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Veröffentlicht: 30.04.2014, 14:00 Uhr

WHO-Bericht Das globale Antibiotika-Desaster

Die Welt wird immer machtloser im Kampf gegen Keime. Der erste globale Bericht der Weltgesundheitsorganisation zeigt: Die Penicillin-Ära ist bald vorbei, aber was kommt danach?

© dpa Antibiotika-Forschung in der Klemme. Es werden dringend neue Mittel benötigt. Nach Angaben der WHO sei eine Rückkehr zu Zeiten vor der Entdeckung dieser Mittel denkbar, weil gewöhnliche Keime auf die bisherige Behandlung nicht mehr ansprechen.

Es ist nicht der erste Warnruf der Weltgesundheitsorganisation (WHO), aber gerade deshalb so ernst. Allein die Frequenz, mit der die Gesundheitsbehörde inzwischen vor der Ausbreitung von Bakterien warnt, denen die verfügbaren Antibiotika nichts mehr anhaben können, zeigt die dramatische Lage. Und ihr erster globaler Bericht, den sie jetzt vorgelegt hat, lässt keinen Raum für positive Szenarien. Die Menschheit schliddert in eine, wie es nun heisst, „post-antibakterielle Zukunft“. Bakterieninfektionen  könnten künftig wieder deutlich mehr Menschen den Tod bringen - wie zu Zeiten vor der Entdeckung des Penizillins. Grund sei eine starke und globale Zunahme der Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika. Dies sei längst nicht mehr nur eine Befürchtung, sondern bereits überall zu beobachten, erklärte die WHO am Mittwoch in Genf: „Es geschieht genau jetzt in jeder Region der Welt und kann jeden treffen, in jeder Altersgruppe, in jedem Land.“

Die seit Jahren zunehmende Antibiotika-Resistenz vieler Erreger „ist jetzt eine der Hauptgefahren für die Gesundheit“, betonte die WHO bei der Vorlage ihres ersten globalen Berichts zu diesem Problem. „Ohne dringende und koordinierte Aktionen der Beteiligten steuert die Welt auf eine Nach-Antibiotika-Ära zu“, sagte der stellvertretende WHO-Direktor Keiji Fukuda. „Simple Infektionen und kleinere Verletzungen, die seit Jahrzehnten behandelbar waren, können erneut töten.“

Weltweit seien entschlossene Aktionen nötig. Dazu gehöre beispielsweise ein leistungsfähiges Labornetz, das aufkommende Resistenzen rasch erkennen und entsprechende Informationen für ein schnelles Gegensteuern sammeln und weitergeben kann. Doch nicht alle Länder seien dazu in gleichem Maße in der Lage. Außerdem müsste Infektionen effektiver vorgebeugt werden.

Bodenmikroben sind gegen fuenf Antibiotika-Klassen resistent © dapd Vergrößern Die resistenten Erreger könnten über Gülle und Mist von antibiotisch behandelten Nutztieren auf die Felder und von dort in den Boden gelangt sein.

Aber auch relativ einfache Maßnahmen werden von der WHO empfohlen: Ärzte sollten Antibiotika nur noch dann verschreiben, wenn sie sicher sind, dass diese wirklich unbedingt nötig sind. Zudem sollten Patienten möglichst nicht Breitband-Antibiotika, sondern nach entsprechenden genauen Untersuchungen gezielte Wirkstoffe verabreicht werden. Es müsse Bakterien schwerer gemacht werden, sich anzupassen und Widerstandskraft gegen die jeweiligen Wirkstoffe von Medikamenten zu entwickeln. Krankheitserreger entwickeln besonders dann Resistenzen gegen Antibiotika, wenn die Medikamente in großem Maßstab eingesetzt werden.

Dazu tragen auch Antibiotika in der Tierhaltung bei. Der großflächige Einsatz in der Schweine- oder Geflügelmast steht daher seit langem in der Kritik. Seit 1. April gelten in Deutschland deshalb neue Meldepflichten und strengere Vorgaben für Bauern und Tierärzte. Die neuen Regeln sollen den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast eindämmen.

Fruehchen in Bremer Klinik an Bakterium Klebsiella gestorben © dapd Vergrößern Im Zweifelsfall tödlich: Bei dem Erreger Klebsiella oxytoca handelt es sich um einen verbreiteten, nicht meldepflichtigen Darmkeim

Ein breites Spektrum von Krankheitskeimen ist mittlerweile resistent gegen Antibiotika. Wissenschaftler untersuchten im Auftrag der WHO vor allem die Entwicklung bei sieben Bakterienarten, die Erreger für eine Reihe allgemein bekannter Infektionskrankheiten sind - darunter Blutvergiftung, Lungen- und Harnwegsentzündungen sowie die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe, bekannt auch als Tripper.

Dabei stellten sie unter anderem fest, dass einer der häufigsten Erreger für Infektionskrankheiten, das Darmbakterium Klebsiella pneumoniae, inzwischen in allen Regionen der Welt starke Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt hat. Ähnlich sei die Entwicklung bei etlichen anderen Bakterienarten und den jeweils gegen sie eingesetzten Wirkstoffen.

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Quelle: jom / dpa

 

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