen Studie. Denn wer zu dick aufträgt, riskiert seinen sozialen Status als Führungskraft – bei Frauen wie bei Männern. Was wiederum zeigt: Auch Wissenschaft will gelebt werden, und sie hat sehr wohl das Zeug zur eigenen Zierde. Man muss nur öfter in den Spiegel sehen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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