06.05.2008 · Ein Impfstoff gegen Malaria soll im Sommer 2008 in die letzte Phase der klinischen Tests gehen und im Jahr 2012 auf dem Markt sein. Fünfundzwanzig Jahre Entwicklungszeit brauchte es, um Wege zu finden, den Erregern beizukommen.
Von Sonja KastilanEffizienz klingt anders. 35 Prozent Wirksamkeit machen ein Arzneimittel normalerweise nicht zum Hoffnungsträger. Und trotzdem gilt der Impfstoff RTS,S als solcher, geadelt durch sein Ziel: RTS,S richtet sich gegen Plasmodium falciparum, den aggressivsten aller Malaria-Erreger.
Es ist nicht der einzige Impfstoffkandidat für die Tropenkrankheit, aber am weitesten fortgeschritten: Im Sommer soll RTS,S in die letzte Phase der klinischen Tests eintreten und könnte, so hofft der Hersteller GlaxoSmithKline, im Jahr 2012 auf den Markt kommen. Dass damit 25 Jahre Entwicklungszeit enden, lässt erahnen, warum RTS,S als erster von 40 Kandidaten große Hoffnungen weckt; die wandlungsfähigen Plasmodium-Parasiten, die in ihren Metamorphosen Gestalt, Oberflächenstruktur und somit Angriffsziele ändern, narren Wissenschaftler bereits weitaus länger als ein Vierteljahrhundert.
„Es ist nicht unsere endgültige Antwort auf die Herausforderung dieser Infektionskrankheit, doch ein überaus wichtiger Schritt“, sagt Christian Loucq, Direktor der PATH Malaria Vaccine Initiative, die mit Unterstützung der Gates-Stiftung die Entwicklung von Impfstoffen fördert. Ohne diese Art von Werkzeug sei die Kontrolle der Malaria nicht möglich. Eine jetzt erneut propagierte Ausrottung undenkbar. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir wieder finanzielle Unterstützung für die Bekämpfung der Malaria haben, das Interesse der Industrie, exzellente Forschung und mehrere Ansatzpunkte, die Epidemie einzudämmen, etwa durch Kombipräparate und Moskitonetze „, sagt Loucq. Um irgendwann „den Job ganz zu erledigen“, brauche man jedoch einen Impfstoff, und in der Kombination verschiedener Impfstrategien liege die Zukunft.
Die Wiederkehr der Malaria
Als die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1955 erstmals den weltweiten Bann gegen Malaria aussprach, glaubte man noch, mit Medikamenten und Mückenspray sei es getan. Chloroquin und DDT dämmten die Epidemien tatsächlich ein, in Sri Lanka fiel die Krankenzahl gar von einer Million auf 18 bis zum Jahr 1963. Doch Resistenzen bei Mücke wie auch Parasit und spärlicher fließende Gelder brachten die Malaria im dramatischen Ausmaß zurück. Weltweit erkranken heute etwa 500 Millionen Menschen jährlich, und von einer Million Toten sind die meisten Opfer im Kleinkindalter. „Jetzt müssen wir den neuen Schwung finanzieller Förderung nutzen, um die recht guten Mittel, die uns zur Verfügung stehen, besser und intensiver einzusetzen“, sagt Peter Kremsner, Tropenmediziner der Universität Tübingen. Was Loucq noch Werkzeuge nennt, bezeichnet Kremsner als Waffen im Kampf gegen Malaria, den er unter anderem in Lambaréné, Gabun, am Albert-Schweitzer-Krankenhaus führt. Dabei besitzt RTS,S mit seinem Adjuvans AS02, das die Immunantwort steigert, große Schlagkraft.
„Die Ergebnisse werden uns am Schluss vielleicht nicht überwältigen, ein Schutz von 30 bis 50 Prozent bedeutet jedoch viel“, sagt Kremsner. Wenn ein Drittel der geimpften Kleinkinder keine klinische Malaria entwickelt, und die Hälfte keine schwere, oft tödliche Form, wie eine Studie mit 2022 Kindern in Moçambique über anderthalb Jahre belegt, dann ist diese signifikante Wirkung ein Erfolg. Eine Lancet-Studie mit 214 Säuglingen zeigte einen Infektionsschutz von 65 Prozent in den ersten drei Monaten. „Der Impfstoff erweist sich als sicher und gut verträglich - und er steht vor der Tür“, sagt Kremsner.
