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Nobelpreisträger-Manifest : Weltrettung im Namen ihrer Exzellenz

Pressekonferenz in Lindau: Links Steven Chu, Physik-Nobelpreisträger und ehemaliger amerikanischer Energieminister. Bild: Maximilian Benatar

Die Insel Mainau als politischer Vorposten der Klimaforschung: 36 Nobelpreisträger setzen sechzig Jahre nach dem Nuklearkrieg-Manifest ein Zeichen für einen neuen Weltklimavertrag.

          „Es geht nicht um das Klima, es geht um die Wissenschaft, die vor dem Klimawandel warnt.“ Brian Schmidt, australischer Astrophysiker und vor fünf Jahren mit dem Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der beschleunigten Expansion des Weltalls ausgezeichnet, hat sechzig Jahre nach der ersten „Mainau-Deklaration gegen die militärische Nutzung der Kernkraft“ ein Zeichen für die Klimapolitik gesetzt. Auf der Bodensee-Insel wurde sein Aufruf, die „Mainau-Deklaration“ für den Klimaschutz, mit den Unterschriften von 36 Nobelpreisträgern aus aller Welt veröffentlicht (siehe Kasten).

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In dieser Woche waren insgesamt 65 Laureaten mit knapp 670 ausgewählten Jungforschern aus fast neunzig Länder für die jährliche  Lindauer Nobelpreisträgertagung zusammengetroffen. Die wenigsten Vorträge und Seminare, die von den Physik-, Chemie- und Medizinnobelpreisträgern angerissen wurden, hatten etwas mit dem Weltklima zu tun. Kaum einer der Laureaten ist mit der Materie fachlich auch tatsächlich befasst. Und nur einer unter ihnen, der norwegisch-amerikanische Supraleitungsphysiker Ivar Giaever, der längst in die Biologie wechselte, nimmt sich seit ein paar Jahren die von der Nobelpreisträgerstiftung gewährte Freiheit, trotz fachlicher Unkenntnis eine Rede zur Klimaforschung zu halten - allerdings tut er das inzwischen mit einem so polemischen und provokativen Einschlag, dass er weder von den anderen Nobelpreisträgern noch von den jungen Elitestudenten ernst genommen wird. Denn Ivar Giaever gehört zum Lager der Klimaskeptiker. Er akzeptiert die Analysen, Modelle und die Schlussfolgerungen der Klimaforschung nicht.

          Initiator der Mainau-Deklaration: Brian Schmidt, australischer Astrophysiker und Nobelpreisträger von 2011.

          Giaevers Unterschrift findet man deshalb auch nicht unter der Mainau-Deklaration, die auf politisch „neutralem Boden“ abseits von Lindau publiziert wurde. Einige andere Unterschriften von Nobelpreisträgern fehlen auch, so Schmidt, weil die Laureaten dezidiert unpolitisch bleiben wollen, weil sie ihre eigene fachliche Kompetenz als zu gering schätzen, oder weil sie einfach schnell wieder aus Lindau abgereist sind. Nicht alle Laureaten können, zumal bei den in dieser Woche herrschenden Bedingungen, jeden der sechs Tage ein Vortrags-, Seminar- und Diskussionsprogramm absolvieren. Brian Schmidt, Jahrgang 1967, und Steven Chu, der Physik-Nobelpreisträger von 1997 und Obamas Ex-Energieminister, können es. Die beiden gehören zusammen mit George Smoot, amerikanischer Teilchen- und Astrophysiker, zu den treibenden Kräften für die Klimaschutz-Deklaration, die heute mittag nach einer Schiffahrt auf der Insel Mainau präsentiert wurde.

          Auf der Vorab-Pressekonferenz in Lindau machte Smoot deutlich, dass es nicht um ein fachliches, sondern um ein bewusst politisches Statement handelt. Es gehe auch darum, die mehr als sechshundert Nachwuchseliteforscher zu überzeugen, dass der Klimaschutz ein extrem wichtiges Thema sei, vor allem aber „wollen wir die politischen Führer erreichen, direkt und indirekt, und sie davon überzeugen, dass sie aus guten Gründen alles tun müssen, um die Öffentlichkeit und die Welt zu schützen.“

          Unterschriften in der „Mainau-Deklaration zum Klimawandel“.

