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Schavans Astronomie-Coup : „Wir reden noch nicht über Finanzen“

Die Radiogalaxie Centaurus A (violett) in einer Montage zum Vergleich mit dem Vollmond Bild: SKA Africa/CSIRO

Das künftige Megateleskop SKA, eines der größten Forschungsprojekte der Geschichte, war kein deutsches Thema. Bis Forschungsministerin Schavan nach Südafrika flog.

          Es ist das nächste große Ding in der Forschung, ein neuer Superlativ. In drei Jahren soll es losgehen, und in vielleicht zwölf Jahren sollen damit jeden Tag zehn bis hundert Mal so viele Daten erzeugt und gespeichert werden, wie heute täglich durchs Internet fließen – zehn Terabyte pro Sekunde. Das ist eine Datenmenge, die 2,5 Millionen Musiktiteln entspricht – und das in jeder Sekunde. Hundert Mal mehr Daten, als das Teilchengroßprojekt LHC am Cern in Genf erzeugt.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Rede ist vom „Square Kilometer Array“, kurz SKA, dem größten internationalen Teleskop-Projekt der Welt. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hatte für das Projekt bisher nicht viel übrig. Im Gegenteil: Mit multinationalen Großprojekten wie dem Fusionsreaktor Iter, die finanziell oft genug auf den volkswirtschaftlichen Spuren Griechenlands wandeln und regelmäßig mit bösen Kostenexplosionen überraschen, war sie bedient. Doch nun, in der heißen Phase der Entscheidung um SKA, hat sich auch die Bundesforschungsministerin plötzlich entschieden, mitzuwirken.

          Deutschland soll Vollmitglied im SKA-Organisationskomitee werden. Das hat die Forschungsministerin auf ihrer Südafrika-Reise der südafrikanischen Ministerkollegin Naledi Pandor vor der Eröffnung des deutsch-südafrikanischen Wissenschaftsjahres mitgeteilt.

          Eine Million Euro Mitgliedsbeitrag

          Mindestens eine Million Euro Mitgliedsbeitrag muss Deutschland damit für das astronomische Megaprojekt aufbringen und wird, sobald die Aufnahme offiziell ist, das zehnte Mitglied in der SKA-Organisation werden. Bisher sind lediglich fünf große Länder beteiligt, die nicht selbst Bewerber für das Megateleskop sind. Dazu kommen die beiden Länderkonsortien um Südafrika auf der einen sowie Australien und Neuseeland auf der anderen Seite, die sich in einem politisch wie wissenschaftlich extrem engen Rennen um den Standort des Riesenteleskops bewerben.

          Forschungsministerin Annette Schavan sprach zur Eröffnung  des deutsch-südafrikanischen Wissenschaftsjahres mit Südafrikas Ministerin Naledi Pandor
          Forschungsministerin Annette Schavan sprach zur Eröffnung des deutsch-südafrikanischen Wissenschaftsjahres mit Südafrikas Ministerin Naledi Pandor : Bild: BMBF/Ralf Hirschberger

          Das größte Radioteleskop der Welt soll aus einer Ansammlung von Einzelteleskopen bestehen, jedes so groß wie ein dreistöckiges Haus, die zusammen genommen eine Gesamtspiegelfläche von einem Quadratkilometer haben werden. Allerdings werden viele der Teleskope rund um einen eng mit Antennenschüsseln besetzten Kernbereich spiralig angeordnet und so weit auseinander stehen, -nämlich über tausende von Kilometern verstreut -, dass die Radiowellensignale aus dem Weltraum in einer nie dagewesenen Auflösung empfangen werden. Fünfzig Mal so empfindlich wie die bisherigen Radioteleskope und zehntausend Mal so schnell soll SKA arbeiten. Baukosten: 1,5 bis zwei Milliarden Euro, geschätzter Operations- und Wartungsaufwand: 200 Millionen Euro pro Jahr.

          Die Entscheidung für den afrikanischen oder australisch-neuseeländischen Standort ist erst vor wenigen Tagen von dem dafür eingesetzten SKA-Gremium zum wiederholten Mal verschoben worden. Mitte März waren unveröffentlichte – und bislang unbestätigte - Berichte des „SKA Site Advisory Comitee“ durchgesickert, wonach die Bewerbung Südafrikas leicht im Vorteil sei. Vor wenigen Tagen ist abermals eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden. „Am 15. oder 16. Mai erwarten wir eine endgültige Entscheidung“, sagte Südafrikas Ministerin Pandor bei dem Treffen mit Schavan in Kapstadt. „Afrika ist bereit für SKA.“

          Afrika hat mächtig aufgeholt

          Das Megaprojekt ist längst ein Politikum, auch wenn die politisch Verantwortlichen dies abstreiten: „Standortentscheidungen für Forschungsinfrastrukturen dieser Dimension müssen wissenschaftsgetrieben sein“, sagte Schavan, und sekundierte damit Pandor, die eine „Entscheidung für die Wissenschaft“ forderte – aber natürlich eine positive für Afrika erwartet. Den Segen und „die besten Wünsche“ Schavans hat sie: „Ich bin überzeugt, dass Afrika jetzt in einer guten Situation ist, eine solche Infrastruktur aufzubauen.“ Vor zehn Jahren war das noch anders. Damals, als man in Afrika die Planungen für SKA begann, gab es lediglich zwölf Astronomen im Land; in einem nationalen Statusbericht hatte man gerade einen „massiven Mangel“ erkannt. Die Budgets sind seither in die Höhe geschossen, seit vergangenem Jahr gibt es eine Nationale Raumfahrtbehörde und inzwischen 396 Astronomen mit sieben Lehrstühlen im Land.

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