RTS,S ist der erste Impfstoff gegen einen Parasiten und ein Wegbereiter für weitere, die gegen unterschiedliche Stadien der Plasmodien - in Haut, Leber, Blut oder Mücke - entwickelt werden. Der Kandidat RTS,S beruht auf der klassischen Impf-Strategie einer Abwehrschlacht mit Antikörpern gegen unerwünschte Eindringlinge. Der Wirkstoff, ein Fusionsprotein, enthält ein Stück Oberflächeneiweiß des Parasiten, um bei Geimpften einen Immunschutz aufzubauen. Beim Stich einer infizierten Anopheles-Mücke sollen dann die wenigen Dutzend Sporozoiten früh in der Haut abgefangen und die Infektion verhindert werden. Oder zumindest die Erkrankung milder verlaufen, wie bei Menschen in endemischen Malaria-Gebieten nach mehrfachen Infektionen.
Neue Impfstoffe
Andere Impfstoffe beruhen auf Merozoiten-Antigenen, um die Infektion der roten Blutzellen zu verhindern. Manche kombinieren gleich mehrere Proteine oder nutzen Schnupfenviren als Transportvehikel für Parasitengene. „Wir setzen dagegen auf lebende genetisch veränderte Plasmodien, die den Leberzyklus nicht mehr vollenden können, und solche, die durch Gamma-Strahlung abgeschwächt sind“, erklärt Robert Sauerwein, der im niederländischen Nijmegen das Centre for Clinical Malaria Studies leitet. Das universitäre Forschungszentrum ist eines von drei Laboren weltweit, die den Malaria-Zyklus mit allen Stadien kultivieren können. 6000 Mücken schlüpfen hier jede Woche, gezüchtet in weißen Plastikboxen für den Versuchsbetrieb, der auch klinische Impf-Studien umfasst. „Wir versuchen dabei zu klären, welche Art von Immun-Antwort für den späteren Schutz nötig ist“, sagt Sauerwein.
Im Moment wird in Nijmegen die Strategie der veränderten Plasmodien vom vielversprechenden Tiermodell auf den Menschen übertragen. „Das ganze Parasit wirkt wesentlich stärker als ein einzelnes seiner Proteine“, sagt Sauerwein. Allerdings lassen sich lebende Parasiten schwieriger in einer Impfspritze halten als Eiweiße, die Herausforderung besteht hier in der Logistik. Sauerwein ist zuversichtlich und verfolgt außerdem einen weiteren Ansatz: die Verhinderung der Übertragung - mit einem Impfstoff, der sich gegen die Geschlechtsformen der Plasmodien richtet. „Der Einzelne profitiert nicht davon, dass er Antikörper gegen diese Stadien in seinem Blut trägt, wo sie in den Zellen geschützt sind“, gibt Sauerwein zu. Ihre Wirkung entfalten die Antikörper in der blutsaugenden Mücke, wenn sie dort auf die freigesetzten Gameten treffen. So könnten sie jedoch den Zyklus unterbrechen.
Transmissionshemmer bieten keinen alleinigen Schutz, aber sie eignen sich für die Kombination mit anderen Impfstoffkandidaten. Diese Hoffnung hegt auch der Biochemiker Peter Seeberger mit seinem ungewöhnlichen Ansatz, den er an der ETH Zürich vorantreibt: einen Impfstoff auf Zuckerbasis, genauer Glycosylphosphatidylinositol,GPI. „Die Plasmodien tragen bestimmte GPI-Moleküle auf ihrer Oberfläche, die im menschlichen Körper gefährlich wirken“, sagt Seeberger. GPI erleichtern das Eindringen der Merozoiten in rote Blutkörperchen, vermutlich stehen sie auch in Zusammenhang mit Entzündungsprozessen.
In Malaria-Gebieten sind hohe Konzentrationen GPI-Antikörper typisch im Blut von Erwachsenen. „Sie bewahren nicht vor der Infektion, vermitteln jedoch einen gewissen Schutz vor der Erkrankung, und das wollen wir mit synthetisch hergestellten GPI ausnutzen“, erklärt Seeberger, der die Technologie dafür entwickelt hat. Die erste klinische Studie plant er für 2009. „Wenn sich die Erwartungen erfüllen, könnte diese Impfung eines Kindes weniger als einen Dollar kosten“, sagt Seeberger. Das „boosten“ übernehmen dann die infizierten Mücken, sie verstärken die Wirkung - mit jedem Stich.
Sonja Kastilan Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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