http://www.faz.net/-gwz-8xdcg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 02.05.2017, 15:34 Uhr

Raumsonde Cassini Abschiedstour durch die „Todeszone“

Die Saturn-Sonde „Cassini“ hat die Lücke zwischen dem Planeten und seinen Ringen durchflogen. Das Manöver galt als riskant. Hatte es auch einen wissenschaftlichen Sinn?

von
© dpa Cassini auf dem Sprung: Das seltsame Sechseck am Pol des Saturn ist keine Erfindung des Nasa-Grafikers, sondern ein reales Strömungsmuster unbekannten Ursprungs.

„Zu keinem anderen Zeitpunkt hätten wir das versucht“, versichert Earl Maize. „Aber jetzt ist der Moment gekommen.“ Das sagte er auf einer Pressekonferenz in Pasadena bei Los Angeles, auf welcher der Nasa-Manager unlängst Details der Endphase der Weltraummission „Cassini“ bekanntgab, einer busgroßen Raumsonde, die vor zwei Jahrzehnten startete und seit 2004 den großen Ringplaneten im äußeren Sonnensystem umkreist.

In all den Jahren waren nur wenige Momente für das Cassini-Team so nervenzehrend wie der Donnerstagmorgen in der vergangenen Woche, in Kalifornien herrschte da noch tiefe Nacht. Zwanzig Stunden zuvor hatte die über drei Milliarden Dollar teure Sonde ihre in Italien gefertigte Hauptantenne von der Erde weg in Flugrichtung gedreht und war dann durch den D-Ring gestürzt – den innersten der sieben Saturnringe, die in der Reihenfolge ihrer Entdeckung mit den Buchstaben A bis G bezeichnet werden. Mit 124.000 Kilometern pro Stunde raste das Gefährt 300 Kilometer unterhalb der mutmaßlichen Innenkante des D-Ringes und knapp 2800 Kilometer oberhalb der Wolkendecke des Planeten hindurch. Währenddessen hoffte man in Pasadena, die Breite des D-Ringes richtig modelliert zu haben. „Bei dieser Geschwindigkeit“, sagte Maize, „kann das kleinste Körnchen ein Instrument oder auch die Sonde insgesamt lahmlegen.“

46176851 © Nasa Vergrößern Das Auge des Sechseckwirbels am Nordpol des Saturn: Aufgenommen am Mittwochmorgen deutscher Zeit, drei Stunden vor dem Durchstoßen der Ringebene. Wie bei den beiden folgenden, aus noch größerer Nähe aufgenommenen Bildern handelt es sich um unprozessierte Rohdaten.

46177133 © Nasa Vergrößern Nahaufnahme der Atmosphäre des Saturn.

46177134 © Nasa Vergrößern Wolkenwirbel auf dem Saturn.

Doch es ging alles gut. Cassini war nach dem Stunt problemlos in der Lage, seine Antenne, wie vorab programmiert, wieder in Richtung Erde zu drehen und die während der Annäherung aufgenommenen Messdaten zu übermitteln, darunter die nebenstehend gezeigten Bilder. Und in der Nacht zum Dienstag den 2. Mai gab die Nasa bekannt, dass sie sich grundlos Sorgen gemacht hatte. Der Raum zwischen Planet und seinen Ringen war sogar verblüffend sauber. Das zuständige Messinstrument an Bord registrierte sogar viel weniger Staubpartikel als bei ähnlichen Manövern an der Außenkante des Ringsystems, wo die Sonde die Äquatorebene des Saturn im Laufe ihrer Mission schon mehrfach durchstoßen hatte. Und die wenigen Partikel, die auf Cassinis Detektor aufschlugen waren feiner als der Staub, aus dem Zigarettenrauch besteht. Bei zukünftigen Lückendurchquerungen muss die Sonde daher nicht mehr mit der Antennenschüssel voran fliegen, um ihre empfindlicheren Teile zu schützen

Denn das Ganze war erst der Beginn des „Grand Finale“. So nennt die Nasa mit der ihr eigenen Neigung zum Pathos eine Sequenz aus insgesamt 22 solchen Manövern, die Cassini bis zum 15. September durchführen soll. In den letzten Umläufen wird die Sonde dann sogar jeweils kurz in die äußere Atmosphäre des Saturn eintauchen und im allerletzten verglühen wie eine Sternschnuppe. Diesen Abgang hat Cassini sich sozusagen selbst eingebrockt. Denn die Daten, welche die Sonde von den Saturnmonden Titan und Enceladus erhob, lassen bei beiden auf Ozeane flüssigen Wassers unter ihren Eiskrusten schließen. Bei Enceladus gibt es zudem klare Indizien für einen Unterwasser-Vulkanismus, weswegen es nicht auszuschließen ist, dass sich dort eine primitive Biosphäre entwickelt hat. Ließe man Cassini nach der baldigen Erschöpfung seiner Treibstoffvorräte unkontrolliert im Orbit um den Saturn, bestünde eine – wenn auch winzige – Wahrscheinlichkeit, dass die Sonde eines Tages auf einen dieser Monde stürzt. Eventuell noch vorhandene Bazillen von der Erde könnten dann besagte Ozeane kontaminieren und künftige Astrobiologen verwirren.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite