05.08.2010 · Wie knackt man den Mann, der als erster Mensch auf dem Mond war und seither über seine Pioniertat schweigt? Er tut fast so, als wäre er nie dort gewesen. Eine Begegnung mit Neil Armstrong, der heute achtzig Jahre alt wird.
Von Frank SchirrmacherNein, ich habe Neil Armstrong nicht gebeten, seinen berühmtesten Satz noch einmal vor laufender Kamera zu wiederholen, obwohl einige das anregten. „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Schritt für die Menschheit.“ Aber Armstrong sieht sich diesen Satz sagen, als der Zusammenschnitt der wichtigsten Etappen der Mondlandung läuft, und man kann seinen Gesichtsausdruck studieren. „Das ist eine sehr sehr große Rakete“, sagt er, als die Saturn zu sehen ist. „Das ist ein sehr sehr kleines Raumschiff“, sagt er, als die Mondlandefähre zu sehen ist. Und da, wo ein Astronaut aus der Fähre steigt und den Mond betritt, sagt er nicht: „Das bin ich“, und auch nicht, was nahegelegen hätte, dass das ein sehr kleiner Mensch auf einem sehr großen Mond sei. Er schaut seltsam alarmiert. Später wird er sagen, er habe befürchtet, zum tausendsten Mal erklären zu müssen, wie er auf die Worte kam. Er sagt das mit der Erschöpfung eines Schlagerstars, den das Publikum seit Generationen immer wieder zwingt, seinen einen großen Ohrwurm zu singen.
Armstrong, so hat Norman Mailer nach der Mondlandung geschrieben, gehöre künftig zu jener winzigen Gruppe von Menschen, „die für alle Zeiten immer wieder zitiert werden“. Er hat nicht ahnen können, welche Konsequenz Armstrong daraus ziehen würde. Zum Schrecken der Nasa, die die Werbetrommel rühren wollte, begann er praktisch unmittelbar nach der Rückkehr zur Erde zu verstummen.
Keiner war einsilbiger als er, keiner in seiner unpoetischen Lakonik ein größerer Schrecken für die Journalisten. Der „Eremit von Cincinnati“, wie ihn die amerikanische Presse nannte, war nicht einmal beim Start der letzten Apollo-Rakete zu einem Statement bereit und hat niemals ein Fernsehstudio betreten. Selbst in David Singtons 2007 produziertem, preisgekröntem Film „Im Schatten des Mondes“ taucht Armstrong nicht auf.
Und als er damit fertig war, betrat er den Mond
„Herr Armstrong redet nicht mit Reportern.“ Der vorbereitete Absagebrief seiner Sekretärin wurde legendär. Herr Armstrong gab auch keine Unterschriften, weil sie für viel Geld verkauft wurden (zum letzten Mal vor einem Monat von einem Zollbeamten, der Armstrongs Zollerklärung im Internet verkaufen wollte), und er wechselte den Friseur, nachdem er herausgefunden hatte, dass sein Haar verhökert werden sollte. Gewiss, manchmal hielt er Vorträge. Zu dem wenigen, das man von ihnen gehört hat, zählt, dass sich sein exklusives Publikum beschwerte, weil er über das gesamte Apollo-Programm redete, aber mit keinem Wort seine Zeit auf dem Mond erwähnte.
