01.11.2009 · Wochenblätter für ein aufgeklärtes Land: Ein Gespräch mit dem Bremer Zeitungsforscher Holger Böning
Fragen an den Zeitungsforscher Holger Böning. Er leitet die Zentrale Wissenschaftliche Einrichtung „Deutsche Presseforschung“ in Bremen.
Herr Böning, Sie stehen der Bremer Zeitungsforschung vor – was ist das für ein Institut?
Sie ist 1957 als Teil der Staats- und Universitätsbibliothek gegründet worden, weil man damals meinte, dass die Zeitung als Quelle zu wenig zur Verfügung steht, vor allem aber in den Geschichtswissenschaften viel zu wenig untersucht wird. Wir sind das einzige universitäre Forschungsinstitut in Deutschland, das sich damit auseinandersetzt.
Was hat sich hier seit 1957 getan?
Etwas ist immer gleich geblieben: dass wir uns um die Quellen gekümmert haben. Als wir hier angefangen haben, war noch nicht einmal bekannt, wann die erste Zeitung in Deutschland erschienen ist oder wie viel im 17. Jahrhundert publiziert wurde. Das haben wir dann im Lauf der Jahre zusammengetragen.
Und heute?
Gegenwärtig haben wir ein ganz großes Projekt: „Deutsche Presse bis 1815“. Darin arbeiten wir Ort für Ort die gesamte periodische Presse auf. Wir haben zum Beispiel drei Bände für Hamburg gemacht, wo insgesamt 1500 periodische Schriften erschienen sind, von der Zeitung über Kalender, Predigtentwürfe, die jede Woche von den Pastoren herausgegeben wurden, auch Kochbücher, die periodisch erschienen sind.
Das alles betrifft die Sicherung des Bestandes oder die Dokumentation, was es alles einmal gegeben hat. Forschen Sie darüber hinaus?
Natürlich wollen wir wissen, was es bedeutet hat, dass die Zeitung im frühen 17. Jahrhundert in Erscheinung getreten ist. Wenn man sich überlegt, dass es bis ins 16. Jahrhundert für die meisten überhaupt keine Möglichkeit gab, sich regelmäßig über das Zeitgeschehen zu informieren, und dass alles, was politisch und militärisch auf die Menschen eingewirkt hat, für sie undurchschaubar war, da kommt der Wandel mit der regelmäßigen Unterrichtung einer Kulturrevolution gleich.
Aber doch nicht für jedermann!
Durch den Druck ist es prinzipiell für jeden möglich gewesen, aber in der Realität gab es bestimmte soziale Grenzen, und sei es nur, dass manche Leute nicht lesen konnten. Eigentlich haben wir zwei Daten: 1605 erschien die erste Zeitung, und im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es mit dem Beginn der Arbeiterpresse einen Moment, in dem selbst in den letzten Dörfern im deutschen Osten die Landarbeiter Zeitungen im Gemeinschaftsabonnement bezogen. Bis dahin dauerte es also etwa 300 Jahre. Wo wir die Quellen so intensiv angeschaut haben wie in Hamburg, lässt sich genau beschreiben, wie eine Stadt im Lauf des 17. Jahrhunderts beginnt, Zeitunglesen zu lernen, wie eine Schicht nach der anderen einbezogen wird und wie dann im frühen 18. Jahrhundert erste Zeitungen kommen, die ausdrücklich „für den gemeinen Mann“ schreiben.
Wie äußert sich das?
Die Berichterstattung wird allgemeinverständlicher, man spürt die Konkurrenz um neue Leserschichten. Allerdings war Hamburg damals Zeitungshauptstadt in Deutschland. In anderen Städten und Landschaften ging das etwas langsamer. Aber wir haben im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts schon etwa 100 Zeitungen, die mit Namen wie „Volksfreund“ einerseits über das Zeitgeschehen unterrichten und zweitens aufklärerisches Gedankengut popularisieren. Die „Volksaufklärung“ ist vor allem über Zeitungen erfolgt.
