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Aktualisiert: 05.02.2016, 08:05 Uhr

WHO will Klarheit Wie viel Übertreibung steckt in der Zika-Epidemie?

Was das Zika-Virus mit fehlgebildeten Säuglingen zu tun hat, bleibt unklar. Die Zahlen der brasilianischen Regierung geraten unter Beschuss. Eine neue Studie nährt die Zweifel an der Viren-These.

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© AP Wie sicher ist die Diagnose Mikrozephalie?

Ist das die Wende in der Zika-Krise – von einer Überreaktion zur Verharmlosung? Nicht mehr zu übersehen jedenfalls ist seit Donnerstag: Die Skeptiker bekommen Oberwasser, die Zweifel an der Seuchenstatistik wachsen. Und die Weltgesundheitsorganisation reagiert. Brasiliens Gesundheitsministerium kommt zunehmend unter Druck, auch von Ärzten aus dem eigenen Land. Um diese jüngste Entwicklung im Zika-Drama nachvollziehen zu können, muss man sich allerdings noch einmal in Erinnerung rufen: Nicht die rasend schnelle Verbreitung des Zika-Virus in Lateinamerika durch Gelbfiebermücken ist der eigentliche Grund für die Ausrufung des globalen Gesundheitsnotstandes durch die Weltgesundheitsorganisation Anfang der Woche – das Virus an sich ist relativ harmlos und längst erforscht. Vielmehr waren es die Berichte von Ärzten über eine auffällige Häufung von Mikrozephalien – auffallend kleinköpfigen Neugeborenen – insbesondere im Nordosten Brasiliens, die seit Oktober 2015 scheinbar Hand in Hand gehen mit der Ausbreitung des Virus und damit für große Verunsicherung sorgen.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Mit beängstigenden Zahlen hat Brasiliens Regierung die internationale Reaktion forciert. Dem neuesten Bulletin des Gesundheitsministeriums vom Dienstagabend zufolge waren bis zum 30. Januar 4783 Verdachtsfälle von „Mikrozephalie oder anderen schweren neurologischen Defekten“ gemeldet worden. Doch die weitaus meisten – genau 3670 – sind noch immer nicht diagnostisch abgeklärt. Und von den überprüften Fällen sind 404 tatsächlich „nur“ bestätigt worden, bei 709 Neugeborenen konnte nachträglich eine Mikrozephalie ausgeschlossen werden. Falsch positive Diagnosen also, sprich: Fehldiagnosen. Ein klarer „Zusammenhang“ mit einer Zika-Infektion der Schwangeren war bisher in lediglich 17 Fällen herstellbar – ein Befund, der die brasilianische Gesundheitsbehörde allerdings nicht sonderlich wundert, weil brauchbare Tests, um das Zika-Virus korrekt nachzuweisen, in vielen Kliniken und Praxen noch immer fehlen. Erst nächste Woche, so heißt es jetzt, würden die notwendigen Tests mehr oder weniger flächendeckend vorhanden sein.

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Was für das Gesundheitsministerium viel entscheidender ist, sind nackte Zahlen: Früher habe man 150 Mikrozephalie-Fälle im Land registriert, seit der Zika-Ausbreitung ein Vielfaches davon. Und, was die Behörden in Brasilia und die WHO letzten Endes am meisten überzeugt haben dürfte: Zika-Viren, die man in der Fruchtblase von Schwangeren und nun auch in fötalem Gewebe nachgewiesen hat: Von 76 Fehlgeburten mit Verdacht auf Mikrozephalie oder schweren neurologischen Defekten hat man inzwischen 15 obduziert und bei fünf tatsächlich Spuren von Zika-Viren gefunden – bei fünf anderen wurde allerdings ein Virusbefall ausgeschlossen. Der Rest, 56 Totgeburten, müsse noch untersucht werden.

© dpa, reuters DNA-Test für Zika-Virus

Keine Häufung, sondern nur statistisches Artefakt?

Die Datenlücken sind es, die nun zur Achillesferse der Zika-Kampagne  werden. Sie sorgen für immer mehr Konfusion. Während sich Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff inzwischen fast täglich mit neuen Mobilisierungsaufrufen („jeder Bundesbeamte muss sich von heute an zum Kämpfer gegen die Moskitos und ihre Vermehrung wandeln“) an die Öffentlichkeit wendet, kracht es im Hintergrund im Gebälk. Es ist ein Zank um Zahlen, den die Regierung zu verlieren droht. Die Fehldiagnosen werden seit fast einem Monat heiß diskutiert, seit die beiden Experten für Mikrozephalie, Jorge Lopez-Camelo und Ieda Maria Orioli, eine aktuelle Studie vorstellten, die „American Collaborative Study of Congenital Malformations“ (ECLAMC). Sie setzte einige Fragezeichen hinter die Zika-Hypthose und ist die Grundlage für eine auf Regierungsseite kaum willkommene Gegenthese. Möglicherweise, so lautet sie, war die angebliche Häufung der Mikrozephali-Fälle mit der Zika-Ausbreitung zuletzt gar keine echte Häufung, sondern lediglich ein statistisches Artefakt – das Ergebnis der auf Anweisung der Gesundheitsbehörden seit Oktober 2015 angeordneten intensivierten Suche nach Neugeborenen mit kleinen Schädeln und einer ebenso fragwürdigen Häufung von Fehldiagnosen.

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