„Vielleicht schweigt er seit vierzig Jahren, weil er in Wahrheit gar nicht auf dem Mond war?“ Armstrong weiß noch nicht, dass es dieser Satz war, der ihn zum ersten Mal in ein Fernsehstudio brachte. Er stammt von einem Redakteur von „Servus-TV“ und fiel in der Redaktionssitzung, als es um die Vorbereitungen zum achtzigsten Geburtstag von Neil Armstrong ging. Servus TV hat leider keinen besonders attraktiven Namen, aber ein gutes Programm. Der Sender gehört zu Red Bull, und Red Bull gehört Dietrich Mateschitz, und offenbar verströmt der mindestens ebenso scheue und stumme Mateschitz unter seinen Leuten das Gefühl, dass man mehr erreichen kann, als man denkt. Jedenfalls sagte Wolfgang Pütz, der Chef des Senders: „Dann müssen wir mit Armstrong reden.“
Das war nach Lage der Dinge größenwahnsinnig. Milliardäre hatten sich von dem Astronauten einen Korb geholt, am Geld konnte es also nicht liegen. Warum Armstrong dennoch kam, sah man am Nachmittag im Technikmuseum am Salzburger Flugplatz, wo die Sendung stattfinden sollte und wo sich eine legendäre Sammlung historischer Flugzeuge befindet, die auch alle Dietrich Mateschitz gehören. Gerne hätte man, wenn nicht alles so geheim hätte sein müssen, den landenden Festspiel-Besuchern zugeraunt: „Sehen Sie dort den älteren Herrn mit dem kurzärmeligen Hemd, der in jedes einzelne dieser alten Flugzeuge steigt? Der hat jedes einzelne dieser Flugzeuge schon selbst geflogen. Und als er damit fertig war, betrat er als erster Mensch den Mond.“
Die Liebenswürdigkeit verschwindet aus seinem Gesicht
Das hätte viele überrascht. Armstrongs Abwesenheit ist so vollkommen, dass viele denken, er wäre längst tot. Die, die ihn erkennen, mustern ihn fast alle auf eine Weise, die seine Körpersprache beeinflusst, weil er schon zu wissen scheint, was kommt. Er rechnet nicht mit langem Augenkontakt, sondern damit, dass die Augen auf den Boden wandern. Denn das Gehirn versucht, eine Verbindung herzustellen zwischen diesem Mann und dem weißen Geschöpf, das die Leiter der Mondfähre heruntersteigt. Viele schauen fast instinktiv auf seine Füße. Die ganze Mondlandung ist ein Metaphernsturm von Tritt, Schritt, Fuß, Sprung. Das Allererste, was Armstrong auf dem Mond fotografierte, war sein Stiefelabdruck im Staub. „Piloten mögen es nicht herumzulaufen“, sagt er. „Piloten möchten fliegen.“Und dennoch diese Betonung des aufrechten Ganges? Wernher von Braun hatte vorher gesagt: „Ich halte dieses Ereignis für ebenso wichtig wie jenen Augenblick im Ablauf der Menschheitsentwicklung, in dem das Leben aus den Meeren auf das feste Land kroch.“ Wahrscheinlich erinnerte sich Armstrong an dieses Bild, als er seinen berühmten Satz auf die Erde funkte - ein Satz, der jetzt aber, bei der Begegnung, nicht zur Sprache kommt.
Wer mit Armstrong spricht, hat das Gefühl, ihn verschonen zu müssen. Was haben Sie gefühlt? Was haben Sie gedacht? Was ging in Ihnen vor? Er hasst diese Sätze, und er hat darauf noch nicht einmal wie der Astronaut Ed Mitchell geantwortet, der bemerkte: „Ich wusste nicht, was Gefühle waren.“ Als sich Armstrong jetzt wie ein Offizieller vorstellt und von der Ehre und all dem spricht, verschwindet alle Liebenswürdigkeit aus seinem Gesicht. Dabei ist er die Liebenswürdigkeit in Person. Wenn der Astronaut Thomas Reiter am Abend sagen wird, die Küche im Weltraum sei jetzt viel besser als zu Zeiten der ersten Mondlandung, reagiert er darauf, als wäre er selbst nie im All gewesen. In seinem Hotelzimmer wartet eine Sacher-Torte, die er, wie sich später herausstellen wird, unangetastet zum familiären Genuss mit nach Amerika nehmen wird. Man kann Felsen vom Mond zur Erde zurückbringen und eine Sachertorte von Europa in die Vereinigten Staaten transportieren. Daran ist nichts merkwürdig außer der Frage, wie es sich anfühlt, wenn man der erste Mensch ist, der beides getan hat.
Wie es sich im All anfühle, könne man nicht beschreiben. Aber man könne es selbst nachempfinden, und zwar in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, ein Film, der einer ganzen Generation, und zwar den Kindern der Mondlandung, zum Ereignis wurde. Armstrong liebt den Film. Er sagt, Kubrick zeige wirklich, wie das Weltall sei. Und das Mystische, das Kubricks Film so unvergesslich macht? Es ist die Gegenwelt von Armstrong, jene Welt, die er gern an Filme abtreten würde. Seit 41 Jahren forschen die Menschen danach, ob er nicht irgendeine Botschaft hat, eine, für die man nur die richtige Frage braucht, um sie zu empfangen. Man selbst kann sich dieser Sehnsucht nicht entziehen. Wie knackt man Armstrong? Wo ist das Geheimnis? Wo das Rätsel? Er merkt das. Und er baut Pausen in seine Antworten ein, die so lange wirken, wie die Pausen zwischen den Funksprüchen von Erde zu Mond. Es muss, wie einer seiner Kollegen im „Schatten des Mondes“ sagt, sehr schwer sein, diese Rolle zu spielen.
