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: Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau

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Ein kleines, aber mit viel Liebe gestaltetes Herbar gehört zu den anschaulichen Erinnerungen an Jean-Jacques Rousseau. Der vor allem als Philosoph und Schriftsteller bekannte Gelehrte hat dieses Kleinod im Jahr 1770 für eine junge Dame angefertigt - für Julie Boy de la Tour. Diese hatte ihn als junges Mädchen ...

          Ein kleines, aber mit viel Liebe gestaltetes Herbar gehört zu den anschaulichen Erinnerungen an Jean-Jacques Rousseau. Der vor allem als Philosoph und Schriftsteller bekannte Gelehrte hat dieses Kleinod im Jahr 1770 für eine junge Dame angefertigt - für Julie Boy de la Tour. Diese hatte ihn als junges Mädchen auf seinen botanischen Exkursionen in der Nähe von Lyon begleitet und dabei aufmerksam seinen Ausführungen gelauscht. Und über Pflanzen konnte Rousseau viel erzählen. Er darf durchaus als großer Botaniker gelten. Ihm ging es freilich weniger um die systematische Botanik, wie Carl von Linné sie betrieb.

          Fasziniert von der Welt der Pflanzen, suchte Rousseau nach neuen Wegen, das botanische Wissen populär darzustellen: "Linné lehrt die Pflanzen, die man kennt, auf das beste beobachten, aber er lehrt sie nicht erkennen; sein System ist für den Meister, aber notwendig wäre eins für Lernende." Und Rousseau fand ein solches. Mit seinen "Botanischen Lehrbriefen" wurde er zum Wegbereiter populärwissenschaftlicher Literatur. Ihm ging es weniger darum, möglichst viele Arten zu kennen. Für wichtiger hielt er es, Bau und Funktion der Pflanzen zu verstehen und die Gewächse sinnlich wahrzunehmen.

          Die Schweizer Autorin Ruth Schneebeli-Graf lädt nun mit einem an Text- und Bilddokumenten reichen Buch zum "Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau" ein. Die darin enthaltenen acht botanischen Lehrbriefe, gerichtet an Madeleine Delessert, eröffneten einen auch heute noch reizvollen Weg zur Pflanzenwelt. Er ist bemerkenswert sinnlich. Das zeigt sich etwa bei dem Rat an Madeleine, wie sie die Hundspetersilie besser kennenlernen könne. Sie solle dazu ein paar Blätter in der Hand zerreiben: "Wenn Sie daran riechen, werden Sie ohne Zweifel ihr schönes Näschen rümpfen." Zum sicheren Pflanzenkenner werde man durch Vergleichen, Prüfen und Wiederholen: "Auf diese Art und Weise führen uns unsere Studien an die goldene Pforte der Praxis, die wiederum die Pfade zum Wissen, zur Erkenntnis öffnet."

          Im zweiten Teil des Buches findet sich eine Materialsammlung, die unter anderem Rousseaus reiche botanische Bilderschrift enthält. Vor allem aber wird das für Julie angefertigte Herbar vorgestellt, das sich seit dem Jahr 1833 im Besitz der Zentral- und Universitätsbibliothek in Zürich befindet. Es umfaßt 101 Pflanzen oder Pflanzenteile, darunter die Wald-Primel, das Weiße Wald-Veilchen und den Hopfen (v.l.n.r.). Der von Ruth Schneebeli-Graf herausgegebene und mit Zeichnungen von Richard Keller versehene Band "Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau" ist im Ott Verlag, Thun 2003, erschienen. Er hat 158 Seiten und kostet 27 Euro.

          R.W.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2003, Nr. 186 / Seite N2

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