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Mysteriöses Blinken : Staub statt Aliens

Verdunkelung durch Kometenreste? Die erste Vermutung zum Ursprung der Helligkeitsschwankungen von KIC 8462852 wurde nun revidiert (künstlerische Darstellung). Bild: AFP

Bürgerwissenschaftler hatten ihn vor vier Jahren entdeckt: einen Stern, der ungewöhnliche Lichtsignale zu senden scheint. Nun gibt es neue Ergebnisse.

          Es ist eine außergewöhnliche Geschichte, die sich hinter dem Stern mit Namen KIC 8462852, dem „mysteriösesten Stern unserer Galaxie“, verbirgt. Im Jahr 2013 war dieser mehr als 1000 Lichtjahre entfernte Stern von Bürgerwissenschaftlern, die im Projekt „Planet Hunters“ in Daten des Kepler Weltraumteleskops der Nasa nach Exoplaneten gesucht hatten, wegen seiner außergewöhnlichen Lichtkurve entdeckt worden: Anders als alle bekannten ähnlichen Sterne, verdunkelte sich dieser Stern in einer ganz ungewöhnlichen, unregelmäßigen Art und Weise. Astronomen um Tabetha Boyajian analysierten schließlich 2016 die vollständigen Daten, die Kepler innerhalb von vier Jahren gesammelt hatte, und versuchten, die erstaunliche Erscheinung zu erklären.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ihr Ergebnis war verwirrend: Die irregulären Verdunkelungsphasen, bei denen die Helligkeit des Sterns um rund 20 Prozent abnahm, dauerten jeweils zwischen fünf und 80 Tage. Der durchschnittliche Hauptreihenstern schien keinen nahen Partner zu besitzen, der für die Verdunkelung verantwortlich gemacht werden konnte. Instrumentelle Störeffekte oder Fehler in der Datenbearbeitung konnten ebenfalls ausgeschlossen werden. Unter den astrophysikalischen Szenarien, die prinzipiell die Verdunkelungen hätten erklären können, konnten die meisten von den Wissenschaftlern ausgeschlossen werden. Am plausibelsten erschien den Autoren die Möglichkeit, dass eine Gruppe von Exokometen oder größeren Gesteinsbrocken vor dem Stern vorbeiliefen. Eine abschließende Entscheidung über die wirkliche Natur von „Tabbys Stern“, wie KIC 8462852 nach der leitenden Astronomin des Projektes auch genannt wird, war auf der Grundlage der verfügbaren Daten aber nicht möglich.

          Staubteilchen vor einem möglicherweise variablen Stern werden nun als wahrscheinlichste Erklärung der Helligkeitsschwankungen gehandelt (künstlerische Darstellung).
          Staubteilchen vor einem möglicherweise variablen Stern werden nun als wahrscheinlichste Erklärung der Helligkeitsschwankungen gehandelt (künstlerische Darstellung). : Bild: JPL-Caltech

          Diese unbefriedigende Situation rief schnell die „Seti“-Community, die Jäger nach extraterrestrischer Intelligenz, auf den Plan, die eine alternative Erklärung für die merkwürdigen Signale präsentierten. Demnach seien die Helligkeitsschwankungen möglicherweise Hinweis auf eine von Alien geschaffene Megastruktur, wie eine Gruppe um den Astronomen Jason Wright schon 2015 gemutmaßt hatte. Um dieser Hypothese weiter nachzugehen, wurden allerdings weitere Daten benötigt, und zwar möglichst schnell und umfangreich, ohne auf den üblichen Bewilligungsprozess von Beobachtungszeit an für Astronomen öffentlich zugänglichen Observatorien warten zu müssen.

          Vor diesem Hintergrund entschied sich die Astronomin Tabetha Boyajian zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie startete eine Crowdfunding Kampagne auf der Plattform Kickstarter, um Beobachtungszeit an privat betriebenen, kostenpflichtigen Observatorien finanzieren zu können. Die Unterstützer konnten sich, je nach gespendetem Betrag, auf verschiedene Gegenleistungen freuen: von einem einfachen Dankeschön über eine Namensnennung auf der Webseite oder in resultierenden Veröffentlichungen, Mitspracherecht in der Benennung zukünftiger Verdunkelungen bis zu einem Treffen mit dem Forschungsteam. Knapp 2000 Förderer brachten es schließlich gemeinsam auf eine Finanzierungssumme von mehr als 100.000 Dollar.

          Die Ergebnisse der so finanzierten Beobachtungen mithilfe bodengebundener Teleskope wurden nun von einer Gruppe von mehr als 100 Wissenschaftlern um Boyajian in den Astrophysical Journal Letters veröffentlicht. Dabei konzentrierten sich die Forscher auf die Analyse der ersten beobachteten, fünf Tage andauernden Verdunkelung im Mai des vergangenen Jahres, die auf den Namen „Elsie“ getauft wurde. Die Auswertung der Daten brachte einen entscheidenden Hinweis zum Vorschein: Die Verdunkelungen geschehen nicht in allen Bereichen des elektromagnetischen Spektrums gleichermaßen. Mit anderen Worten: Eine Interpretation, in der sich ein lichtundurchlässiges Objekt, wie eine von Aliens geschaffene Megastruktur, vor der Stern schiebt scheint mit den Daten unvereinbar.

          Viel wahrscheinlicher ist es demnach, dass KIC 8462852 sich hinter einem Schleier kleiner Staubkörnchen mit Größen unterhalb eines Mikrometers verbirgt und möglicherweise zusätzlich selbst aufgrund stellarer Prozesse seine Helligkeit variiert. Die Autoren verweisen nun auf zukünftige Analysen weiterer Verdunkelungen, deren Auswertung bislang noch aussteht, um weitere Klarheit zu schaffen. Die Enttäuschung derjenigen, die auf ein Zeichen von Außerirdischen gehofft hatten, wird dennoch groß sein. Die gemeinschaftliche Anstrengung der Freunde von „Tabbys Stern“ könnte dennoch in die Geschichte eingehen – wenn schon nicht als Voraussetzung der Entdeckung einer fremden Zivilisation, dann wenigstens als die erste erfolgreiche Crowd-Funding Kampagne einer astronomischen Studie.

          Quelle: FAZ.NET

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