16.11.2004 · Bisher fliegt sie ganz nach Plan: Nach einer mehr als einjährigen Reise hat die europäische Sonde „Smart 1“ den Erdtrabanten erreicht. Sie soll im kommenden Jahr die dunkle Seite des Mondes erforschen.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Raumfahrt umkreist eine europäische Sonde den Mond. Der Satellit „Smart-1“ ist nach einem 13monatigen Flug planmäßig in eine Umlaufbahn um den Erdtrabanten eingetreten, meldete die Europäische Weltraumorganisation (ESA) am Dienstag morgen. Die Sonde soll vor allem die dunkle Seite des Mondes mit möglichen Ressourcen von Wassereis erforschen.
Nach den Worten von Projektleiter Guiseppe Racca wird das Haupttriebwerk von „Smart 1“vier Tage lang ununterbrochen laufen, um die Sonde allmählich in seine endgültige Umlaufbahn zu steuern. Diese soll das Raumfahrzeug Mitte Januar erreichen. Dann wird „Smart 1“den Mond in einer Höhe zwischen 300 und 3.000 Kilometern umkreisen. Die Umlaufzeit verkürzt sich auf fünf Stunden. „Smart 1“ soll etwa sechs Monate lang den Mond untersuchen.
Erstmals setzten die Europäer bei dieser Mission den revolutionären „Ionen-Motor“ ein, der mit Sonnensegeln Lichtstrahlen für die Stromerzeugung einfängt. Mit nur 52 Kilogramm Treibstoff legte die Raumsonde 78 Millionen Kilometer zurück, bevor sie am Montag um 18. 53 Uhr in die erste Mond-Umkreisung einschwenkte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Sonde noch mehr als 5.000 Kilometer vom Mond entfernt. In den kommenden vier Tagen soll diese Umlaufbahn justiert werden, so daß „Smart 1“ dann in einer Entfernung von 300 Kilometern den südlichen Pol umkreist, während die Entfernung am nördlichen Pol 3.000 Kilometer betragen soll. Der Ionen-Motor ermöglicht Langzeit-Missionen im Raum, die mit traditionellen Antriebsweisen nicht realisierbar gewesen wären.
Erforschung der „dunklen Seite des Mondes“
Mitte Januar 2005 soll die Sonde mit ihrem wissenschaftlichen Erkundungsprogramm zu beginnen. Die Kartierung der Oberfläche und die Untersuchung der chemischen Zusammensetzung des Mondbodens wird dann im Vordergrund stehen. Besonders interessieren sich die beteiligten Wissenschaftler für die erdabgewandte Seite und die Pole, wo in tiefen Kratern Wassereis vermutet wird. Beide Regionen sind - trotz der Apollo-Flüge vor 30 Jahren - noch weitgehend unerforscht.
Im Gegensatz zu den Apollo-Raumschiffen wird „Smart-1“ sich auf eine Erkundung des Mondes aus dessen Orbit beschränken - eine Landung ist nicht vorgesehen. In der ersten, jetzt abgeschlossenen Phase des „Smart-1“-Mission ging es darum, eine neue Antriebstechnologie zu testen, die als Schlüssel für künftige Flüge zu weit entfernten Planeten gilt. Der von „Smart-1“ verwendete solarelektrische Antrieb benötigt nur geringe Mengen an Treibstoff und soll sich daher auf Langstrecken bezahlt machen. Laut ESA sind die bisherigen Tests mit dem Antrieb erfolgreich verlaufen.
Vorreiter einer besseren Kommunikation
„Smart-1“ ist daneben Vorreiter einer besseren Kommunikation in der Raumfahrt. Mit einem der sieben Instrumente an Bord (KaTE) wurde erprobt, wie sich größere Datenmengen weit rascher über weite Entfernungen übermitteln lassen als bisher möglich. Außerdem konnte in einem Experiment eine Laserverbindung mit dem weit entfernten und schnellen Raumfahrzeug aufgebaut werden. Die aktuelle Mission von „Smart“ (kurz für: Small Mission for Advanced Research and Technology), die vom Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt gesteuert wird, ist nur der erste in einer Reihe von Testflügen, mit der weitaus ehrgeizigere Missionen zu anderen Planeten im Sonnensystem vorbereitet werden sollen.
An Bord der 100 Millionen Euro teuren Mond-Sonde sind sieben Instrumente in Kleinformat. Sie wiegen zusammen nur 19 Kilogramm und haben alle Tests im All bestanden - Europas Erkundung des Mondes kann also beginnen. „Wir kehren zum Mond zurück, weil wir denken, daß Leben und Arbeiten dort eine Zukunft hat“, sagt der Esa-Projektwissenschaftler Bernard Foing. Trotz der sechs „Apollo“-Flüge der Amerikaner vor mehr als drei Jahrzehnten wollen die Raumfahrtnationen noch eine ganze Menge Rätsel des Erdtrabanten lösen. Und dann geht es noch darum, geeignete Landegebiete für eine Mond-Besiedlung auszukundschaften.
In den nächsten sechs Monaten gilt es, Daten zu sammeln. So wurde von der Esa „die erste umfassende Untersuchung der wesentlichen chemischen Elemente auf der Mondoberfläche“ angekündigt. Mit an Bord sind eine hochauflösende Mini-Kamera und zwei Spektrometer. Darunter ist ein Infrarotgerät des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau (Niedersachsen), das einen sehr tiefen Blick in den schattigen Südpolkrater werfen soll. Im Griff des Mondes diesen besser kennenzulernen, darum geht es, für spätere Forschungsstationen dort oder auch als Testgelände für Mars-Flüge.