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Rezension: Sachbuch : Abgehängtes Jahrhundert

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"The Story of Art" erzählt nicht nur eine Geschichte, es hat mittlerweile selber eine. Und nicht nur das. Da schon die erste Auflage die Geschichte der Kunst bis in die Gegenwart fortführte und der Autor zweimal durch Erweiterungen den Anschluß an die jeweilige zeitgenössische Kunst hergestellt hat, schließt das Buch heute nicht mehr an der Schwelle der fünfziger, sondern der neunziger Jahre. Die Kunst der vergangenen Jahrzehnte ist in das Buch eingewandert, und sie steht mit ihren jüngsten Entwicklungen in Wartestellung, ob sie in die hier erzählte Geschichte aufgenommen werden kann. Der Autor glaubt inzwischen, daß seine Entscheidung, den Anschluß an die Gegenwart zu suchen, ein Fehler war. Jedenfalls hat sie ihm eine Reihe von lästigen Problemen beschert, etwa den Rollenkonflikt zwischen Kritiker und Historiker. Im Idealfall würde dieser dort seine Arbeit aufnehmen, wo jener sie beendigt hat. Die Geschichte, die vom Anfang bis zum Ende erzählt sein will, erlaubt solche feinen Trennungen der Aufgaben nicht.

Jede richtige Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Das gilt auch für diese, von der der Verfasser wünscht, der Leser möge sie tatsächlich von Anfang an und alles Spätere im Lichte des jeweils Vorhergehenden lesen. Aber hat diese Geschichte wirklich ein Ende? Das derzeit letzte Kapitel ist überschrieben: "Eine endlose Geschichte". Die Geschichte der Kunst, will das sagen, bleibt vorläufig ohne ein Ende, oder sollte man nicht eher sagen: Sie verliert endlos, ohne sich zu einem auch nur vorläufigen Ende zu verdichten.

Eine Geschichte der Kunst, wie sie hier erzählt wird, verwandelt sich bei Annäherung an die Gegenwart in ein Mittelding zwischen Gegenwart und Geschichte: in eine Chronik der Moden. Auf das Risiko, ungewollt einen solchen Wechsel der literarischen Gattung herbeizuführen, hatte der Autor sich eingelassen, als er 1966 zum ersten Mal ein Postskriptum hinzufügte, das die künstlerische Entwicklung seit 1950 resümieren wollte. Mit dem nicht nachlassenden Erfolg des Buches wurde 1989 ein zweites Mal ein Gegenwartsanschluß hergestellt, mit wachsender Ungewißheit, ob man sich dabei in der Chronik der Moden verliere oder schon auf dem Boden jener Geschichte Halt finde, die hier von den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux an erzählt wird.

"Das Tagesgeschehen wird erst dann zur ,Geschichte'", meint Gombrich mit einer fast altväterlichen Auffassung, "wenn wir genügend Abstand gewonnen haben, um zu wissen, wie es sich, wenn überhaupt, auf spätere Entwicklungen auswirken wird." Platzhalter dieser geschichtlichen Gewißheit sind in der Chronik der laufenden Ereignisse Prognosen darüber, was als nächstes passieren wird. Ein paar solcher Prognosen hat Gombrich in den Nachträgen formuliert, zum Beispiel: "Gegenwärtig sieht es so aus, als werde diese Aussöhnung zwischen Photograph und Maler künftig noch an Bedeutung gewinnen." Das Fazit, das der Leser aus all dem ziehen kann, dürfte etwa lauten: Die Kunst der vergangenen Jahrzehnte wie auch des zwanzigsten Jahrhunderts hat nur bedingt Chancen, in die "Geschichte der Kunst" aufgenommen zu werden.

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