Das war reiner Zufall
Vielleicht ist Armstrong der schweigsamste unter denjenigen, die etwas zum ersten Mal gemacht haben, gewiss ist er einer der wahrhaftigsten und bescheidensten. „Ich habe den Ruhm nicht verdient“, sagte er in einem seiner seltenen Interviews, und was er damit meint, wird an diesem Abend klar. Hier fuhr einer zum Mond, der, anders als alle Entdecker und Forscher vor ihm, das Gefühl hatte, dass er nicht fuhr, sondern gefahren wurde, dass er nicht wählte, sondern gewählt wurde. Es ist die anti-existentialistische Erfahrung schlechthin.
Schon Kennedys berühmte Rede machte aus den Astronauten so etwas wie die Küken des Leviathan: Wir setzen Menschen in ein Raumschiff, wir werden sie zum Mond schicken, wir werden sie wieder sicher zurückbringen. Das ist nicht Kolumbus. Es ist, wie Armstrong erzählt, noch nicht einmal die Wahl eines Schicksals; denn dass er der erste Mann auf dem Mond war, das war reiner Zufall.
Und so kann man ihn, diesen ebenso vornehmen wie leise irritierten Mann, verstehen. Alles, was er nach der Mondlandung tat, war nichts anderes als der Versuch, dem Schicksal, das ihn wählte, nachträglich gerecht zu werden. Die wirkliche Heldenarbeit kam danach: keine Werbung, keine Publicity, keine Sätze, die die Mondlandung zu irgend etwas anderem machen als der Landung auf einem Felsbrocken im Weltall. In wessen Namen? Der Vereinigten Staaten, der Menschheit, der Uno? Das war die Frage, als sie sich in letzter Minute überlegten, welche Flagge auf dem Mond gehisst werden sollte. Ist das Ziel der Mond oder die Erde, die Erfahrung, sie als einzigen Lebensort in einem leeren Universum von außen zu sehen? „Haben Sie sich mehr auf die Landung auf den Mond oder auf die Landung auf die Erde gefreut?“ Armstrong schweigt sehr lange und beantwortet die Frage letztlich nicht. Der empirische Neil Armstrong sitzt hier in Salzburg und wird gleich einen Wodka bestellen. Der andere - und dieses Gefühl kennt unter allen Lebenden nur er - vertritt etwas, für das es keine Flagge gibt und worauf man sich vielleicht nicht gerne reduzieren lässt: den Homo sapiens.
Diese Energie, diese Kooperation unter Menschen
Wie perfekt er die Arbeitsteilung zwischen dem Armstrongschen Gattungswesen und Mr. Neil Armstrong perfektioniert hat, erkennt man, wenn man ihm Fragen stellt, die ihm so schon vor 41 Jahren gestellt wurden. „Was hätten Sie getan, wenn die Mondfähre nicht wieder vom Mond abgehoben wäre?“ „Daran durften wir nicht denken“, sagte er damals. Und heute sagt er: „Ich denke immer positiv.“ „Denken Sie, dass Sie da oben waren, wenn Sie den Mond sehen?“ „Nein, niemals, aber ich schaue mir gerne die Sterne an.“ Heute: „Es gibt genügend andere, die mich daran erinnern.“ Es gibt keine dieser Fragen, die Armstrong nicht schon gestellt worden wären. „Es gibt Menschen, die an der Landung zweifeln. Mal ehrlich: Waren Sie wirklich auf dem Mond?“ Lange, lange Funkstille, ehe er es mit einem einzigen Wort bestätigt.
Es gibt keine Botschaft von outer space, jedenfalls im Moment nicht. Die Botschaft kommt von der Erde. Hätte Kennedy nicht das Ziel von zehn Jahren gesetzt, in denen der erste Mensch auf dem Mond abgesetzt werden würde, dann wäre all das nie geschehen. Armstrong betrat den Mond sechs Monate, bevor dieses Ultimatum ablief. „Diese Energie, diese Kooperation unter Menschen wären nie ohne dieses Ziel möglich gewesen.“ Wie muss es gewesen sein, als er später erfuhr, dass sich viele Journalisten schon nach einer Viertelstunde Mondlandung zu langweilen begannen? Er ist der Letzte, den das wundert. Er selbst musste sich motivieren während des harten Trainings, den ewigen Routinen. Er tat es mit Literatur, mit Science-Fiction-Romanen, die er, einer der leidenschaftlichsten Leser bis heute, verschlang. Doch die Prosa dieses Unternehmens war anders, sie war Gift für die exaltierten Seelen der Welt, nur Zahlen, Codes, Abkürzungen. Bis zu diesem einen Moment, den man auf Youtube mit Gänsehaut nachempfinden kann, und zwar am besten in der Version wo Walter Cronkite moderiert: „Houston, hier Basis im Meer der Ruhe. Der Adler ist gelandet.“ Es ist der zweite berühmte Satz. Beide sind das Maximum an Poesie in dieser Operation.
