03.07.2010 · An diesem Samstag geht in Lindau das alljährliche Treffen junger Forscher und Nobelpreisträger zu Ende. Es gibt für angehende Wissenschaftler keine bessere Berufsberatung. Spätestens wenn die Band zu spielen beginnt und die Teilnehmer sich zur Polonaise formieren, weichen die Berührungsängste.
Von Sebastian Balzter, LindauLindau hat keine Universität, aber mehr Nobelpreisträger als jede andere Stadt in Deutschland. Der Ausnahmezustand am Bodensee dauert genau eine Sommerwoche lang, seine sechzigste Auflage geht gerade zu Ende. Fern von ihren Alltagspflichten sollen in dem beschaulichen Ferienort die renommiertesten Wissenschaftler der Welt mit den größten Talenten in ihren Fächern ins Gespräch kommen - diese vor mehr als einem halben Jahrhundert geborene Idee hat nicht nur Charme, sondern auch eine ungebrochene Anziehungskraft: 59 Chemiker und Physiker, Mediziner und Physiologen, allesamt mit der wichtigsten aller Ehrungen für Wissenschaftler ausgezeichnet, sind dem Ruf nach Lindau gefolgt, außerdem 650 Studenten, Doktoranden und Postdoktoranden.
Grau sind die Bänder, an denen die Namensschilder der Nachwuchswissenschaftler baumeln, türkis die der Nobelpreisträger, größer soll der Unterschied zwischen den beiden Gruppen hier nicht sein. Die Berührungsängste müssen deshalb spätestens am Willkommensabend in der Lindauer Inselhalle schwinden, wenn die Band auf der Bühne den Dreivierteltakt von „Wien bleibt Wien“ vorgibt. Links von den fünf Musikern reihen sich die Damen auf, rechts die Herren, denen noch schnell rote Nelken zugesteckt werden. Denn in der Mitte trifft man sich zum Unterhaken, dann beginnt die gemeinsame Polonaise kreuz und quer durch den Saal - eines von vielen Lindauer Markenzeichen.
Auch Maike Müller hat sich vom Zufall einen Tanzpartner samt Blume bescheren lassen. Es hätte ein Nobelpreisträger sein können, der amerikanische Chemiker Peter Agre etwa stürzt sich mit Eifer ins Getümmel. „Ich hatte nie einen Tanzkurs“, gesteht die 26 Jahre alte Doktorandin aus dem Ruhrgebiet nachher. Das ließ sich dem jungen Chemiker, der schließlich an ihrer Seite landete, vermutlich einfacher vermitteln als dem Entdecker der Wasserkanäle in der Zellmembran.
Müller selbst arbeitet im Labor der Ruhr-Universität in Bochum an der Synthese von Nanopartikeln, Lindau kannte sie noch vor einem halben Jahr kaum vom Hörensagen. Jetzt ist sie mittendrin: Beim Abendessen sitzt sie dem Physiker Peter Grünberg schräg gegenüber, dessen Forschungsergebnisse heute in fast allen Computerfestplatten genutzt wird.
„Es geht hier weniger um fachlichen Input für mein eigenes Thema, sondern um neue Ideen und Kontakte“, formuliert sie ihre Erwartungen. Ihr Doktorvater habe sie für die Tagung vorgeschlagen, er selbst war einst Schüler von Gerhard Ertl, dem Doyen der Disziplin. „Aus der Ferne habe ich Ertl auch schon gesehen“, berichtet sie. Ob sie selbst wie er den Nobelpreis anpeilt? „Eine Hochschulkarriere habe ich mir nicht vorgenommen“, erwidert Müller spontan. „Das wäre mir wohl zu speziell.“
Im nächsten Frühjahr will sie ihre Doktorarbeit abgeben. Ob sie danach in der Industrie eine Stelle sucht, sich bei einem Verlag oder einer Stiftung bewirbt oder doch ein Forschungsprojekt an einer Hochschule im Ausland ansteuert, ist noch offen. „Und wenn hier jemand einen Job für mich hat - dann schau'n wir mal.“
Im Idealfall profitieren auch die Wissenschaftler
Als Stellenbörse ist die Tagung zwar nicht ausdrücklich gedacht, als Plattform für den Austausch zwischen den Generationen schon. Und hochkarätigere Berufsberater als die Preisträger können die Nachwuchswissenschaftler, die in der großen Mehrheit von Professoren, Förderwerken und Forschungseinrichtungen für das Treffen nominiert wurden, kaum finden. Hinzu kommt das Netzwerk mit Gleichgesinnten aus 70 Ländern, das nicht nur in den Kaffeepausen zwischen Vorträgen und Diskussionen geknüpft wird, sondern auch im Biergarten oder im Strandbad, für das jeder Teilnehmer eine Freikarte erhalten hat. Bei den meisten aber überwiegt selbst an heißen Sommertagen das Pflichtgefühl, schließlich ist der Andrang groß: Von mehr als 20.000 Bewerbungen und einem aufwendigen Auswahlverfahren sprechen die Organisatoren.