          Im Kern geht es dem Initiator Brian Schmidt tatsächlich darum, dem Weltklimarat IPCC den Rücken zu stärken und damit den Klimapolitikern für die anstehenden Verhandlungen auf dem Klimagipfel in Paris ein starkes Fundament zu liefern. „Immer wieder ist versucht worden, vor allem in den Vereinigten Staaten und bei uns in Australien, die Arbeitsweise des IPCC ungerechtfertigt in Misskredit zu bringen„, sagt Schmidt, „es muss auch nicht alles stimmen und die Unsicherheiten bleiben, aber es ist ein beispielloser rigoroser wissenschatflicher Prozeß, der glaubwürdig ist.“ Schmidt sieht die Mainau-Deklaration als eine Art moralische Pflicht, den Wissenschaftsprozess zu stützen.  Klar sei, sagt Schmidt in dem Interview, das wir in Kürze in voller Länge veröffentlichen, „dass die Klimaforschung noch nicht alles weiß über die Ursachen und Folgen des stark beschleunigten Klimawandels, aber genug, um politisch zu handeln“.   

          Übersetzung der „Mainau-Deklaration“

          Wir unterzeichnenden Wissenschaftler, die mit Nobelpreisen ausgezeichnet wurden, sind an den Bodensee gekommen, um unsere Erkenntnisse mit vielversprechenden jungen Forschern zu teilen, die wie wir aus der ganzen Welt kommen. Vor fast 60 Jahren hat hier auf der Insel Mainau ein ähnliches Treffen der Nobelpreisträger stattgefunden. Sie gaben eine Erklärung zu den Gefahren der neu entdeckten Nuklearwaffen-Technologie ab — eine Technologie, die durch Fortschritte in der Grundlagenforschung entstand. Bisher konnten wir einen Atomkrieg vermeiden, obwohl die Bedrohung immer noch besteht. Nachfolgende Generationen von Wissenschaftlern haben dazu beigetragen, die Welt immer wohlhabender zu machen. Dieser Wohlstand wurde auf Kosten eines weltweit rasch ansteigenden Rohstoffverbrauchs erzielt. Wenn wir dem nicht entgegensteuern, so wird die Erde schließlich nicht mehr in der Lage sein, den Bedürfnissen der Menschheit gerecht zu werden und unsere ständig zunehmende Nachfrage nach Nahrung, Wasser und Energie zu decken. Und dies wird zu einer umfassenden menschlichen Tragödie führen. Bereits jetzt beobachten Klimaforscher die negativen Auswirkungen menschlichen Handelns.

          Als Reaktion auf die Möglichkeit eines durch Menschen verursachten Klimawandels haben die Vereinten Nationen den Zwischenstaatlichen Ausschuss über Klimaveränderung IPCC ins Leben gerufen, um den Regierungen der Welt einen Überblick über den aktuellen Stand der maßgeblichen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu vermitteln. Auch wenn er bei weitem nicht perfekt ist, so glauben wir doch, dass die Bemühungen, die zum aktuellen Fünften Sachstandsbericht des IPCC geführt haben, eine der besten Informationsquellen über den heutigen Kenntnisstand zum Klimawandel hervorgebracht haben. Wir behaupten das nicht als Experten auf dem Gebiet des Klimawandels, sondern vielmehr als eine vielfältige Gruppe von Wissenschaftlern, die Hochachtung vor der Integrität des wissenschaftlichen Prozesses haben und ein tiefes Verständnis dafür aufbringen.

          Obwohl über das genaue Ausmaß des Klimawandels noch Ungewissheit herrscht, so sind die Schlussfolgerungen der wissenschaftlichen Community, die im jüngsten IPCC-Bericht enthalten sind, alarmierend - vor allem im Zusammenhang mit den genannten Risiken, die eine Aufrechterhaltung des menschlichen Wohlstands angesichts eines Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur von mehr als ein 2 ° C mit sich bringen würde. Im Bericht kommt man zu dem Schluss, dass die von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen die wahrscheinliche Ursache der derzeitigen globalen Erderwärmung sind. Prognosen mittels Klimamodellen weisen darauf hin, dass diese Erwärmung mit großer Wahrscheinlichkeit im kommenden Jahrhundert zu einer Temperatur führen wird, die mehr als 2 ° C über dem vorindustriellen Niveau liegt, sofern die von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen in den kommenden Jahrzehnten nicht drastisch gesenkt werden.

          Der Bewertung des IPCC zufolge muss die Welt rasche Fortschritte bei der Senkung aktueller und zukünftiger Treibhausgasemissionen erzielen, um die wesentlichen Risiken des Klimawandels zu minimieren. Wir sind der Meinung, dass die Nationen der Welt die Chance der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 nutzen und entschlossen handeln müssen, um die künftigen Emissionen weltweit zu begrenzen. Dieses Ziel wird die Zusammenarbeit aller Nationen erfordern, ganz gleich, ob Industriestaat oder Entwicklungsland, und es muss in Übereinstimmung mit aktuellen wissenschaftlichen Bewertungen bis in die Zukunft aufrechterhalten werden. Untätigkeit würde bedeuten, dass wir künftige Generationen der Menschheit einem unzumutbaren Risiko aussetzen.

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