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Rezension: Sachbuch : Abgehängtes Jahrhundert

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Ernst Gombrichs "Geschichte der Kunst" und die Gegenwart

          Es gibt nicht nur geglückte Bücher, es gibt auch Glücksbücher. Ein solches ist "Die Geschichte der Kunst" von Ernst Gombrich, das in Zeiten, die darauf gar nicht erpicht sind, überraschend zu einer Art Hausbuch geworden ist. Der Originaltitel des 1950 zuerst erschienenen Buches macht deutlicher, worum es geht: "The Story of Art". Hier wird die Geschichte der Kunst aller Epochen und Weltgegenden von den Anfängen bis zur Gegenwart erzählt, für jedermann verständlich, aber nicht als Plauderei, sondern als äußerst komprimierte Übermittlung dessen, was über die besprochenen Kunstwerke, Künstler und Stile gewußt wird.

          Der Autor hatte schon einmal etwas Ähnliches unternommen, eine Weltgeschichte für Kinder, die unlängst als "Kurze Weltgeschichte für junge Leser" wiederaufgelegt wurde. Dabei zeigte sich, daß das Buch trotz seines schon beachtlichen Alters kaum etwas von seiner Frische verloren hatte. In beiden Fällen hat man es mit den Früchten einer ungewöhnlichen pädagogischen Begabung zu tun. Sie ist auch im fachwissenschaftlichen OEuvre des 1909 in Wien geborenen Kunsthistorikers, der seit Mitte der dreißiger Jahre in England lebt, überall spürbar. Darüber hinaus lebt in Gombrichs Gabe der Vereinfachung des Komplizierten, die er übrigens mit dem anderen großen Wiener, Karl Popper, teilt, eine Eigenart der Wiener Schule der Kunstgeschichte fort, die ein besonderes didaktisches Geschick in der Vermittlung komplizierter Überlieferungen und absonderlicher Kunstgebilde besaß.

          Soeben ist die deutsche Übersetzung der "Geschichte der Kunst" in der sechzehnten Auflage erschienen, nach mehreren Verlagsstationen jetzt zum ersten Mal bei S. Fischer. In derselben Region bewegt sich die englische Ausgabe des in über fünfundzwanzig Sprachen übersetzten Buches, das nun zum ersten Mal in einer "internationalen Ausgabe" in gleicher Ausstattung erscheint. Im Gespräch mit Didier Eribon (Die Kunst, Bilder zum Sprechen zu bringen, Klett-Cotta, Stuttgart 1993) hat Ernst Gombrich die Anfänge dieses erstaunlichen Bestsellers geschildert, vor allem auf welchen Widerstand in seiner damaligen wissenschaftlichen Umgebung sein Plan gestoßen war, ein solches Buch zu schreiben.

          Fritz Saxl, der damalige Direktor des Londoner Warburg Instituts - später übernahm Gombrich selbst diese Position -, riet ihm dringend davon ab, sich durch sein Vorhaben, eine Kunstgeschichte für die Jugend zu schreiben, von ernsthafter Arbeit ablenken zu lassen: "Ich würde das sehr ungern sehen", sagte Saxl, "Sie haben Besseres zu tun." Die "Story of Art" kam trotzdem zustande. Sie behielt die Erzählhaltung des für Jugendliche gedachten Buches bei und profitierte vielleicht sogar vom Sinken des Bildungsniveaus, indem ein Jugendbuch zu einem Buch für Erwachsene wurde. Darüber hinaus hat das vom Akademischen scheinbar wegführende Buch für seinen Autor das Tor zur Universitätskarriere und internationaler Bekanntheit weit aufgestoßen. Insofern ist es ein Glücksbuch.

          Eine Geschichte ohne Ende

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