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: Die Genealogie der akademischen Hausarbeit

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",Das kann alles in die Fußnoten', sagte der Professor über meine erste Hausarbeit", schreibt Jochen Schmidt in einer Erzählung und fügt hinzu: "Beim nächsten Mal bekam er seine Fußnoten, drei Zeilen Text und 30 Zeilen Fußnoten pro Seite." Um die Mühen des Verfassens von Hausarbeiten kommt ein Student der Geisteswissenschaften nicht herum.

          ",Das kann alles in die Fußnoten', sagte der Professor über meine erste Hausarbeit", schreibt Jochen Schmidt in einer Erzählung und fügt hinzu: "Beim nächsten Mal bekam er seine Fußnoten, drei Zeilen Text und 30 Zeilen Fußnoten pro Seite." Um die Mühen des Verfassens von Hausarbeiten kommt ein Student der Geisteswissenschaften nicht herum. In den geisteswissenschaftlichen Fächern hängt der Studienerfolg heute sogar zum großen Teil von der souveränen Beherrschung dieser Textsorte ab. Obwohl die Hausarbeit an deutschen Hochschulen im Gegensatz zu anderen europäischen Universitätssystemen die zentrale studienbegleitende Form wissenschaftlichen Schreibens ist, wurde ihr bisher weder in wissenschafts- noch in bildungshistorischer Perspektive größere Aufmerksamkeit geschenkt. Thorsten Pohl unternimmt mit seiner lesenswerten Ideen- und Institutionengeschichte der akademischen Hausarbeit erstmals den Versuch, eine Genealogie dieser vernachlässigten universitären Praxisform zu schreiben ("Die studentische Hausarbeit". Rekonstruktion ihrer ideen- und institutionengeschichtlichen Entstehung. Heidelberg 2009).

          Noch bis weit in die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts blieb für die meisten Studenten die Vorlesung die einzige universitäre Veranstaltungsform; das akademische Schreiben beschränkte sich deshalb auch weitgehend auf Vorlesungsmitschriften und Lehrbuchexzerpte. Größere Veränderungen sowohl auf ideeller als auch institutioneller Ebene ereigneten sich erst ab dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Auf ideeller Ebene forderten Philosophen wie Fichte, Schelling, Humboldt oder Schleiermacher in ihren Reformschriften, dass die Forschungstätigkeit zum hochschuldidaktischen Prinzip erhoben werden solle: Ein forschendes Lernen war aus der Sicht der Reformer im Rahmen des überkommenen Vorlesungswesens aber nicht realisierbar; neue, den Studenten zum Mitdenken animierende Vortragsformen und neue Veranstaltungstypen sollten dem Forschungscharakter universitären Lernens besser gerecht werden.

          Diese idealistischen Konzeptionen wurden laut Pohl um 1800 mit einer relativ neuen Lehrveranstaltungsform verknüpft: dem Seminar. In der Regel musste sich ein Student, der an dem Seminar eines Professors teilnehmen wollte, um die Seminarteilnahme bewerben. Das geschah häufig mit einer schriftlichen Arbeit. Einmal in das Seminar aufgenommen, war er nun das Mitglied einer kleinen Elite von fortgeschrittenen und forschungsambitionierten Studenten, die meist gegen Ende des Studiums in geregelten Abständen Seminararbeiten zu frei gewählten Gegenständen verfassten. Das Seminarmitglied war in verschiedener Hinsicht privilegiert: Es durfte die Seminarbibliothek benutzen, durfte bei entsprechender Leistung auf Berücksichtigung bei Preisen oder Stipendien hoffen und genoss bevorzugten Zugang zum Professor.

          Fiktion wider besseres Wissen Diese Situation ändert sich um 1900: Das Schreiben von Hausarbeiten war lange nur für die Teilnehmer des Seminars obligatorisch; für alle anderen Studenten gehörte wissenschaftliches Schreiben nicht zum Studium. Im Rahmen der Einführung von Studienordnungen und einer allgemeinen Bürokratisierung des Studiums wurde die seminaristische Veranstaltungsform in das reguläre Studium integriert; die Seminararbeit wurde damit zu einem obligatorischen Leistungsnachweis für alle Studenten. Die akademische Schreibpraxis "Hausarbeit", die seit den frühen Seminargründungen im achtzehnten Jahrhundert den Charakter eines fakultativen Forschungsbeitrags hatte, wurde nun als Instrument der inneruniversitären Evaluierung von Studienleistungen genutzt. Die Seminararbeit, die anfangs ausschließlich der Einübung wissenschaftlichen Arbeitens galt und auf disziplinäre Innovation abzielte, sollte nun von Studienbeginn an der Prüfung der in Pro-, Mittel- oder Hauptseminaren erworbenen Kenntnisse dienen. Im Vordergrund stand nun der Scheinerwerb.

          Die um 1800 innerhalb der Praxisform "Seminar" etablierte und an disziplinären Forschungsdiskursen orientierte Textsorte "Seminararbeit" wurde trotz stark veränderter institutioneller Rahmenbedingungen ohne größere Anpassungen bis in die Gegenwart weitergeführt. Noch heute werden an deutschen Universitäten Seminararbeiten geschrieben, obwohl der heutige Lehrveranstaltungstyp "Seminar" mit der ursprünglichen Praxisform "Seminar" wenig mehr als die Benennung teilt. Wie Pohl zeigen kann, bringt das gerade aus didaktischer Perspektive erhebliche Probleme mit sich.

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