Wer konnte sich im 17. Jahrhundert denn eine Zeitung leisten?
Eine einzelne Zeitung kostete in Hamburg sechs Pfennige , das ist der Tagesverdienst eines Tagelöhners gewesen. Allerdings gab es schon früh, in den 1620er Jahren, nachweisbare Fälle, wo 20, 30 Leute gemeinsam eine Zeitung bezogen haben. Man konnte Zeitungen auch am Zeitungskiosk lesen und zahlte dafür den halben Preis. Oder Dienstboten holten für die Herrschaften die Zeitung und lasen sie erst mal.
Die muss aber dünn gewesen sein, oder?
Ja, im 17. Jahrhundert waren es meist vier Seiten, die zunächst nur wöchentlich erschienen. Die erste Tageszeitung gab es dann 1650 in Leipzig.
Und irgendwann erschienen Tageszeitungen sogar bis zu viermal am Tag . . .
Das begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Gab es dafür wirklich eine Leserschaft?
Offenkundig. Das ist übrigens ein großes Problem: Bibliotheken haben meist nur eine Ausgabe aufbewahrt, und für einige Fragen wäre es interessant, alle zu haben.
Um 1900 arbeiteten Zeitungen viel mit Agenturberichten. Wann kam das auf?
Eigentlich von Anfang an: Das Hauptthema der Zeitungen waren schon im 17. Jahrhundert Auslandsnachrichten, wobei etwa für Hamburg Bayern schon Ausland ist. Sie finden in den Zeitungen des 17. und 18. Jahrhunderts praktisch keine Nachrichten über die Orte, an denen die Zeitung erscheint, sondern fast ausschließlich Nachrichten von außerhalb. Schon Ende des 17. Jahrhunderts gab sowohl exklusive Korrespondenten als auch Nachrichtenagenturen.
Ihr Institut bestückt seit kurzem den Masterstudiengang „Medienkultur“ der Bremer Universität . . .
Ja, wir decken dort den historischen Teil ab, obwohl dieser für viele Studenten nicht so interessant erscheint. Die meisten glauben, dass sie am ehesten Chancen haben, im Medienbetrieb unterzukommen, wenn sie sich mit aktuelleren Dingen befassen, mit Rundfunk, Fernsehen und Internet eben.
Aber Sie müssen doch auch Ihren wissenschaftlichen Nachwuchs rekrutieren . . .
Das war in den letzten 20 Jahren vor allem bei den Historikern und Germanisten der Fall. Der Masterstudiengang ist ja ganz neu; wieweit sich da wissenschaftlicher Nachwuchs rekrutieren lässt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Es ist immer jemand dabei, der Feuer fängt.
Woran forschen Sie aktuell?
Im Projekt „Die deutsche Presse bis 1815“ haben wir bisher Hamburg und die Nachbarorte, dann Braunschweig, Wolfenbüttel, Goslar, Hildesheim und so weiter bearbeitet. Ein zweites Projekt, das wir seit 1990 betreiben, betrifft die populäre Aufklärung in Deutschland seit dem frühen 18. Jahrhundert. Das beginnt beispielsweise mit einer Schrift von Christian Wolff „Über die wunderbare Vermehrung des Getreides“, aus der die erste volksaufklärerische Schrift eines Pfarrers entsteht, der diese Art des Getreideanbaus vermitteln möchte. Wir haben etwa 25 000 solcher Schriften in einer Bibliographie nachgewiesen. Ein drittes Projekt über Zeitungsextrakte haben wir gerade abgeschlossen: Schon im 17. Jahrhundert wurde den Menschen die Informationsmenge zu viel, so dass entweder wöchentlich oder monatlich zusammenfassende Zeitungsextrakte einen Markt fanden.
Also nicht wie in einem heutigen Ausschnittsdienst zu bestimmten Themen, sondern allgemein . . .
