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Freitag, 17. Februar 2012
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Vereinigte Staaten Amerika schießt Spionagesatelliten im All ab

21.02.2008 ·  Trotz Protesten von China und Russland haben die Amerikaner in der Nacht zum Donnerstag einen außer Kontrolle geratenen Spionagesatelliten abgeschossen. Dieser drohte unkontrolliert auf die Erde zu stürzen und giftige Stoffe freizusetzen.

Von Günter Paul
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Die amerikanische Armee hat einen defekten Satelliten abgeschossen, um einem unkontrollierten Aufprall auf die Erde vorzubeugen. Der Spionagesatellit sei in der Nacht zum Donnerstag in 210 Kilometer Höhe über dem Pazifik getroffen worden, teilte ein Pentagonsprecher mit.

Eine erste Untersuchung habe ergeben, dass der Treibstofftank mit 450 Kilogramm giftigem Hydrazin wie geplant zerstört worden sei. Wenn dieser Treibstoff in einer bewohnten Region niedergegangen wäre, hätte nach amerikanischen Angaben eine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung bestanden. Deshalb entschloss sich das Verteidigungsministerium zum Abschuss. Dazu wurde eine Rakete des Typs SM-3 („Standard Missile III“) vom Kreuzer „Lake Erie“ aus abgeschossen. Dieser war so unter der zu erwartenden Flugbahn des Satelliten platziert worden, dass der Satellit von dort aus ohne Schwierigkeiten mit der Boden-Luft-Rakete zu erreicht werden konnte. Innerhalb von fünf Minuten, so die Berechnungen, dürfte die Rakete mit einer Geschwindigkeit von 9,8 Kilometern pro Sekunde auf den Satelliten getroffen sein. Dieser umkreiste mit 27.000 Kilometern in der Stunde die Erde. Russland verdächtigt die Vereinigten Staaten, die Gelegenheit zu nutzen, um die Wirksamkeit eigener Raketen bei Hochgeschwindigkeitszielen zu testen. Die Angelegenheit hat also schon zu diplomatischen Verstimmungen geführt.

„Notam“ hatte Zeitpunkt verraten

Der genaue Zeitpunkt des Abschusses war naturgemäß zuvor nicht bekannt gewesen. Schon seit einigen Tagen war daher in Diskussionsforen im Internet heftig über eine „Notam“ debattiert worden. Die „Notice To Airmen and Marines“ war prompt für diesen Donnerstagmorgen von der militärischen Luftkontrolle in Hawaii verschickt worden. In ihr wurde offenbar eine bestimmte Region im Pazifik für den 21. Februar von 3.30 Uhr bis sechs Uhr mitteleuropäischer Zeit zum Sperrbezirk erklärt. Die Diskussionsteilnehmer in den Foren und etliche Weltraumspezialisten waren daher davon überzeugt, dass diese Sperrung mit dem Abschuss eines amerikanischen Aufklärungssatelliten mit der nichtssagenden Bezeichnung USA 193 zusammenhängt und der Abschuss damit unmittelbar bevorstehe - was sich nun bewahrheitet hat.

Weil es sich bei dem am 13. Dezember 2006 gestarteten Satelliten, dessen Abschuss Präsident Bush in der vergangenen Woche freigegeben hatte, um ein extrem geheimes Objekt handelt, waren von Washington nur die nackten Bahndaten veröffentlicht worden. Bekannt war aber, dass die Kontrolle über den Satelliten kurz nach dem Start verloren gegangen war. Amateure hatten bestätigt, dass USA 193 knapp zwei Tage nach dem Start seine letzten Signale zur Erde sendete. Nach einem Amateurfoto war der Satellit vier bis fünf Meter lang, er dürfte sieben bis elf Tonnen Masse gehabt haben.

Wegen des frühen Kontrollverlusts war der Treibstofftank des Satelliten noch fast voll. Man schätzte, dass noch eine halbe bis eine ganze Tonne des giftigen Treibstoffs Hydrazin im Tank war. Als sich die Lebenszeit des verhältnismäßig niedrig fliegenden Satelliten ihrem Ende näherte und wegen der ständigen Abbremsung für Ende dieses Monats oder den März mit einem Absturz zu rechnen war, hatte man die Risiken abzuwägen: Der Tank würde wegen seiner Größe nicht verglühen, sondern beim Aufprall auf der Erde zerbersten, das giftige Hydrazin würde freigesetzt. Das zu vermeiden, war der offizielle Grund für den Abschuss über dem Pazifik.

Kritik an chinesischem Abschuss

Allerdings: Vom bislang größten ungesteuert abgestürzten Weltraumobjekt, der 78 Tonnen schweren amerikanischen Raumstation Skylab, sind im Juli 1979 größere Trümmerstücke auf das gering besiedelte Westaustralien gefallen. Im Jahr davor war ein russischer Radaraufklärungssatellit, Kosmos 954, mit einem Atomreaktor an Bord über Nordkanada niedergegangen, wobei sich radioaktives Material weit verbreitete. Die russische Raumstation Saljut 7 stürzte Anfang 1991 über Argentinien ab. Fünf Jahre danach fiel die russische Raumsonde Mars 96 mit Plutonium an Bord auf Bolivien.

Als die Volksrepublik China im Januar 2007 einen ausgedienten Satelliten in 865 Kilometer Höhe abschoss, entstanden rund 2600 beobachtbare Bruchstücke, die noch jahrelang als Weltraumschrott die Erde umkreisen und ein Risiko für andere Satelliten darstellen werden. USA 193 hat sich der Erde dagegen schon auf etwa 240 bis 250 Kilometer genähert, so dass der größte Teil des beim Abschuss entstehenden Weltraumschrotts rasch verglüht sein wird. Die Chinesen haben also keinen stichhaltigen Grund, nun die Amerikaner anzuklagen. Nach den Rechnungen wird die Hälfte der Schrottteilchen schon nach einem halben Umlauf um die Erde verschwunden sein, und 99 Prozent sind nach einer Woche beseitigt.

Das ist wichtig, denn für den 8. März ist der erste Start des europäischen Raumtransporters ATV vorgesehen, dessen Flug zur Internationalen Raumstation ISS nicht durch Trümmer gefährdet werden darf. Die Landung der Raumfähre Atlantis am Mittwoch musste aus denselben Sicherheitsgründen abgewartet werden.

Quelle: F.A.Z., 21.02.2008, Nr. 44 / Seite 9
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