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El Nino und Klimawandel : Weltweites Korallensterben

Im Februar 2015 bereits waren Anzeichen einer verbreiteten Korallenbleiche vor Samoa festgestellt. Bild: AP

Da bleiben nur Gerippe: In den Tropen breitet sich derzeit eine massive Korallenbleiche aus. Die Riffe gehen reihenweise an zu warmem Wasser zugrunde. Amerikas Ozeanforscher sehen schwarz, wie es weiter geht.

          Es ist ein ozeanischer Flächenbrand vor den Traumständen dieser Welt, eine Verbrennung dritten Grades an den prachtvollsten und ökologisch wertvollsten Bodenbedeckungen dieses Planeten - wüste, weisslich-blasse Kalkgerippe bleiben, wo bis vor kurzem noch farbenfrohe Skelettwiesen ins glasklare Meerwasser ragten. So muss man sich die Szenerie vorstellen, mit der sich immer mehr Korallentaucher in den Tropen konfrontiert sehen. Zweimal erst, im Jahr 1998 und deutlich später 2010 noch einmal, waren solche Ereignisse, die Meeresforscher als Korallenbleiche (Coral bleaching) bezeichnen, zu beobachten.

          Das NOAA-Riff-Watch-Alarmierungssystem: Die hochgradig gefärdeten Riffe sind rot markiert.
          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Jetzt also die dritte Welle eines weltweiten Korallensterbens.  Die amerikanische Nationale Behörde für Ozeanographie und Atmosphärenforschung (NOAA) warnt: Bis Ende des Jahres könnten 95 Prozent der Korallenstöcke vor den amerikanischen Küsten - in der Karibik vor allem, vor Kalifornien und im Golf von Mexiko - Umweltbedingungen ausgesetzt sein, so heisst es, „die das Ausbleichen der Korallen bewirken“. Besonders hart trifft es in diesen Wochen Hawaii. Um das Vulkanarchipel sind die Temperaturen im August so schnell und deutlich gestiegen, dass die Korallenspezialisten ein flächendeckendes Absterben der Riffe bis weit hinaus vor den Küsten befürchten.

          August 2015: Korallenbleiche breitet sich vor Oahu aus, der Hauptinsel Hawaiis.

          Korallenbleichen sind eine Art Panikreaktion der Natur: Es ist die Antwort der sesshaften, koloniebildenden Meeresorganismen auf plötzlichen ökologischen Stress. Vor allem reagieren sie auf schnell steigende Wassertemperaturen, verbunden oft mit extremen Wetterlagen und verschmutztem Oberflächenwasser. Die Temperaturtoleranz der festsitzenden, skelettbildenden Nesseltiere ist denkbar eng: Sie gedeihen am liebsten in tropischen, warmen und seichten Gewässern. Auf mehr als sechshundert tausend Quadratkilometer wird die Ausdehnung entlang der Küsten geschätzt.  Doch wenn sich das tropische Wasser mehrere Wochen um 0,8 bis 1 Grad über dem langjährigen Mittelwert erwärmt, reagieren die bunten, photosynthetisch aktiven Einzelleralgen, die mit den Korallentieren in Symbiose leben und die wichtigste Futterquelle der Korallen darstellen, hochgradig allergisch. Sie bilden giftige Substanzen und werden von den Korallen-Polypen ausgestoßen. Zurück bleiben die bleichen Korallenstöcke, die bei längerem Anhalten dieses Zustandes ebenfalls absterben.

          Korallenbleich vor Hawaii, aufgenommen im August 2015.

          Im Jahr 1998, während der bisher ausgedehntesten Korallenbleiche, sollen weltweit etwa 16 Prozent der Korallenstöcke abgestorben sein, in einigen Regionen wie Teilen des Great Barrier Riffs waren mehr als die Hälfte der Riffe um Inseln und an den Küsten für Jahre verödet. Ein dramatischer Verlust. Nicht nur, dass Korallenriffe generell eine Touristenattraktion sind, in und von ihnen leben Tausende Fischarten, ein Viertel bis ein Drittel der der Artenvielfalt im Meer soll an die Koexistenz der selbst schon extrem artenreichen Korallen gebunden sein. Es sind die sichersten Kinderstuben diverser Fischarten. Sie sind also auch die Basis für eine ganze Industrie. Schätzungsweise eine halbe Milliarde Menschen sind ökonomisch vom Gedeihen der Korallenriffe abhängig.

          Umso größer wuchsen die Sorgen im Sommer vorigen Jahres, als sich das neuerliche Bleichereignis zunächst oft lokal begrenzt vom Südpazifik aus über den Indischen Ozean und schließlich in den Nordpazifik ausbreitete. In diesem Sommer dann war Florida Leidtragender. Hauptursache: Wie 1998 die Warmwasseranomalie El Nino, die sich alle paar Jahre mit unterschiedlciher Intensität im zentralen Pazifik bildet, und Ozeane wie Atmosphäre nahezu weltweit beeinflusst.  Inzwischen hat sich dieses Phänomen zu einem der gewaltigsten Klimaanomalien der Gegenwart und einem durchaus mit 1997/98 vergleichbaren El Nino ausgewachsen.

          Wasserschildkröte, Eretmochelys imbricata, vor den Korallenstöcken um Hawaii.

          Dazu kommt, so schreibt es auch die NOAA in ihrer Alarmierungsmeldung, dass der Klimawandel die Erwärmung der Wassertemperaturen sukzessive hochtreibt. Die ozeanographischen Hürden für Korallenbleichen senken sich zusehends. Und wenn die derzeitigen Vorhersagen der Klimaforscher und Meteorologen zutreffen, dürfte sich dieser vermeintliche „Mega-El-Nino“, der die Tempteraturen teilweise um mehr als zwei Grad über dem langjährigen Mittelwert der jeweiligen Region steigen lässt, bis weit ins Jahr 2016 fortsetzen. Das bedeutet: Die Korallenbleiche wie das zu erwartende Wetterchaos hat noch lange kein Ende.

          In den nächsten Wochen werden vor allem Korallen in der Karibik leiden, ebenso vor Haiti, der Dominikanischen Republik, Puerto Rico sowie die amerikanischen Virgin Islands bis hinunter zu den Windwar Islands. Glaubt man „NOAAs Coral Reef Watch“ wird Anfang nächsten Jahres ein Höhepunkt im Indischen Ozean und im Südostpazifik sowie vor Australien zu erwarten sein. Bis zu 38 Prozent der weltweiten Riffe sollen einer neuen Berechnung zufolge stark gefährdet sein, sofern sich El Nino wie prognostiziert fortsetzt. Das hat die NOAA zusammen mit Forschern der australischen University of Queensland (UQ) ausgerechnet.

          60-Prozent-Wahrscheinlichkeit einer Korallenbleiche, gerechnet auf die nächsten vier Monate.

          Wenn man weiß, dass bereits vor Ausbruch der neuen Korallenbleiche weltweit mehr als die Häfte der Korallenriffe als bedroht gegolten hat, kann man die ökologischen Auswirkungen erahnen. Allerdings muss das nicht heißen, dass die betreffenden Küsten dauerhaft von kahlen Kalkgerippen umsäumt sein werden. Stellen sich wieder die für Korallen-Gemeinschaften adäquaten Temperaturen ein, kann es durchaus wieder zu eienr Ausbreitung kommen. Betrachtet man die gegenwärtige Erwärmungstendenz, spricht freilich auf lange Sicht nicht viel dafür, dass solche Erholungsszenarien längere Zeit Bestand haben könnten.

          Anemonenfische - ein Paradebeispiel für korallenabhängige Meeresfische.

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