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: Wenn die Frauen in der Kirche schweigen müssen

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In vielen Teilen der Welt wurden zu verschiedenen Zeiten Knaben vor dem Stimmbruch kastriert, um ihre klangvollen Stimmen zu erhalten. In den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erklangen in Rom, in der Umgebung des Papstes, noch immer die hellen Stimmen von Kastraten. Viele katholische Moraltheologen ...

          In vielen Teilen der Welt wurden zu verschiedenen Zeiten Knaben vor dem Stimmbruch kastriert, um ihre klangvollen Stimmen zu erhalten. In den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erklangen in Rom, in der Umgebung des Papstes, noch immer die hellen Stimmen von Kastraten. Viele katholische Moraltheologen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts hatten die euphonische Kastration zwar abgelehnt, aber erst, so Roger Aubert, der "konservative Reformpapst", Pius X. (1903 bis 1914), setzte dieser "jahrhundertealten Unsitte in der Päpstlichen Kapelle" ein Ende, so der katholische Kirchenhistoriker Georg Schwaiger (Papsttum und Päpste im zwanzigsten Jahrhundert. Von Leo XIII. zu Johannes Paul II., C.H. Beck, München 1999).

          Eigentlich war die zu diesem Zweck durchgeführte Kastration schon seit dem Codex des Kaisers Justinian verboten. Aber im sechzehnten Jahrhundert zeigte sich die römische Kirche immer weniger geneigt, Frauen in der Kirche als Sängerinnen auftreten zu lassen. Das Wort des Apostels Paulus, daß die Frau in der Kirche schweigen möge (1. Kor. 14,34, "Mulier taceat in ecclesia"), wurde jetzt so gedeutet, daß nur Männer in der Kirche singen sollten. Papst Sixtus V. verbot es 1588, daß Frauen auf den Bühnen des Kirchenstaates auftraten. Jetzt wurden in den römischen Kirchen bevorzugt Knaben als Sänger eingesetzt. Zumindest seit dem späten sechzehnten Jahrhundert wurden dafür eigens Kastraten herangebildet. Seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert waren in der Sixtina alle Sopranstimmen mit Kastraten besetzt. Der "primo uomo" löste die "prima donna" als Sopran- und Altstimme ab. In den Archiven des Vatikans finden sich etliche Kompositionen, die speziell für Kastraten geschrieben waren.

          Die großen Sänger unter den Kastraten waren sehr gesucht, ihre Stimmen außerordentlich geschätzt. Ihre hohe Stimmlage entsprach dem Ideal der Zeit, daher konnten Kastraten große Gagen fordern. Nicht nur Opernrollen wurden für sie geschrieben, sondern sogar konzertante Partien. Mozart soll seine Motette "Exultate, jubilate" für einen berühmten Kastraten geschrieben haben, und selbst in einigen seiner Opern traten Kastraten in Erscheinung.

          Noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren am päpstlichen Hof Kastratenstimmen zu hören. Papst Pius X. führte 1903 eine Reihe von Reformen der Kirchenmusik durch, wonach Kastraten nicht mehr im päpstlichen Chor singen durften. Alessandro Moreschi (1858 bis 1922), den die Zeitgenossen als "Angelo di Roma" bezeichneten, sang bis 1913 in der Päpstlichen Kapelle; er ist vielleicht der einzige Kastrat, von dem, aus den Jahren 1902 bis 1904, Tonaufzeichnungen überliefert sind. Moreschi war später als Leiter des Chores tätig, in lehrender Position. Er wurde 1917 pensioniert. Franz Haböck, Professor an der Staatsakademie für Musik in Wien, hatte 1911 und 1914 Gelegenheit, Moreschi in Rom singen zu hören: "Die absolute Gleichmäßigkeit und Gleichfarbigkeit seiner Töne, ungemein mächtig, hell, durchsichtig, süß, aber doch anders als Frauenstimmen" begeisterte ihn, "durch Moreschis Stimme begriff ich die Glaubhaftigkeit der jungen Götter- und Heldengestalten".

          Es handelt sich jedoch nicht einfach um ein kurioses Stück abendländischer Geschichte, dahinter verbirgt sich auch großes menschliches Leid: Als diese Kastrationen in größter Blüte standen, im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, war ein solcher Eingriff bei einem sieben- bis zwölfjährigen Knaben lebensgefährlich. Denn die Operation mußte, vor dem Zeitalter der allgemeinen Narkose und Antisepsis, schnell vonstatten gehen, und nicht wenige dieser Unglücklichen verbluteten unter dem Messer oder erlagen später einer Wundinfektion (Christian von Deuster, "Zur Pathologie der menschlichen Stimme. Medizinhistorische Betrachtungen zum Kastratengesang", in: Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen, Bd. 23, Königshausen und Neumann, Würzburg 2004). Der Würzburger Arzt Christian von Deuster nimmt an, daß sechzig bis achtzig Prozent dieser Operation zum Opfer fielen. Nicht weniger hoch war die Sterblichkeit bei Kastrationen im Osmanenreich. Dort gab es noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mehrere hundert Eunuchen.

          MANFRED VASOLD

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite N3

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