24.08.2004 · Wenig aussagekräftig ist der Untersuchungsbericht zum Verlust des Mars-Landers Beagle 2. Lag es an atmosphärischen Störungen, Streitereien mit der Esa oder an der zu dünnen Personaldecke?
Von Günter PaulFür die europäische Raumfahrt ist Weihnachten 2003 kein frohes Fest gewesen. Europas erstes Marslandegerät, Beagle2, das am 25. Dezember auf dem Roten Planeten niedergegangen ist, meldete sich nicht. Auch danach konnte kein Kontakt mehr zu dem Instrumententräger hergestellt werden. So blieb offen, ob Beagle2 hart auf dem Planeten aufgeschlagen und dabei zerstört worden oder was sonst mit ihm passiert war. Die Beagle-2-Mannschaft an der University of Leicester, die zusammen mit der Open University und der Firma EADS Astrium für die Entwicklung des Landegeräts verantwortlich war, hat jetzt die Ergebnisse der Untersuchung dieser Panne in einem ausführlichen Bericht ("Mission Report") veröffentlicht und in einem zweiten Bericht ("Lessons Learned") Maßnahmen empfohlen, mit denen man ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit für das Mißlingen künftiger Missionen verringern kann.
Beagle2 ist ursprünglich kein Bestandteil der europäischen Marsmission gewesen. Erst im Jahr 2000 erklärte sich die europäische Raumfahrtbehörde Esa bereit, ein kleines britisches Landegerät mit der Raumsonde Mars Express mitfliegen zu lassen. Beagle2 sollte am 19. Dezember vom Mars Express zum Roten Planeten hin katapultiert werden. Eine Kurskorrektur nach dem Abtrennen von der Sonde war nicht vorgesehen. Das Landegerät sollte im übrigen ohne Kontakt mit der Erde in der Ebene Isidis Planitia aufsetzen. Erst wenn es sich später gemeldet hätte, wäre klar geworden, ob das Vorhaben erfolgreich gewesen ist. Daten über den Verlauf der kritischen Phase wurden nicht gespeichert.
Harter Aufprall durch „dünne“ Atmosphäre?
Der "Mission Report", in dem jeder einzelne Schritt analysiert wurde, hat keine Klarheit über die Vorfälle gebracht. Er hält fest, daß es nicht gelungen ist, Beagle2 auf den Fotos von der Marsumlaufbahn aufzuspüren, und daß die Mission bis zum letzten Kontakt bei der Trennung vom Mars Express weitgehend reibungslos verlaufen ist. Zwar hat es Hinweise darauf gegeben, daß sich am Mars Express ein wenig Eis angesammelt hatte, aber einen Einfluß auf den Verlauf der Ereignisse dürfte das nicht gehabt haben.
Diverse mögliche technische Pannen wie ein Zerbrechen des Hitzeschutzschildes werden in dem Bericht angeführt, ohne daß sich daraus zwingende Konsequenzen herleiten ließen. Interessanter ist, daß ein Meßinstrument an Bord des Mars Express Anfang Januar 2004 eine ungewöhnlich "dünne" Atmosphäre 20 bis 40 Kilometer über der Oberfläche des Roten Planeten registrierte. Hätten diese Zustände auch während des Landeanflugs von Beagle2 geherrscht, hätte dies - ebenso wie technische Defekte - zu einem harten Aufsetzen und zu einem Verlust des Landegeräts führen können. Man weiß allerdings nicht, wie verläßlich die Daten sind, weil sie von allen bekannten Modelldaten abweichen.
Entwickler unter großem Druck
Tiefe Einblicke in die Phase der Entwicklung des Landegeräts, die außerordentlich vielsagend sind, liefert der Bericht "Lessons Learned". Er stützt sich zwar darauf, daß der Entwurf "adäquat" gewesen sei, hebt aber mehrfach hervor, unter welch heftigem Zeit- und Gelddruck die Entwicklung gestanden habe. Außerdem sei man von der Masse des Geräts her extrem eingeschränkt gewesen. Das damit verbundene Risiko sei bekannt gewesen, dem hätte aber das hohe wissenschaftliche Potential gegenübergestanden.
Ein gravierender Mangel bestand zweifellos darin, daß ein amerikanisches Unternehmen "kritische" Komponenten für die Anflug- und Landephase liefern sollte, über die den britischen Wissenschaftlern nach den Gesetzen der Vereinigten Staaten Konstruktionsdetails vorenthalten werden mußten. Als das Unternehmen ausschied, entstand zwangsläufig eine Wissenslücke, die in dem Bericht heruntergespielt wird. Unter anderem werden die Schwierigkeiten bei der Anpassung amerikanischer Airbags an die Beagle-2-Mission geschildert. Die vergrößerten Airbags hätten unter anderem eine zusätzliche Schutzschicht benötigt, damit hätte man aber den Rahmen des Möglichen gesprengt. Gleichwohl wird die Technik als hinreichend eingestuft.
Zu wenige Tests
Eingestanden wird in dem Bericht die geringe Zahl der Tests einzelner Komponenten und ganzer Systeme, die nach gängiger Meinung unbedingt erforderlich gewesen wären. Den britischen Wissenschaftlern war dieser Mangel schon mehrfach vorgeworfen worden. Jetzt heißt es dazu nur, Zeit und Geld hätten gefehlt. Im übrigen habe es die Esa versäumt, die ihnen von den Briten angebotenen Daten - unter anderem Filmaufnahmen - zu überprüfen. Als sei die Esa für die Mißstände verantwortlich.
Die in dem Bericht aufgeführte Liste an Empfehlungen für künftige Missionen ist lang. Unter anderem enthält sie den "überraschenden" Rat, man solle für genügend Personal sorgen, um die Überlastung einzelner zu verhindern. Ob das die Nasa dazu bringen wird, dem Wunsch der Briten zu entsprechen, auf einer der amerikanischen Marsmissionen einen Beagle mitfliegen zu lassen?