http://www.faz.net/-gwz-6k2ty

: Der rote Diktator in italienischer Sicht

  • Aktualisiert am

Im Oktober 1926 warnte der inhaftierte italienische kommunistische Parteitheoretiker Antonio Gramsci das Zentralkomitee der KPdSU, die "nüchterne Umsicht", mit der die bürgerliche Presse bemüht sei, die russischen Ereignisse zu analysieren, müsse den Genossen in Moskau zu denken geben. Mit den "russischen ...

          Im Oktober 1926 warnte der inhaftierte italienische kommunistische Parteitheoretiker Antonio Gramsci das Zentralkomitee der KPdSU, die "nüchterne Umsicht", mit der die bürgerliche Presse bemüht sei, die russischen Ereignisse zu analysieren, müsse den Genossen in Moskau zu denken geben. Mit den "russischen Ereignissen" waren die Fraktionskämpfe in der bolschewistischen Partei gemeint, die Debatte um die Industrialisierung des Landes, aber auch der Streit um die Politik der Kommunistischen Internationale in China. Die Erwähnung der "bürgerlichen" - und nicht etwa der "faschistischen" - Zeitungen verweist auf die Besonderheiten der italienischen Presselandschaft um die Mitte der zwanziger Jahre.

          Im Verlauf der Krise um die Ermordung des Sozialisten Giacomo Matteotti und vor allem in der auf sie folgenden Periode verschärfter Repression hatte das Mussolini-Regime 1924/25 begonnen, sich die liberalen Tageszeitungen zu unterwerfen. In einigen Fällen zwang man liberale Chefredakteure zum Rücktritt oder korrumpierte sie; in anderen wurden die Zeitungen kurzerhand aufgekauft. Ein Hauptgrund war das Scheitern aller Experimente mit eigenen Gazetten. Die mit enormem finanziellem Aufwand gegründeten Parteiblätter wurden nur von der Generation der "Squadristi", der Schwarzhemden der Kampfbünde, gelesen. Auf das bürgerliche Publikum wirkten sie eher abschreckend. Die Auflage des Mailänder "Corriere della sera" etwa lag noch immer um ein Vielfaches höher als diejenige von Mussolinis Hausblatt "Il Popolo d'Italia".

          Tiefe Einblicke in die Tätigkeit eines jungen italienischen Moskau-Korrespondenten jener Zeit bietet jetzt ein von der "Fondazione Corriere della sera" veröffentlichter Band ("Il ,Corriere' tra Stalin e Trockij. 1926-1929. Einführung von Luciano Canfora, Milano 2010). Salvatore Aponte, der Korrespondent, stammte aus einer bürgerlichen Familie und war in einer Kleinstadt am Tyrrhenischen Meer aufgewachsen. Nach dem Besuch des Jesuitenkollegs hatte er Jura studiert, dann aber die journalistische Laufbahn eingeschlagen. Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte er in der Redaktion des monarchistischen "Giornale d'Italia". Kurz nach dem Marsch auf Rom gehörte Aponte bereits der Leitung des faschistischen Journalistensyndikats an. Damals unterzeichnete er einen Aufruf, der eine einzige Lobeshymne auf Mussolini, den "berühmten Kollegen" und Begründer des "Popolo d'Italia" darstellte.

          Ein Realist im Kreml

          1926 ging Aponte für den "Corriere"nach Moskau. "Sein wirklicher Name lautet Giugascvilli", so stellte er seinen Lesern den außerhalb Russlands noch wenig bekannten Josef Stalin, den Generalsekretär der KPdSU, vor. Einiges deutet darauf hin, dass Apontes oft durchscheinende Sympathien für Stalin auch damit zusammenhingen, dass manche Wortführer der innerparteilichen Opposition jüdischer Herkunft waren. Der Moskau-Korrespondent zögerte nicht, zu judenfeindlichen Stereotypen zu greifen: Ein "weiches, breites Israelitengesicht" schrieb er dem ehemaligen Komintern-Präsidenten und Trotzki-Verbündeten Grigori Sinowjew zu. Waren solche Formulierungen alles andere als selten, so blendete Aponte die antisemitischen Motive sofort aus, wenn italienische Interessen mit im Spiel waren. Als es hieß, Leo Kamenew - führender Oppositioneller in Moskau - werde zum Botschafter in Rom ernannt, spielte dessen jüdische Abstammung plötzlich keine Rolle mehr. Aponte hob vielmehr die "westlichen Züge" des langjährigen Lenin-Mitarbeiters hervor, den Jürg Ulrich in seiner unlängst veröffentlichten Kamenew-Biographie als "gemäßigten Bolschewiken" schildert.

          Generell sah Aponte in der Opposition gegen Stalin jene Ideen von 1917 verkörpert, die man in Italien manchmal unter den Sammelbegriff "maximalistisch" brachte. Tatsächlich nannte auch Gramsci die Bolschewiki in seinen Turiner Schriften gelegentlich die "russischen Maximalisten". Aponte lehnte den Bolschewismus-Maximalismus von 1917 rundweg ab und baute stattdessen auf den als "Realisten" gezeichneten "Giugascvilli" der Jahre seit 1924. Allerdings lassen sich solche Vorlieben nicht als kohärente politische Linie interpretieren. Manchmal musste der "Corriere" nur die brillanten Analysen einzelner Oppositioneller wiedergeben, um ein Schlaglicht auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sowjets zu werfen.

          Auf der anderen Seite druckte das Blatt die apologetischen Äußerungen des Generalsekretärs zur Rolle der Geheimpolizei in der Sowjetunion unkommentiert ab, weil sie für sich selbst, und das heißt gegen die in Russland herrschenden Verhältnisse sprachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Chinas Einfluss : Die Schlinge in Hongkong zieht sich zu

          Lange haben sich die Bewohner Hongkongs gegen den Einfluss Chinas gewehrt. Selbst bei Regen gingen sie auf die Straße, um demokratische Rechte einzufordern. Nun erhöht China den Druck.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.