Genau. Das Wichtigste stand drin und vor allem: das Gesicherte. Die Zeitungsredakteure waren sich früh bewusst, dass eine Meldung die nächste korrigieren kann und dass man sich, wenn man einen Monat wartet, auf gesicherte Meldungen beschränken kann. Etwa 250 solcher Zeitungsextrakte hat es gegeben.
Die Projekte, die Sie genannt haben, stammen aus dem Bereich der Sichtung und Dokumentation . . .
Alles Grundlagenprojekte, in der Tat. Und es ist eigentlich ein trauriger Zustand, dass viel von dem, was unsere Kultur- und Kommunikationsgeschichte an Quellen dokumentiert, immer noch gesichert werden muss.
Womit könnte sich denn Zeitungsforschung beschäftigen, wenn Sie mit dem Sichern durch sind?
Wir betrachten uns längst nicht nur als Sammler. Aus den erwähnten Hamburg-Bänden sind zum Beispiel zwei Monographien entstanden, die zeigen, was es bedeutet, dass überhaupt Zeitungen gegründet wurden: Das hatte Folgen für die Entwicklung der Moderne, für die Beteiligung der Bevölkerung an politischen Entscheidungen. Aber ohne gesicherte Quellen ist das schwierig, und man kann wunderbare Theorien aufstellen, die immer richtig sind, weil nicht nachprüfbar.
Zum Beispiel?
Diese berühmte These von der „literarischen Öffentlichkeit“, die im 18. Jahrhundert entsteht und daraus die politische. Wenn man sieht, was für Diskussionen in einer Stadt wie Hamburg schon im 17. Jahrhundert stattfanden, mit Hunderten von politischen Broschüren, dann erkennt man, dass man eine solche These nur aufstellen kann, wenn man die Quellen nicht kennt.
Konnten Sie feststellen, wie groß die Lücken im Bestand historischer Zeitungen sind, die der Krieg geschlagen hat?
In der Zeitungsdokumentation sind die Lücken nicht durch den Krieg entstanden, sondern dadurch, dass man sie am Anfang nicht gesammelt hat. Niemand hat das als seine Aufgabe begriffen, Zeitungen zu sammeln. Daher sind aus dem 17. Jahrhundert vielleicht 20, 30 Prozent überliefert. Aber was ansonsten die Presse angeht, ist meine Erfahrung, dass man fast alles irgendwo finden kann.
Wo?
In städtischen Archiven und in Zeitungsarchiven, die leider selten existieren. Für die frühen Jahrgänge sind unsere Hauptfundorte die auswärtigen Archive der Großmächte, wie zum Beispiel Schweden und Russland. Die haben sich regelmäßig die deutschen Zeitungen besorgt und die dann auch archiviert. Das ist eine wesentliche Quelle für uns gewesen, um unseren Bestand für das siebzehnte Jahrhundert aufzubauen. Wahrscheinlich gibt es in Russland noch einiges mehr.
Wann fing das Zeitungssammeln an?
Bei uns in Bremen hat die Staatsbibliothek damit im frühen 19. Jahrhundert angefangen. So ähnlich ist das bei vielen großen Bibliotheken. Und es gab und gibt viele Bibliothekare, die sich bemühen, das rückwärts zu ergänzen. Nur haben sich manche nach dem Verfilmen von den Originalen getrennt, in den Vereinigten Staaten viel schlimmer als bei uns: Es entstanden sogenannte Geburtstagsausgaben, und in den Bibliotheken blieben Mikrofilme als schlechter Ersatz.
Warum trennt man sich überhaupt von den Originalen?
Na ja, Zeitungen nehmen einfach viel Platz weg. Und einzelne Bibliotheken haben wohl gedacht, dass die Exemplare bestimmter Zeitungen andernorts als Originale vorliegen.
Gibt es eine Zeitung, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Da mein wissenschaftliches Interesse besonders dem 17. und 18. Jahrhundert gilt, ist das die „Staats- und gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten“. Eine großartige Zeitung, die in der ganzen Welt gelesen wurde, allein 5000 Exemplare gingen nach Übersee. Das war wohl die bedeutendste Zeitung des 18. Jahrhunderts.