Materiellen Luxus gibt es für die Ausgewählten nicht. Maike Müller zum Beispiel teilt sich ihr Doppelzimmer mit einer anderen Wissenschaftlerin, zum Mittagessen reiht sie sich in die lange Schlange vor dem Bierzelt neben der Inselhalle ein. Der Luxus von Lindau ist anderer Art: eine ganze Woche oh- ne die bei Konferenzen sonst übliche Hektik und Wichtigtuerei. Denn wer hierherkommt, muss sich nicht mehr aufspielen. Im Idealfall profitieren davon die Wissenschaftler mit dem grauen Bändchen genauso wie die mit dem türkisen. „Die Veranstalter denken vermutlich, ich käme hierher, um zu lehren“, sagt dazu der israelische Biochemiker Aaron Ciechanover, der 2004 den Nobelpreis bekam. „Ich habe es ihnen bisher nie verraten - aber ich komme, um zu lernen.“
Wohltuend bescheidene Stars
Gefragt sind die Stars der Wissenschaft, die in Lindau meist wohltuend bescheiden, bisweilen erfrischend hemdsärmelig und lebensfroh auftreten, aber nicht zuletzt in ganz praktischen Angelegenheiten. In den Diskussionsrunden nach den Nachmittagsvorträgen, die ohnehin im kleinen Kreis vor nicht viel mehr als jeweils 50 Zuhörern stattfinden, sind junge und renommierte Wissenschaftler unter sich, Gäste und Beobachter werden herausgebeten. Wozu etwa Christiane Nüsslein-Volhard, die Entwicklungsbiologin aus Heidelberg, im Alten Rathaus nach dem Bericht über ihre aktuelle Forschung Rede und Antwort stand, lässt sich daher nur dank Indiskretionen rekonstruieren: Wie hart müssen Wissenschaftler arbeiten? Sehr hart. Können Frauen Karriere in der Forschung machen? Nur wenn sie sich bei Hausarbeit und Kinderbetreuung helfen lassen.
Georg Gasteiger hat andere Fragen nach Lindau mitgebracht. Den auf Impfstoffentwicklung und Immuntherapie spezialisierten Mediziner, der seit sechs Jahren am Institut für Virologie in München arbeitet und im August eine Stelle in New York antreten wird, interessieren vor allem die Lebensläufe der Preisträger. „Welche Umwege sie genommen haben, welche Zufälle sie auf neue Felder gestoßen haben - das ist für meine eigene Lage, in der gerade auch viel unwägbar ist, eine große Motivation“, sagt der 33 Jahre alte Stipendiat der Helmholtz-Gemeinschaft.
Dass er außerdem zwei der Koryphäen auf seinem eigenen Gebiet getroffen hat, den deutschen Krebsforscher Harald zur Hausen und Françoise Barre-Sinoussi, die französische Pionierin der HIV-Forschung, dürfte die motivierende Wirkung noch steigern. Die Polonaise am Montag dagegen hat Gasteiger geschwänzt, genauso wie die Möglichkeit zu einem großen Auftritt am Donnerstag. Als waschechter Oberbayer hätte er der Einladung folgen und in Tracht zum „Bavarian Evening“ in der Inselhalle erscheinen können. „Ich habe gar keine Lederhose“, bringt er zur Entschuldigung vor. Zünftig war es dennoch. Eine Trachtengruppe trat auf - noch ein Alleinstellungsmerkmal dieser außergewöhnlichen Tagung.