Erst nach Stunden ist Armstrong bereit, etwas darüber zu sagen, was er selbst für seine Leistung hielt. Er sagt nichts von der „Landung auf dem Mond“, wie das ganze Bibliotheken tun, die über Apollo 11 geschrieben wurden. Nichts von den letzten Sekunden vor der Landung, als er gegen den Computer entschied und dann mit den letzten Tropfen Treibstoff einen anderen Landeplatz suchte. Er sagt: „Meine Leistung besteht letztlich darin, dass ich etwas verlassen habe.“ Er meint damit die Landefähre. Nichts fasst ihn besser als dieser Minimalismus, ein Bild, das man nur versteht, wenn man es mit den Augen eines Piloten liest. „Herausgehen“ ist für einen Pilot der Tod. Kolumbus ist in Amerika „an Land gegangen“, Amundsen hat den Südpol „erreicht“ - Armstrong sieht sich anders: Er ist aus einem Gerät, das seine Kollegen mit einer Campbell-Suppendose vergleichen, ausgestiegen. Das ist Armstrongs Version der Geburtsmetapher von „2001: Odyssee im Weltraum“.
Die wirkliche Herausforderung der Götter
Irgend etwas ist in der Tat neu geboren worden, wenn Menschen bewiesen haben, dass sie auf anderen Planeten landen können. Von diesem Wissen gibt es keinen Weg zurück. Aber das ist sozusagen das Kapitel Homo sapiens. Für die empirischen Menschen - für die, die wie wir niemals diese Bilder, die in unsere Kindheit scheinen, vergessen haben, für Mr. Neil Armstrong, dem seine Unterschriften geklaut werden - gibt es aber auch keinen empirischen Weg zurück. Niemand hätte gedacht, dass so bald schon Schluss sein würde mit den Mondbesuchen. Längst hätten wir auf dem Mars sein sollen. Und nach Lage der Dinge, nachdem die Nasa von einst zerfallen ist, werden wir es zu unseren Lebzeiten auch nicht mehr erleben. Immerhin wissen wir dank Armstrong, dass wir theoretisch flüchten könnten.
Bleibt er, dieser wirkliche Held seines eigenen Nachruhms. Er wird heute achtzig Jahre alt. Er bezauberte alle, die mit ihm sprachen. Dass er da war, erfuhren die Premierengäste der Salzburger Festspiele nicht, als sie mit ihren Flugzeugen an Hangar 7 vorbeirollten. In Salzburg redeten an diesem Tage alle von Peter Steins Inszenierung des „Ödipus auf Kolonos“. Eigentlich ist das Stück nichts anderes als die Geschichte eines Blinden auf einem Hügel, aber es bewegt noch 2500 Jahre nach seiner Uraufführung ganze Flotten von schwarzen S-Klassen.
Es geht darum, wie man trotz erwiesener Unfähigkeit doch noch zum Helden werden kann. Leider gehört Ödipus zu der Art von Leuten, die nicht bei sich, sondern beim Team den Fehler suchen. „Apollon war's, Apollon Freunde / der meine, meine schlimmen, schlimmen Leiden vollbrachte.“ Das sagt er im ersten Teil der Tetralogie dieses antiken Apollo-Programms. Und dann war da Mr. Armstrong, dessen Worte wahrscheinlich auch noch in 2500 Jahren gelesen, gehört und gesendet werden. Einer, der zeigt, dass die wirkliche Herausforderung der Götter darin besteht, dank Leistung ein Held geworden zu sein.
Das Interview Frank Schirrmachers mit Neil Armstrong wird am heutigen Donnerstag um 21.05 Uhr bei Servus TV („Talk im Hangar 7“) ausgestrahlt und ist auch per Livestream im Internet unter www.servustv.com zu sehen.